Dramatisch: DEHOGA Hessen befürchtet bis zu 1.500 Betriebsaufgaben

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Bei über der Hälfte der hessischen Betriebe in Hotellerie und Gastronomie bricht der Umsatz in den aktuellen Sommermonaten um über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein. Bei einem weiteren Drittel der Betriebe liegt der Umsatzeinbruch zwischen 40 und 20 Prozent. Ein Viertel verzeichnet sogar Umsatzeinbußen von über 70 Prozent.

Dank des guten Wetters und Lockerungen scheint ein Großteil der hessischen Gastronomie das Corona-Jahr 2020 mit einem dicken blauen Auge zu überstehen. Bei Clubs, Bars und auch der Hotellerie sieht es jedoch düster aus. Miriam Schönauer-Seidel vom Hotel „Chasssalla” in Kassel berichtet von schlaflosen Nächten und Zukunftsangst.

Hessen/Kassel. Menschen liegen in an Stränden in der Sonne, das Reiseland Deutschland erlebt auch wegen der Corona-Pandemie großer Nachfrage. Hochzeiten dürfen wieder gefeiert werden, in Cafés, Restaurants und Biergärten ist ein Aufenthalt unter Einhaltung der Hygienevorschriften nahezu ungetrübt möglich. Alles gut also in der Gastronomie und Hotellerie? Mitnichten, wie der Branchenverband DEHOGA Hessen anlässlich der Sommerpressekonferenz mahnt.

Die aktuellen Zahlen zur wirtschaftlichen Lage im hessischen Gastgewerbe zeigen die prekäre Situation der Mehrheit der Betriebe. Geschäftsaufgaben würden vor allem für das letzte Quartal des Jahres in einem erheblichen Umfang von bis zu einem Fünftel der Betriebe erwartet. „Uns steht eine Insolvenzwelle im Herbst dieses Jahres bevor.“, sagte Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Hessen, und beschreibt zugleich, welche Bereiche der Branche besonders betroffen sind: „Clubs, Discotheken und die von Geschäftsreisenden und dem Tagungsgeschäft abhängige Stadthotellerie kämpfen mit den akutesten Existenzsorgen.“

 Eine der Betroffenen ist Miriam Schönauer-Seidel. Seit 1998 betreibt sie das 77-Betten-Haus „Chassalla“ in der Wilhelmshöher Allee in Kassel. Gern gebucht von Tagungsgästen oder Stadttouristen, am Wochenende kommen die Familien. Oder vielmehr: Kamen. Denn während in den Vorjahren die Auslastung bei 80 Prozent lag, herrscht seit Mitte März tote Hose. „Bis Jahresende wird ein Verlust von gut 300.000 Euro aufgelaufen sein“, bilanziert die engagierte Hotelbetreiberin traurig.

Das Hotel Chassalla wurde 1991 in der Wilhelmshöher Allee erbaut und wird seit dem als Hotel betrieben. Seit 1998 von Miriam Schönauer-Seidel. Sie sagt: „Im April hatte ich den miesesten Umsatz überhaupt.“ Ihre Verluste in diesem Jahr beziffert sie auf gut 300.000 Euro.

Kämpferisch hat sie bislang alle zur Verfügung stehenden Instrumente eingesetzt: Mitarbeiter in Kurzarbeit, Soforthilfen beantragt. Doch auch wenn das Gäste-Aufkommen geringer ist: „Das Haus muss ja ständig in Schuss gehalten werden.“ Und auch die Pacht hat sie jeden Monat zu begleichen. „Jetzt werde ich mich mit dem Vermieter zusammensetzen müssen, es geht nicht mehr.“ Nicht nur finanziell, auch psychisch und körperlich haben die vergangenen Monate Miriam Schönauer-Seidel zugesetzt. „Es sah in vielen Stunden sehr sehr bitter aus“, berichtet sie. Doch noch wirft sie nicht das Handtuch. Auch wenn klar ist: „Bevor ich Kredite aufnehme, muss klar sein, ob es sich überhaupt lohnt weiterzumachen. Der verlorene Umsatz lasse sich nämlich nicht einfach wieder aufholen.

Speise-Gastronomie könnte mit blauem Auge davonkommen

Während die speisegeprägte Gastronomie in Stadt und Land weit überwiegend davon ausgeht, die Krise radebrechend zu überstehen, gibt rund ein Viertel der Hotellerie in Hessen an, bis zum Jahresende Insolvenz anmelden zu müssen. Die städtischen Hotels sind überproportional hart betroffen. Doch auch bei Restaurants, Cafés oder Bistros ist eine wirtschaftliche Überlebensperspektive nur aufgrund der Möglichkeiten der Kurzarbeit, teilweisen Stundungen von Dauerverbindlichkeiten oder durch staatliche Förderprogramme und Kredite gegeben. Bei über der Hälfte der hessischen Betriebe in Hotellerie und Gastronomie bricht der Umsatz in den aktuellen Sommermonaten um über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein.

Bei einem weiteren Drittel der Betriebe liegt der Umsatzeinbruch zwischen 40 und 20 Prozent. Ein Viertel verzeichnet sogar Umsatzeinbußen von über 70 Prozent. Die Schätzungen für bis Ende August sind mit diesen validierten Umsatzzahlen nahezu identisch. Damit steht auch fest: „Urlaub im eigenen Bundesland und die Ferienzeit haben keinen Boom in Hessens Tourismuswirtschaft ausgelöst. Einerseits können verlorene Umsätze im Gastgewerbe nie nachgeholt werden und andererseits hat der erhoffte ‚run‘ auf viele hessische Destinationen bis jetzt einfach nicht stattgefunden.“, kommentiert Wagner die Rückmeldungen von knapp 1.000 Betrieben. Verband befürchtet bis zu 1.500 Betriebsaufgaben.

Insgesamt würden die neuesten Erkenntnisse den seit Monaten mahnenden Verband nicht überraschen, so dessen Präsident Gerald Kink, doch in konkreten Zahlen seien die Szenarien umso alarmierender: „Wir müssen mit bis zu 1.500 Betriebsaufgaben in den kommenden Monaten rechnen. Angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des Gastgewerbes für unser Bundesland ist das ein herber Schlag für Wirtschaft und Beschäftigung. Das Gastgewerbe hat mit mehr als vier Prozent einen gewaltigen Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Hinter jeder einzelnen Zahl steht eine persönliche Existenz. Und der Lockdown hat allen Bürgerinnen und Bürgern in Hessen klar werden lassen, was es heißt, wenn es keine Gastronomie gibt.“, machte Präsident Kink deutlich.

 

Das Schlimmste steht uns noch bevor

Zusammen genommen beschäftigen alle Unternehmen der Branche über 200.000 Menschen. Davon waren allein im Mai 2020 72 Prozent der Beschäftigten in Kurzarbeit. 75 Prozent der gastgewerblichen Unternehmen in Hessen gäben an, dass sie nur durch begleitende Maßnahmen, eine Chance sehen, die Krise zu überstehen. Begleitende Maßnahmen seien in diesen Zusammenhang das bereits erwähnte Kurzarbeitergeld, die Corona-Soforthilfen, die aktuell laufenden Überbrückungshilfen sowie die staatlichen Kredite. „Dabei muss uns allen klar sein, dass Kredite nur beschränkt eine Lösung darstellen und die Belastungen zeitlich verlagern. Der Druck auf der Branche bleibt immens.“, so Kink. Zudem fielen viele Betriebe bei den Überbrückungshilfen durch das Raster. Der Verband sei der verantwortlichen Politik in Bund und Land dankbar für ihr schnelles Handeln. Doch nun dürfe nicht der Fehler begangen werden, zu glauben, die Krise sei überstanden. Gerald Kink: „Das Schlimmste steht uns noch bevor!“

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