DRK-Klinikmitarbeiter empört: Gehaltsverzicht und weniger Urlaub

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Die DRK Kliniken Nordhessen beschäftigen an den Standorten in Wehlheiden und Kaufungen etwa 900 Mitarbeiter. Jährlich betreut man über 15.000 Patienten und 50.000 Notfall- und ambulante Patienten.

Sechs Prozent weniger Lohn, Verzicht auf fünf Urlaubstage und unbezahlte Überstunden: In Zeiten der Corona-Krise klingen die Einschnitte für das Personal in den DRK-Kliniken Nordhessen wie blanker Hohn. Doch tatsächlich hat man vor gut zwei Wochen anlässlich einer Mitarbeiterversammlung über eine Reihe von „Möglichkeiten” zur finanziellen Gesundung der Kliniken mit Standorten in Kassel und Kaufungen gesprochen. Teilnehmer der Veranstaltung empfanden das als „Ohrfeige” – in Zeiten, wo die Öffentlichkeit mit Applaus für den Einsatz dankt. Doch auch die Klinikleitung "ist wütend", wie sie in einem Offenen Brief kommuniziert.

Kassel.  Sie stehen an der Front. Jeden Tag. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Krankenhäuser weltweit gehen an ihre Grenzen – und darüber hinaus. Nicht erst seit gestern, aber ganz besonders natürlich im Kampf gegen das Corona-Virus. Während von Balkonen für die Bediensteten applaudiert wird und die KSV Hessen-Fans vom „Block 30“ mit Dankesplakaten die Leistungen in den Krankenhäusern würdigen, bekamen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DRK Kliniken Nordhessen in diesen Tagen von ihrer Geschäftsführung einen dicken Stimmungsdämpfer verpasst.

 „In einer Mitarbeiterversammlung vor 14 Tagen wurde den Anwesenden unterbreitet, dass es nicht gut um die Kliniken stehe“, informierten mehrere Mitarbeiter den EXTRA TIP. Nachdem bereits Ende vergangenen Jahres mit der Schließung des Standortes Bettenhausen eine existenziell notwendige Sanierung von Seiten der Klinikleitung vorangetrieben worden war (der EXTRA TIP berichtete), sollen dem vernehmen nach nun auch die Mitarbeiter ihren Beitrag zum Überleben der Kliniken leisten.

„Man erwartet von uns: Sechs Prozent Lohnverzicht, fünf Urlaubstage weniger und die Überstunden sollen auch nicht mehr vergütet werden“, schildert eine Mitarbeiterin, die die Maßnahmen „in Anbetracht des Pflegekräftemangels als Schlag ins Gesicht der überforderten Ärzte und Pflegekräfte“ empfindet.

Auf EXTRA TIP-Anfrage bestätigt Simone Hoffmann, die als Kommunikationsberaterin im Gesundheitswesen für die DRK-Kliniken spricht, die Versammlung. „Dort wurden die Maßnahmen vorgestellt, die wir umsetzen wollen, um wirtschaftlich zu gesunden.“

Die konkreten Punkte bestätigt sie nicht, sagt stattdessen: „Wir haben über eine Vielzahl an Möglichkeiten gesprochen.“ Während Beteiligte berichten, „dass sich 80 Prozent der Anwesenden gegen diese Forderungen aussprachen und dann zu hören bekamen, dass bei einer weiterhin ablehnenden Haltung eine Insolvenz nicht abwendbar sei“, schildert Simone Hoffmann eine andere Atmosphäre: „Während der Versammlung wurden viele Fragen gestellt und konstruktiv diskutiert. Im Nachgang der Versammlung haben sich darüber hinaus sehr viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gemeldet, um eigene Vorschläge für Verbesserungsmaßnahme einzubringen – wozu die Geschäftsführung ausdrücklich eingeladen hatte. Die hohe Beteiligung am Vorschlagswesen ist ein starkes und gesundes Commitment zu uns als Arbeitgeber.“

Es sei auch nie zu einer Drohung mit Insolvenz gekommen, bekräftigt die Unternehmenssprecherin. Sie sagt aber auch: „Dass die Situation für deutsche Krankenhäuser angespannt ist, ist kein Geheimnis. Mittlerweile sind mehr als 50% der Krankenhäuser deutschlandweit von Insolvenz bedroht, in Zeiten von Pandemien ist das ein Desaster!“

Aktuell haben die DRK-Kliniken Nordhessen ihre Beatmungskapazitäten mehr als verdoppelt, um die Bevölkerung im Notfall versorgen zu können. Die akute Covid 19-Situation sei auch der Grund, weshalb man den Sanierungsprozess ausgesetzt habe.

Zur Frage, wie viele Mitarbeiter von eventuellen Maßnahmen betroffen sein werden, antwortet Simone Hoffmann: „Wenn die Möglichkeiten in Maßnahmen münden, werden alle Beschäftigte als Projektbeteiligte involviert sein.“

Zur Zeit sei das aber wirklich kein Thema: „Derzeit beschäftigen wir uns nur mit der medizinischen Versorgung von Covid-19-Patienten.“

In einem deutlichen Statement wendet sich die Geschäftsführung der DRK-Kliniken an die Öffentlichkeit. Der aktuell vorliegende Gesetzesentwurf reiche nicht im Mindesten, um die Kosten für die Versorgung von Corona-Patienten zu decken.

„Wir sind wütend: Wir haben alle Anforderungen der Bundesregierung umgesetzt, die angeordnet wurden, um auf den Ansturm von Corona-Patienten vorbereitet zu sein. Konkret haben wir alle verschiebbaren OP’s abgesagt, zum Teil Patienten, die bereits in unserem Haus waren, wieder entlassen, Intensivkapazitäten hochgefahren und wären bereit, einen stillgelegten Krankenhausstandort zu reaktivieren, was sicherlich mehr Sinn macht als Turnhallen und Hotels zu ertüchtigen. Aber das alles kostet Geld und mindert unsere Erlöse empfindlich. Wir haben an die Aussagen von Gesundheitsminister Spahn geglaubt, der einen adäquaten Finanzausgleich versprochen hat. Seit gestern wissen wir: Die in Aussicht gestellten Mittel reichen hinten und vorne nicht. Wir haben nicht genug Geld, um ausreichend Hygieneausstattung zu besorgen, da die Preise weltweit gerade exponentiell steigen, wir haben nicht genug Geld, um unsere Corona-Patienten adäquat zu versorgen, denn wir brauchen zusätzlich zu den Maßnahmen, die wir aus eigener Kraft gestemmt haben, Finanzhilfen, mit denen wir Beatmungsgeräte kaufen können. Und durch die Kapazitäten, die wir für Corona-Patienten freihalten, ist zudem die Versorgung von Notfallpatienten eingeschränkt. Das geht nicht nur uns so, das geht fast allen Häusern so. Konkret bedeutet der Gesetzesentwurf Folgendes: – Kein Ausgleich für den Mehraufwand für Verbrauchsmaterialien – Aufbau dringend benötigter Intensivkapazitäten wird grundlos verzögert – Pauschalbeträge decken Erlösausfall bei weitem nicht – Unverhältnismäßige Bürokratie wird nicht ausgesetzt und schränkt Versorgung ein – Deckelung der Ausgleichzahlungen führt zu Insolvenz-Welle bei Krankenhäusern, was die Versorgungssituation deutschlandweit noch prekärer macht Wir fordern: Minister Spahn, stehen Sie zu Ihren Aussagen und unterstützen Sie die Krankenhäuser so, wie es unsere Situation gerade erfordert und wie es die Bevölkerung braucht. Sonst haben wir in naher Zukunft italienische Verhältnisse. Unser Dachverband Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hat in Abstimmung mit vielen Krankenkassen folgenden Finanzierungsvorschlag gemacht, und zu dem stehen wir: – Pragmatische, gerechte Finanzierung – Deckung der Mehrkosten für Schutzausstattung – Höhere Behandlungskosten werden finanziert – Einmalerstattung für zusätzliche Intensivbetten – Aussetzen aller bürokratischen Hürden zur Entlastung des Personals

Leider geschieht gerade das Gegenteil und das ist sehr gefährlich für alle Corona-Infizierten und für das deutsche Gesundheitssystem.“

Alexander Lottis, Claudia Nehrig, Jens Horstmann“

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