"Ein Ort wie dieser wird nicht mehr gebraucht": Uwe Lengen schließt seinen "Pferdestall"

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Letzten Sonntag schloss Uwe Lengen seine Herrenbar. Dort tranken schon prominente Gäste wie Zarah Leander, Dieter Thomas Heck und Chris Howland ein Gläschen Schampus.

Er war der Inhaber des erstem "Treffpunkt für homophile Gäste" in Kassel nach dem zweiten Weltkrieg. Jetzt hat Uwe Lengen seinen "Pferdestall" geschlossen.

Kassel. „Ein Ort wie dieser wird nicht mehr gebraucht“, sagt Uwe Lengen. Dabei steht er in seiner Gastronomie, wie er sie häufig nennt. Die Bar ist aus hellem Holz, zwei Männer sitzen dort, sind nur mit einem Handtuch bekleidet und trinken etwas Kaltes. Heute sind hier schon Tränen geflossen. Als Uwe Lengen dann am Abend den Schlüssel rumdrehte, war es das. Jetzt ist „Uwes Pferdestall – Herrenbar mit Sauna“, der erste Treffpunkt für homophile Gäste in Kassel nach dem zweiten Weltkrieg, endgültig Geschichte.

„Diese vor der Öffentlichkeit geschützten Räume werden nicht mehr gebraucht. Die Rechte sind an die Gesellschaft angepasst, ich habe mein Ziel erreicht“, sagt Lengen. Sein Ziel war es, dass sich schwule Männer in der Öffentlichkeit treffen können, ohne diskriminiert zu werden. „Dass diese Rechte aber Bestand haben, dafür lohnt es sich weiterhin zu kämpfen“, sagt Uwe Lengen. 1964 eröffnete er in der Friedrich-Ebert-Straße 26 die Gondel-Schänke, Bedrohungen und Anfeindungen waren zu dieser Zeit an der Tagesordnung für homophile Männer. Doch Lengen machte weiter, wurde zu einer Größe der Kasseler Gastro-Szene.

Uwe Lengen hat für seinen Saunaclub gern heterosexuelle Männer wie Student Eric Boelke angestellt: „Die wurden nicht so schnell weggeliebt“.

Auf insgesamt 54 Jahre im Hotel- und Gaststättengewerbe kann er zurückblicken, war lange Zeit Vorstandsmitglied des Dehoga-Bezirksverbands. Mit gerade einmal 21 Jahren übernahm er das Hotel „Haus Fieseler“, das heute nicht mehr existiert. Er wirkt wie ein äußert zufriedener Mann nach getaner Arbeit. Einer, dessen Plan aufgegangen ist.

Mit seinen Mitarbeitern habe er zudem stets Glück gehabt, diese seien immer zuverlässig gewesen. Anders als man vermuten könnte, beschäftigte er gern Hetero-Männer: „Die konnten zumindest nicht mit einem meiner Gäste durchbrennen“, sagt Lengen und lacht. Uwe Lengen machte immer weiter, egal wie schwer es war. Weil er nie einen Hehl aus seinem homophilen Lebensstil machte, saß er sogar im Gefängnis, denn bis 1969 war Homosexualität in Deutschland strafbar – „der Vorwurf hat damals meistens schon ausgereicht und man wurde verhaftet.“ Uwe Lengen sagt homophil, die Begriffe „schwul“ und „homosexuell“ vermeidet er.

Angst in ein Loch zu fallen, jetzt wo er seine Gastronomie schließt, hat er nicht. „Ich habe noch genug zu tun“, sagt er, zum Beispiel mit der Verwaltung seiner Immobilien in der Erzbergstraße, die er an Obdach- und Arbeitslose vermietet. Wer oder was in die ehemaligen Räume von „Uwes Pferdestall“ einziehen wird, steht noch nicht fest. „Auf jeden Fall keine Gastronomie, sonst könnte ich ja auch weiter machen“, sagt Lengen.

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