Dorf im Bombenhagel: Sandershausen traf es am schwersten

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Wurde ebenfalls zerstört: Die Orangerie in Kassel.

Die Bombenschützen verfehlen 19 Tage vor dem Kasseler Bombenhagel die Innenstadt. Es entstehen heftige Schäden im Norden und Osten der Innenstadt, am schwersten wird jedoch das Dorf Sandershausen getroffen.

Kassel. Der Bomberverband, der in dieser Nacht in Richtung Kassel flog, war noch größer als jener, der 19 Tage später die Stadt in Schutt und Asche legte: 540 britische Bomber sind in der Luft, vollgepackt mit tödlicher Ladung. Doch die Stadt kommt vergleichsweise glücklich davon. Denn die Bomber haben keine Sicht. Es ist bitterkalt in der Nacht, Otto Oßwald (Jahrgang 1927), ein Flakhelfer aus Marburg, notiert in sein Tagebuch: „Nachts null Grad, tags blauer Himmel.“

Möglicherweise war die Wetterprognose für die Bomberverbände falsch – jedenfalls ist Kassel unter einer dicken Wolkendecke verborgen. Dennoch versuchen es die Flieger. Der Bombenalarm ertönt am Abend, um 21.11 Uhr fallen die ersten Bomben, der Angriff ist kürzer als der am 22. Oktober, nach 27 Minuten ist alles vorbei. Die sogenannten Pathfinder (Pfadfinder), die Flugzeuge also, die die Leuchtmarkierungen („Christbäume“) setzen sollen, liegen mit der Positionierung der Leuchtmunition falsch. Die Bombenschützen halten sich an die Leucht-Vorgaben und laden ab – und verfehlen die Innenstadt, das eigentliche Ziel.

Sandershausen im Bombenhagel

Dennoch gibt es heftige Schäden im Norden und Osten der Innenstadt. Am heftigsten aber trifft es das Dorf Sandershausen: Der Ort geht im Bombenhagel förmlich unter, mehr als die Hälfte der Gebäude wird zerstört oder schwer beschädigt. Die Bilanz für Sandershausen: 24 Einwohner sind tot, 40 Pferde und 85 Kühe ebenfalls. 300 Familien müssen außerhalb des Dorfes eine neue Bleibe suchen. Die Flakstellung in Ortsnähe erwischt es noch heftiger: Ein Volltreffer landet in der Stellung, 48 Mitglieder der Flak-Besatzung werden getötet. Davon sind 23 Schüler der Friedrich-Wilhelm-Schule in Eschwege, die, genauso wie Marburger Schüler, zum Dienst an der Flak eingezogen worden waren. Der jüngste der getöteten Schüler ist 15 Jahre alt: Bruno Holzapfel. 25 Flak-Soldaten werden ebenfalls getötet, 50 wurden verwundet. Insgesamt, so erinnert sich Oßwald, waren für die Flakstellung etwa 120 Schüler rekrutiert worden.

In Kassel ist die Innenstadt zwar noch einmal davongekommen – aber auch da hat es beispielsweise die Orangerie erwischt. Außerhalb des innerstädtischen Kerns gibt es aber einige sogenannte „Großschadensstellen“: So zum Beispiel die Holländische Straße, die Sandershäuser Straße mit der Haferkakaofabrik, Mönchebergstraße, Stadtkrankenhaus, Fieseler Werk, Spinnfaser, Henschel. Das Werk II der Firma Salzmann und Co. wird völlig zerstört. Ein Großteil der Bomben geht zwar auf freiem Feld nieder, doch es werden auch so noch 382 Häuser zerstört, in Wolfsanger und Ihringshausen gehen rund 50 Bauernhöfe im Bombenhagel unter oder werden beschädigt.

118 Menschen sterben, 300 Einwohner werden verletzt. Und zerstört wird auch die Traditionsgaststätte „Zur Insel Helgoland“ am Inselweg in Bettenhausen – die Wiege des Kasseler Fußballs. Der BC Sport wurde hier gegründet – und auch der SV Kurhessen, ein Vorgängerverein des KSV Hessen Kassel. Die Wirtsleute Albert und Lina Leinweber müssen sich eine neue Bleibe suchen. Sie wohnen fortan in der Moltkestraße, einer kleinen Verbindungsstraße zwischen Königsstraße und Mauerstraße. 19 Tage später kommen beide im Bombenhagel ums Leben.

Die Schreckensnacht

Der Abend des 22. Oktober 1943 und die Nacht auf den nächsten Tag waren für Kassel die schlimmsten Stunden seiner Geschichte. Über 400.000 Bomben fielen in wenigen Minuten auf die Stadt, die zu der Zeit als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands galt. 10.000 Menschen kostete der Bombenangriff der Briten ihr Leben. Tausende wurden verletzt, obdachlos oder verloren all ihr Hab und Gut. 2018 jährt sich das Ereignis zum 75. Mal. Grund genug, mit Zeitzeugen zu reden – und die Schicksale der Menschen aufzuarbeiten, die in dieser Nacht ihr Leben ließen. EXTRA TIP-Fotograf Harry Soremski und Autor Horst Seidenfaden tun dies in ihrem von der Kasseler Sparkasse geförderten Buchprojekt („Diese Tränen trocknen nie“, ISBN-13: 978 394 313 2748, 29,80 Euro).

Kooperationspartner ist der Verein Freunde des Stadtmuseums. Der EXTRA TIP begleitet das Projekt mit einer Serie.

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