Druck ist ihr Trumpf: Betrugsmasche quer durch Hessen und Niedersachsen

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Niedenstein/Kassel. Auf das Konto einer dubiosen Kanalreinigungsfirma geht nicht nur die Abzocke eines Niedensteiners, sondern raffinierter Betrug.

Niedenstein/Kassel. Dass ihm ein schlichter Handwerksauftrag noch Tage danach schwer im Magen liegen würde, hätte Hans Mardorf aus Niedenstein nicht vermutet. Denn nicht nur war seine Toilette nach dem Einsatz einer Internet-Kanalreinigungsfirma noch immer undicht – rund 1.000 Euro zu viel, insgesamt 1.650 Euro für dreieinhalb Stunden Arbeit,  hat die Firma dem 61-Jährigen abgezapft.   Aus der Notlage wird Profit geschlagen – und ein verschwiegener Notdienst-Tarif von über 200 Euro berechnet. "Ich war in einer Notsituation,  die ausgenutzt wurde. Auch wenn ich den Auftrag unterschreibe, was ich bedauere, ist es keine Erlaubnis, mich abzuzocken", so Mardorf. Die handschriftliche Rechnung ist kaum leserlich. "Dann zückte er ein Kartenlesegerät. Und ich zahlte", sagt der Niedensteiner und schüttelt den Kopf. "Ich konnte nicht klar denken."

Kein Kammer-Mitglied, kein Fußball-Sponsor

Der Höhepunkt: Als er sich wegen der undichten Toilette beschweren und eine angemessene Rückzahlung fordern will, wird er von der Kasseler Nummer nach Bremen weitergeleitet – und abgespeist. "Ich zeige Sie an wegen Erpressung! Gehen Sie mir nicht auf die Nerven, sonst zeige ich Sie auch noch wegen Belästigung an" – sei die Aussage am Servicetelefon gewesen.

"Die Firma präsentierte sich lokal, überzeugte mit einem sehr guten Qualitätsurteil und auch der Preis war gut", erzählt Hans Mardorf. Wir forschten nach: Das Ergebnis verschlägt nicht nur dem Niedensteiner die Sprache. Das Bewertungsportal "Myline", das das Qualitätsurteil ausgestellt haben will, gibt es nicht. "Myline24" – wie die Seite richtig heißt – aus Oestrich-Winkel (Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen) verkauft Fitnessprodukte und hat den Logo-Missbrauch an ihre Rechtsabteilung weitergereicht.

Außerdem schmückt sich das Unternehmen mit Logo, Slogan und Mitgliedschaft in der Handwerkskammer (HWK) – ohne Ortsangabe. "Die Firma ist kein Mitglied in der Handwerkskammer Kassel. Es ist eine ziemlich merkwürdige Sache, das ist ganz raffiniert  gemacht", sagt Barbara Scholz, Sprecherin der HWK Kassel. Auch von der Handwerkskammer Hannover heißt es: "Meine Kolleginnen sind auf Ungereimtheiten gestoßen, die es nun aufzuklären gilt. Zu diesem Zeitpunkt können wir nicht viel sagen, außer dass der Sanitärnotdienst Kassel, der auch Standorte in unserem Kammerbezirk angibt, nicht bei uns eingetragen ist." Jetzt werde  geprüft,  ob und welche Schritte eingeleitet werden müssten.

Gefälschte Firmenadresse - Garten-Center missbraucht

Auch die Kasseler Anschrift des Unternehmens stimmt nicht: Für den Firmensitz wird die Adresse des Dehner Gartencenters missbraucht; in Göttingen ist es ein Fastfood-Restaurant. Als der Revisionsleiter des Gartencenters die Firma anruft und mit dem Vorwurf konfrontieren will, wird er zweimal aus der Leitung geschmissen. Doch auch in anderen hessischen, niedersächsischen und NRW-Städten (u.a. Hildesheim, Hannover, Gütersloh) missbraucht das Kanalreinigungsunternehmen nicht nur Adressen, sondern auch angebliche Partnerlogos. Darunter: VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig oder VfL Oldenburg. Nach einem Gespräch mit dem VfL Wolfsburg ist das Partnerpool-Logo plötzlich von der Website verschwunden. Der VfL Oldenburg habe bereits die Polizei eingeschaltet, so die Aussage einer Presse-Mitarbeiterin.

Als wir bei der Kanalreinigungsfrima nachfragt und den auf der Website angegebenen "Disponenten Herrn Müller" sprechen, heißt es: "Interessiert keine Sau. Schreib’ doch was Du willst. Tschüß."

+++ BRIEFWECHSEL VON CHEFREDAKTEUR RAINER HAHNE +++

Dreister geht es nicht mehr

Sehr geehrter Hans Mardorf aus Niedenstein,

es muss schon einiges passieren bis ein langjähriger Redakteur nach Luft schnappt. Ihre Geschichte hat dazu geführt.Toilette verstopft,  Firma über Internet gesucht und beauftragt. So weit, so gut. Doch dann kam gleich die Rechnung im Haus. 1.650 Euro wurde Ihnen abgeknöpft. Rund 1.000 Euro zuviel. Nun gut, könnte man sagen. Er ist nicht der erste, der so richtig übers Ohr gehauen wurde. Aber die Art und Weise in der diese Firma vorgegangen ist, hatte schon etwas erschreckend Modernes.

Wer sich täglich im Internet rumtreibt, weiß genau, dass man vieles nicht auf die Goldwaage legen darf. Das gilt insbesondere für sogenannte Beurteilungen, die für einige Unwissende ein "Goldenes Kalb” sind. Was da steht muss stimmen – schließlich sind es ja normale Menschen wie Du und ich, die diese Beurteilungen abgeben. Weit gefehlt. Gegen die Schiebereien und Täuschereien, die in den meisten dieser Portale abgehen, sind der ADAC, das ZDF oder der NDR Waisenknaben. Ja, es gibt sogar Berater, die sich darauf spezialisiert haben, Hotels, die so beurteilt werden, dabei zu helfen, diese Beurteilungen auszuhebeln. Dass man als netter Gast geradezu genötigt wird, sich doch mal an den Computer zu setzen und eine schöne Beurteilung zu schreiben,  gehört dazu.

Ihre Spezialfirma, Herr Mardorf, hat es sich noch einfacher gemacht. Sie hat sich ein Beurteilungsportal ausgedacht, sich selbst beurteilt. Sehr gut natürlich. Sich dreisterweise auch noch als eingetragenen Handwerksbetrieb zu bezeichnen und als Partner diverser Bundesligaklubs, hat schon eine kriminelle Energie, die mich regelrecht fasziniert. Früher war das rustikaler. Die sogenannten Fassadenhaie haben einfach nur über den Preis verkauft. Die Pechvögel, die sparen wollten, konnten sich anschließend über eine Fassade freuen, die abblätterte und schon nach kurzer Zeit erneuert werden musste.

Belogen und betrogen haben auch die sogenannten Teerkolonnen. Die kamen, haben angeboten, einen runtergekommenen Platz an einem Betrieb für wenig Geld aufzuhübschen. Ich war mal Zeitzeuge, als am nächsten Tag alle Autos bis zur Achse in diesen Platz eingesackt sind. Die Teerkolonne war schon lange über alle Berge.

Ich habe daraus eins gelernt. An meine Immobilie kommt nur ein Handwerker aus der Nähe, den ich mir greifen kann, wenn etwas nicht stimmt. Ein Mensch, den ich persönlich kenne und dem ich vertraue. Möglichst ein Betrieb mit einer etwas längeren Geschichte und gutem Leumund.  Und wenn das etwas mehr kostet – in Gottes Namen.

Mit handwerklichen GrüßenRainer HahneChefredakteur

P.s. Manchmal spart man an der falschen Stelle und muss anschließend bitter dafür bezahlen...

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