Lilli-Jahn-Buchvorlesung: Ein verwundetes Herz

+
Ergreifende Lesung: Totenstille herrschte als Schauspielerin Andrea Wolf (2.v.l.) und Martin Doerry aus den Briefen vorlasen. Bürgermeister Jörg Schützeberg hatte die Halle zur Verfügung gestellt, Dr. Martina Münch die Vorlesung organisiert.

Briefe aus der Nazi-Zeit: 500 Besucher bei Lilli-Jahn-Buchvorlesung in Kassel.

Kassel - 500 Zuschauer kamen vor 15 Jahren als Martin Doerry die Briefe seiner Oma an ihre Kinder während der Nazi-Zeit das erste mal in Buchform vorstellte. Zur zweiten Vorlesung war der große Saal der Jahnsporthalle erneut voll besetzt.

Während des Medizinstudiums hatte Lilli Jahn ihren Ernst kennen gelernt. Sie hatte ihn geheiratet, war zu ihm nach Immenhausen gezogen und hatte mit ihm fünf Kinder – vier Mädchen und einen Jungen.

Und dann kamen die Nazis – und mit ihnen das 1000jährige Reich mit seinen hirnrissigen Bestimmungen. Juden mussten den Judenstern tragen. Jüdischen Frauen mussten zusätzlich den Vornamen Sara tragen, durften ihren Doktortitel nicht mehr führen.

Lilli Jahn trug den Stern anfangs nicht. Grund genug für den damaligen Bürgermeister Karl Groß an seinen Kreisleiter in Hofgeismar zu schreiben, die Bevölkerung errege sich sehr darüber, dass sie den Judenstern nicht trage: "Gleichzeitg teile ich mit, dass bei der hiesigen Jüdin eine Abschiebung in Erwägung gezogen werden könnte, da der Mann mit einer Arierärztin ein Verhältnis führt und sie von ihm ein Kind erwartet."

Eine glückliche Familie: Lilli Jahn mit ihren Kindern Ilse, Eva, Johanna und Gerhard. Vater Gerhard ließ seine Frau später im Stich und verurteilte sie damit zum Tod in Auschwitz

Ernst Jahn trennte sich von seiner Frau, die mit ihren fünf Kindern nach Kassel zog und dort einen verhängnisvollen Fehler machte. "Dr. Lilli Jahn" stand auf dem Namensschild des Mehrfamilienhauses in der Motzstraße. Lilli Jahn wurde von Nachbarn denunziert. Für die Nazis Grund genug, die Mutter von fünf Kindern in ihr KZ in der Breitenau in Guxhagen zu bringen.

Für die Kinder, die allein zurück bleiben, eine unfassbare Situation. Zahlreiche Briefe wechselten zwischen der liebevollen Mutter und ihren einsamen Kindern, die vergeblich versuchten, den Vater dazu zu bringen, zu helfen. "Wie gut würde mir ein liebes Wort des Vaters tun, aber darauf darf ich wohl nicht mehr hoffen", schrieb die verzweifelte Frau, die in dem SS-Konzentrationslager in der ehemaligen Klosterkirche hilflos verfolgen musste, dass das Haus in der Motzstraße 1943 ausgebombt wurde.

Das ehemalige Kloster Breitenau in Guxhagen diente als Arbeitserziehungslager der Kasseler Geheimen Staatspolizei (Gestapo).

Lilli Jahn hatte bis zuletzt die Hoffnung, ihre geliebten Kinder wieder zu sehen, schrieb den letzten Brief von dem Transport nach Ausschwitz, als der Zug in dem zerbombten Dresden eine dreitätige Pause machen musste.

Das war das letzte Lebenszeichen von Lilli Jahn. Schon kurz danach wurde der Bürgermeister in Immenhausen darüber informiert, dass sie gestorben war.

Ihre Kinder überlebten den Krieg – trotz zahlreicher Drohungen der Nazis, sie ebenfalls zu deportieren. Die Briefe der Mutter waren das Heiligtum der Familie. Enkel Martin Doerry ernschloss sich dann, die Briefe in dem Buch "Mein verwundetes Herz" aufzuarbeiten und so einen einzigartigen Einblick in die menschenverachtende Nazi-Denke zu geben, die heute wieder ans Tageslicht kommt.

Es waren selten intensive neunzig Minuten Vorlesung.

Lesen Sie auch: "Briefwechsel: Mutter in Auschwitz ermordet"

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Handball-Star Silvio Heinevetter jetzt auch Gastronom: Betreiberwechsel im „Holy Nosh Deli“
Kassel

Handball-Star Silvio Heinevetter jetzt auch Gastronom: Betreiberwechsel im „Holy Nosh Deli“

„Wir sind hinter der Theke genau so gut, wie davor“ scherzen die neuen „Holy Nosh Deli“-Inhaber Silvio Heinevetter und Yannick Klütsch.
Handball-Star Silvio Heinevetter jetzt auch Gastronom: Betreiberwechsel im „Holy Nosh Deli“
Mitarbeiter in Flüchtlingseinrichtung mit Messer<br/>verletzt
Kassel

Mitarbeiter in Flüchtlingseinrichtung mit Messer
verletzt

27-jähriger Tatverdächtiger festgenommen
Mitarbeiter in Flüchtlingseinrichtung mit Messer
verletzt
Im Kasseler Königstor: Nils Vogel erfüllt sich Traum vom eigenen Tattoo-Studio
Kassel

Im Kasseler Königstor: Nils Vogel erfüllt sich Traum vom eigenen Tattoo-Studio

Seit drei Jahren verewigt der junge Tattookünstler grafisch-geometrische Motive unter der Haut seiner Kunden und definiert seinen eigenen Stil.
Im Kasseler Königstor: Nils Vogel erfüllt sich Traum vom eigenen Tattoo-Studio
Premiere vor Orangerie: Winterzauber startet am 29. Oktober
Kassel

Premiere vor Orangerie: Winterzauber startet am 29. Oktober

Das Warten auf die Adventszeit kann man sich in Kassel erstmals mit dem Winterzauber  versüßen.
Premiere vor Orangerie: Winterzauber startet am 29. Oktober

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.