Fritz Dolles Onkel Dieter ließ in der Nacht des 22. Oktober sein Leben

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Fritz Dolle verlor seinen Onkel in der Nacht des 22. Oktober 1943.

Viele Zeitzeugen können heute noch präzise berichten, was in der Bombennacht des 22. Oktober 1943 in Kassel passierte. Aber was waren das für Menschen, die im Bombenhagel und Feuersturm ihr Leben ließen? Wir versuchen, einzelne Schicksale zu rekonstruieren. Das Schicksal von Dietrich Baumann ist so eines.

Kassel. „Ich hätte mir keinen besseren Onkel wünschen können!“, 75 Jahre ist es her, seit der damals zwölfjährige Schüler Fritz Dolle mindestens einmal in der Woche Dietrich Baumann im Haus Graben 40 besuchte. Dolle ist damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in der Kölnischen Straße, der heutigen Albert-Schweitzer-Schule. Er wohnt mit seiner Familie in Großenritte und häufig genug übernachtet er auch beim Onkel. Dessen Frau, Tante Gustchen genannt, ist Krankenschwester im Rot-Kreuz-Krankenhaus und hat immer Nachtschicht.

Dietrich Baumann hat es schwer im Leben. Er leidet unter den Folgen einer Kinderlähmung, das Gehen fällt ihm schwer. Er arbeitet im Regierungspräsidium, der Weg zur Arbeit vom Haus am Graben, wo er mit seiner Frau im zweiten Stock wohnt, ist zum Glück nicht so weit: Durch den Freiheiter Durchbruch und dann ein paar Meter den Steinweg hinauf. Die Wohnung hat - durchaus nicht üblich in der Altstadt - ein eigenes Badezimmer. Die Fotografie, erinnert sich Fritz Dolle, war die große Leidenschaft seines Onkels. Er hat mehrere Voigtländer-Kameras. Mit seinem Neffen, den er wie einen Ziehsohn behandelt, unternimmt er trotz der Gehbehinderung nachmittags Ausflüge. An die Fulda, die Aue, oder die Siebenbergen. Dass er Sparmarken erworben hat zum Kauf eines KdF-Wagens, dem Vorläufer des VW-Käfer, daran erinnern sich Dolle und seine Brüder Willi und Rudi noch heute.

An diesem 22. Oktober ist Fritz Dolle nach der Schule zurück nach Großenritte gefahren. Vom Angriff habe man in Großenritte wenig mitbekommen. Am nächsten Tag -schließlich ist auch am Samstag Schule - steigt er morgens wie üblich um halb sieben in die Naumburger Kleinbahn. Normalerweise steigt er am Bahnhof Wilhelmshöhe in die Waldkappeler Bahn, die ihn zum Hauptbahnhof bringt – von dort läuft er in der Regel zur Schule. Doch das wird an diesem Tag anders sein. Als er mit anderen Schülern in Wilhelmshöhe aussteigt, ist ihnen sofort klar, dass Schreckliches in der Nacht passiert war. Er macht kehrt und fährt wieder nach Hause.

Was aus dem Onkel, dem Bruder seiner Mutter, und dessen Frau geworden ist – es gibt keine Nachrichten. Ein, zwei Tage später fährt er mit seinem Vater, der bei den Henschel-Flugmotorenwerken in Altenbauna arbeitet, nach Kassel. Man trifft am Martinsplatz die Tante, die ihren Mann sucht – der Anblick des Elends, die Gegenwart des Todes in Form der unzähligen aufgereihten Leichen – zu viel für einen Zwölfjährigen. Er kann bei der Suche nicht helfen, fährt nach Hause. Dietrich Baumann wird schließlich in der Marktstraße gefunden. Durch die Mauerdurchbrüche in den Kellern muss er versucht haben, vom Graben aus irgendwo in Sicherheit zu gelangen. Der Onkel, der durch seine Krankheit so viel Last im Leben hatte, wird nur 40 Jahre alt.

Die Erinnerung an „Onkel Dieter“ bleibt Fritz Dolle erhalten. Die Tante sieht man noch einmal in Bad Sooden-Allendorf, ihrer Heimat, in die sie zurückkehrt. Dann verliert sich in den Nachkriegsjahren die Spur. Fritz Dolle erwartet die Kinderlandverschickung. Erst nach Gladenbach (heute Kreis Marburg-Biedenkopf), dann auf den Meißner. Nach dem Krieg macht er sein Abitur im Realgymnasium Wesertor (heutige Goetheschule) und erfüllt sich einen Kindheitstraum: Er wird Förster, zuletzt in Ludwigseck (Kreis Hersfeld-Rotenburg). In seinem Haus in Bad Hersfeld zeugen ein paar Geweihe an der Wand von der beruflichen Tätigkeit. Und ein Foto des „besten Onkels“ gibt es natürlich auch.

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