„Finn braucht ihn doch“: Krankenkasse verweigert Unterstützung für Reha-Buggy

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Enttäuscht von der Entscheidung ihrer Krankenkasse: Sven Baudach und Katharina Ilievics mit Sohn Finn.

Damit der kleine Finn mit seinen Eltern an der frischen Luft sein kann, erhält er einen Reha-Buggy – doch das zwingend benötigte Federungssystem verweigert die Krankenkasse. Ohne das drohen Finn jedoch weitere Schäden.

Kassel. Rechnete Katharina Ilievics bis vor einem Jahr keinesfalls damit, wie sich der gesundheitliche Zustand ihres Sohnes Finn einmal entwickeln würde, hat sie trotzdem etwas geahnt: „In den ersten U-Untersuchungen wurden keine Auffälligkeiten verzeichnet, aber ich hatte immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. In der sechsten Untersuchung hat Finn plötzlich die Diagnose ‚Infantile Zerebralparese mit spastischer Tetraparese‘ erhalten“, erzählt die 40-Jährige. Hinter dieser Fachbezeichnung steckt grundlegend eine frühkindliche Hirnschädigung.

Der kleine Finn an seinem besonderen Stehtisch.

Mit nur einem Jahr wurde bei dem zwei Monate zu früh geborenen Jungen eine motorische Entwicklungsverzögerung festgestellt, die Einstufung in den Pflegegrad drei erfolgte. „Er würde ja schon längst laufen aber im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) hat man uns direkt gesagt, dass Finn im Alltag nicht allein zurecht kommen und zahlreiche Hilfsmittel benötigen wird“, sagt sein Vater, Sven Baudach. Während ein Therapiestuhl mit Rollen es dem Zweijährigen überhaupt ermöglicht zu sitzen, kann er seine rechte Hand nur stark eingeschränkt nutzen und das eigenständige Stehen ist ihm gänzlich unmöglich. Aus diesem Grund muss Finn nicht nur an einem besonderen Stehtisch befestigt werden, sondern auch Fußorthesen tragen, die einer Verformung der Füße sowie möglichen Verkürzung der Bänder entgegenwirken.

Vor einem halben Jahr bekam die Familie seitens ärztlichem Rat im SPZ ein Rezept für einen Reha-Buggy mit genauen Vorgaben, wie einem speziellen Rahmenfederungssystem. Dieses sorgt bei der Fahrt auf unebenem Untergrund dafür, dass Stöße und Vibrationen abgefangen werden. Beim Kasseler Sanitätshaus Movimento angekommen, stellte sich aber direkt Ernüchterung ein: die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), bei der die Familie versichert ist, kommt lediglich für den Reha-Buggy auf.

Streitpunkt: Reha-Buggy mit Rahmenfederungssystem

Und das, obwohl das notwendige Rahmenfederungssystem die kindliche Wirbelsäule entlasten und in Finns Fall das hohe Risiko einer Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule, verhindern soll. Umgehend kontaktierte die besorgte Mutter ihre Krankenkasse und erhielt die enttäuschende Antwort, dass ein solches Federungssystem als ‚Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens‘ gelte und dahingehend keine Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung zu erwarten seien.

Da sich Finn nicht allein aufrecht halten kann, ermöglicht ihm ein Therapiestuhl mit Rollen zu sitzen.

„Im Zuge der Probleme, die unser Sohn jetzt schon hat, sehe ich das Rahmenfederungssystem nicht etwa als Komfortverbesserung, sondern als Vermeidung weiterer gesundheitlicher Einschränkungen“, sagt Katharina Ilievics. „Das ärgert mich wahnsinnig. Wozu brauchen wir denn den 3.000 Euro teuren Buggy, wenn wir ohne dieses Federungssystem nicht draußen mit Finn spazieren gehen können?“, fragt sich Finns Vater, der im Internet von zahlreichen ähnlichen Fällen gelesen hat. Nachdem Katharina Ilievics Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid der Krankenkasse einlegte, folgte ein nervenaufreibender Briefwechsel für die besorgten Eltern. Auch ein nachgereichtes Gutachten der zuständigen SPZ-Physiotherapeutin, in dem darauf verwiesen wird, dass ohne das Federungssystem das Risiko von Rückenschädigungen und einer Verkrümmung der Wirbelsäule für Finn drastisch steigen würde, änderte nichts.

Die weiteren Ablehnungsbescheide gipfelten schließlich in einem niederschlagenden Telefonat, das besonders Katharina Ilievics sehr stark belastet hat. „Uns geht es bei alldem überhaupt nicht ums Geld und darum, das wir den Buggy auf Leihbasis für 500 Euro Eigenbeteiligung mit dem System aufrüsten sollen. Unserer Meinung nach gehört sich so ein Verhalten einfach nicht für eine Krankenkasse und ich möchte auf diese fragwürdige Entscheidung aufmerksam machen“, erklärt der 42-jährige Familienvater.

Ihren Anwalt haben die aufgebrachten Eltern bereits kontaktiert und möchten Klage einreichen, sobald sie eine erneute Ablehnung von der AOK-Rechtsabteilung erhalten.

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