Ex-Grenzschützer berichtet: So lief die Wiedervereinigung

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Wie war die Lage im Oktober 1990 in der Region? Ehemaliger BGS-Mann berichtet von seinen Erfahrungen während der deutsch-deutschen Wiedervereinigung

Kassel. Vor 25 Jahren – am 3. Oktober 1990 – vollzog sich der wichtigste Schritt in der jüngeren deutschen Geschichte: Die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands. An diesem 3. Oktober war sie politisch vollendet, es gehörte wieder zusammen, was zusammen gehört.

Einer, der viele Jahre bei allen Entscheidungen der innerdeutschen Grenze ganz nah dabei war, ist der ehemalige Bundesgrenzschutzbeamte (BGS) Dieter Teifke. Der heute 67-Jährige aus Edermünde-Besse arbeitete viele Jahre im Grenzschutzpräsidium Mitte in Fuldatal, das damals Grenzschutzkommando hieß.

Dort erlebte er die Höhepunkte des Kalten Krieges, das Tauwetter zum Ende der 80 Jahre, Mauerfall im November 1989 und schließlich die Wiedervereinigung hautnah mit. "Das waren spannende, ergreifende Momente", erinnert sich der  Zeitzeuge zurück. "Auch viele, die uns stolz gemacht haben."

Festakt in Obersuhl am 3. Oktober 1990

Der 3. Oktober, das finale Ende der DDR, erlebte er im osthessischen Obersuhl an der Landesgrenze zu Thüringen. Da hatte es vom Bundesgrenzschutzkommando Mitte eine letzte Aufstellung gegeben. Der Musikchor spielte, Reden wurden gehalten, Interviews gegeben. "Aber das Grenzthema war da schon  durch".

Tatsächlich waren bereits seit Frühling 1990 keine "Grenzlagen" mehr erfasst worden, Lagebesprechungen – tägliche Routine während des Kalten Krieges – wurden nicht mehr abgehalten. Deutschland wuchs mit großen Schritten zusammen: "Die Grenzsperranlagen verschwanden, wir vom Bundesgrenzschutz stellten uns bereits auf neue Aufgaben ein."

Die Feinde von einst sorgten nun dafür, dass die Erinnerung an die furchtbare Zeit der innerdeutschen Teilung nicht verblassen sollte: "Wir und unsere ostdeutschen Kollegen halfen damals, Grenzmuseen aufzubauen und mit Ausstellungsstücken zu versorgen," erinnert sich Teifke.

Heute, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, blickt der Ex-Grenzschützer zurück: "Ja, ergreifend war diese Zeit und vor allem der Moment der Wiedervereinigung schon."

Engültiges Ende der Kontrollen im Juli 1990

Am  30. Juni 1990 stellte das  Grenzschutzkommando Mitte die routinemäßige Überwachung der Grenze zwischen Thüringen und Hessen ein. Die Beamten des Grenzschutzkommandos Mitte mit den Grenzstandorten Eschwege, Bad Hersfeld, Hünfeld und Fulda,waren zuletzt (Juni 1990) an 48 Grenzübergängen zwischen Hessen und Thüringen eingesetzt. Mit einem feierlichen Appell in Wildeck-Obersuhl verabschiedete sich der BGS – Grenzschutzkommando Mitte – am 3. Oktober 1990, von der ehemaligen Grenzbevölkerung. Zu der Veranstaltung waren mehr als 2000 Besucher gekommen.

Zwischenruf von Thomas Lange

An der deutsch-deutschen Grenze sollen über 800 Menschen gestorben sein: DDR-Flüchtlinge, fliehende DDR-Grenzposten oder sowjetische Deserteure. Im selbst ernannten "Arbeiter- und Bauernstaat" herrschte ein Unrechtssystem, das Opposition im Keim erstickte und eine Gesellschaft von Spitzeln und Denuntianten hervorgebracht hatte.

Ich selbst war bei der Öffnung der Mauer sechs Jahre alt, aber erinnere mich gut an glückseelige Menschen: Im TV, auf den Straßen, in der Familie. Erschreckend ist, wie heute häufig mit der Erinnerung umgegangen wird. Sätze wie "Es war aber auch nicht alles schlecht" verhöhnen die Opfer des SED-Systems, TV-Sendungen wie die "DDR-Show" feiern Broiler, Trabbi und FKK. So wird ein Bild gezeichnet das vermittelt: "So schlimm war es doch gar nicht".

Gab es etwa eine lebenswerte, coole DDR? Nein. Es  ist wichtig, gegen solche Tendenzen zu arbeiten. In Schulen und Universitäten muss das Thema "Unrechtsstaat DDR" noch präsenter werden, Grenzlandmuseen müssen die grausamen Anlagen dieses unmenschlichen Systems in aller Härte zeigen. Und Zeitzeugen wie Dieter Teifke aus dem Westen, aber auch Zeitzeugen aus dem Osten, viel mehr gehört werden. Denn der Satz "Es war nicht alles schlecht" ist schlichtweg falsch: Selbst das, was vordergründig "nicht so schlecht" gewesen sein soll, diente nur dem verbrecherischen System der SED-Diktatur. Und nicht den Menschen darin.

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