Fleisch vom Kasseler Amt vernichtet: Metzger schlachtete ohne Stempel

Kühlhaus
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Erst nach der Fleischbeschau eines geschlachteten Schweines darf die Weiterverarbeitung erfolgen. Der Prüf-Stempel soll in einem Fall gefehlt haben, so dass das Fleisch vernichtet wurde.

Es steht der Vorwurf des „Schwarzschlachtens“ im Raum: Das Kasseler Amt für Tierüberwachung ließ Schweinefleisch vernichten, weil es nicht das erforderliche „Genusstauglichkeitskennzeichen“ trug. Innungsobermeister Dirk Nutschan, der den Fall kennt, stellt dagegen, dass nach der amtlichen Fleischbeschau lediglich vergessen worden sei, den Stempel aufzubringen.

Kassel. 18 Betriebe führt die Fleischer-Innung Kassel Stadt und Land in ihrer Mitgliederliste. Darunter ein schwarzes Schaf. Denn hier wurde schwarz geschlachtet – das Schweinefleisch wurde nach EXTRA TIP-Informationen ohne die vorgeschriebene amtliche Fleischuntersuchung in Umlauf gebracht. Mitarbeiter des Kasselers Amts für Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit vernichteten das Fleisch daraufhin.

Claas Michaelis, Pressesprecher der Stadt Kassel zu dem Metzger-Skandal: „Schlachtkörper ohne Genusstauglichkeitskennzeichen gelten als nicht verkehrsfähig und sind der unschädlichen Beseitigung zuzuführen.“ Ein besonderer Fall, denn in den vergangenen Jahren gelangten keine Schwarzschlachtungen amtlich zur Kenntnis. Wie der schwerwiegende Verstoß bekannt wurde, beantwortete die Stadt nur allgemein: Hinweise aus der Bevölkerung sowie unangekündigte Betriebskontrollen könnten das sein. Nach dem EXTRA TIP vorliegenden Informationen erfolgte ein anonymer Hinweis. Für eine geringe Kostenersparnis nahm der Metzger offenbar ein großes Risiko für sich und andere auf sich. 13,10 Euro kostet die Fleischbeschau pro Schwein.

„Wenn Schlachttiere und Schlachtkörper keinerlei amtlicher Untersuchung unterzogen werden, besteht die Gefahr, dass genussuntaugliches Fleisch in den Verkehr gelangt“, erklärt Pressesprecher Claas Michaelis auf EXTRA TIP-Nachfrage. Dies könne insbesondere aufgrund von Zoonosen, wie z. B. der Trichinellose, eine erhebliche Gesundheitsgefahr für den Verbraucher darstellen. „Bei der amtlichen Untersuchung wird zudem die ordentliche Herrichtung des Tierkörpers geprüft. Es wird sichergestellt, dass nicht zum Verzehr geeignete Teile sachgemäß entfernt worden sind“, erklärt Michaelis weitere Schritte, die in dem Fall des Mitglied-Betriebes der Fleischer-Innung Kassel Stadt und Land unterblieben sind.

Die persönlichen Folgen für den verantwortlichen Metzger können schwerwiegend sein: „Das Inverkehrbringen von Schlachtkörpern ohne Genusstauglichkeitskennzeichen stellt eine Ordnungswidrigkeit dar und kann mit einer Geldbuße bis zu 20.000 Euro geahndet werden. Die amtliche Feststellung von „Schwarzschlachtungen“ kann zudem zum Entzug der EU-Zulassung führen.“, klärt Claas Michaelis auf.

Beschauer soll Stempel vergessen haben

Obermeister Dirk Nutschan (Espenau) von der Fleischer- Innung Stadt und Landkreis Kassel ist verstimmt über den Fall. Hier sei ein Kollege zu Unrecht angeschwärzt worden. Auf EXTRA TIP-Nachfrage bestätigt er ein schwebendes Verfahren, unterstreicht aber zugleich, dass der betroffene Metzger sich nichts zu schulden habe kommen lassen. „Hier hat eine Fleischbeschau stattgefunden, allerdings wurde es vom Beschauer versäumt, den Stempel auf das Fleisch zu setzen.“ Das habe auch seine Rückfrage im Veterinäramt Wolfhagen ergeben. Das Kasseler Amt Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit hätte nach Nutschans Ansicht in diesem Fall vorschnell reagiert und nicht zuvor geklärt, ob eine Fleischbeschau stattgefunden habe.

„Wir haben uns kein Versäumnis vorzuwerfen“, weist Stadt-Sprecher Claas Michaelis jeden Vorwurf zurück. Fakt sei, dass ohne einen Stempel das Fleisch nicht vom Schlachtort wegbewegt werden dürfe.

Auf EXTRA TIP-Nachfrage beim Amt für Veterinärwesen und Verbraucherschutz in Wolfhagen erklärte Landkreis-Pressesprecher Andreas Bernhard: „Auch wir haben Hinweise über einen Fall der Schwarzschlachtung erhalten, prüfen aber momentan den Vorgang.“

Lesen Sie hier den Kommentar "Ein Bärendienst für die Branche"

Amtliche Kontrolle

Grundsätzlich bedürfen gewerbliche Schlachtbetriebe einer EU-Zulassung gemäß der VO (EG) 853/2004 und unterliegen regelmäßigen unangekündigten amtlichen Kontrollen im Bereich der Lebensmittelüberwachung. Vor jeder Schlachtung muss eine Untersuchung des Schlachttieres durch amtliches Personal erfolgen. Im Anschluss an die Schlachtung ist jeder Schlachtkörper unverzüglich einer amtlichen Fleischuntersuchung zu unterziehen. Bei Hausschlachtungen kann auf die Schlachttieruntersuchung verzichtet werden. Darüber hinaus müssen Schlachtkörper von Schweinen, Einhufern und sonstigen empfänglichen Tieren amtlich auf Trichinen untersucht werden.

Trichinellose

Die Trichinellose (auch Trichinose) oder Trichininenkrankheit ist eine durch die Trichinen (eine Gattung der Fadenwürmer) hervorgerufene parasitäre Infektionskrankheit (Parasitose). Sie wird vor allem durch den Verzehr von rohem Fleisch (meist Schweinefleisch) übertragen und unterliegt in der Europäischen Union der Meldepflicht. Sie zeigt sich zumeist unspezifisch in Schwäche, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Später treten Fieber, Muskelschmerzen und Ödeme im Augenbereich auf. In Einzelfällen kann der Herzmuskel befallen werden und die Erkrankung damit tödlich enden. Durch die Trichinenuntersuchung sank die Zahl der Infektionen in 50 Jahren auf nahezu null. Bei den zwischen 2000 und 2009 in Deutschland durchgeführten Trichinenuntersuchungen wurden lediglich bei 4 von etwa 453 Millionen Hausschweinen Trichinen gefunden (2016 vier Fälle, 2017 zwei), bei den etwa 3,4 Millionen Wildschweinen gab es 92 positive Nachweise.

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