Gahrmann: „Können es nur schaffen, wenn wir Teamplayer sind“

Geschlossene Geschäfte dicht an dicht im New Yorker Stadtteil Brooklyn: Die Corona-Krise hinterlässt überall ihre Spuren.
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Geschlossene Geschäfte dicht an dicht im New Yorker Stadtteil Brooklyn: Die Corona-Krise hinterlässt überall ihre Spuren.

Ein ehemaliger Kasseler berichtet über die sich immer mehr zuspitzende Situation in New York

New York/Kassel. Einst besang der große Entertainer Frank Sinatra New York als „nie schlafende Stadt“. Doch derzeit wird das Leben wegen der Corona-Krise mehr und mehr gelähmt, Fernsehbilder zeigen regelmäßig einen nahezu menschenleeren Times Square: Der „Big Apple“ ist krank. Über 8 Millionen Menschen leben in der Metropole. Allein hier gibt es bis heute rund 50.000 Corona-Infizierte und 1.500 Tote zu beklagen, Tendenz weiter steigend. Zum Vergleich: In den USA soll es insgesamt 245.000 Infizierte geben, 5.000 Menschen sollen gestorben sein. Wir sprachen mit dem ehemaligen Kasseler Hauke Gahrmann über die Situation vor Ort. Er lebt seit 2007 in New York.

EXTRA TIP (ET): Herr Gahrmann, wie geht es Ihnen derzeit, welche Regeln sollten Sie laut Regierungsanweisung befolgen? 

Gahrmann: Mir persönlich geht es den Umständen entsprechend gut. Ich will mich nicht beschweren, da es anderen Menschen weitaus schlechter geht. Ich bin Flugbegleiter einer großen Airline und viele meiner Kollegen fliegen noch. Ein Großteil von uns hat sich freiwillig für die nächsten Monate unbezahlten Urlaub genommen, um die Firma in dieser Krisenzeit zu unterstützen. In New York ist man angewiesen, “social distancing” einzuhalten und so viel wie möglich zu Hause zu bleiben.

ET: Können Sie kurz beschreiben, wie sich das öffentliche Leben in New York seit Beginn der Krise verändert hat? 

Gahrmann: Es ist natürlich sehr ruhig in den Straßen New York’s geworden. Man hat das Gefühl, dass sich die Leute aus dem Weg gehen und sich ein generelles Unwohlsein breit macht. Im Supermarkt herrscht eine komische Stimmung, leichte Anspannung während die meisten Leute versuchen, die neuen und ungewohnten Regeln einzuhalten.

ET: Deutsche TV-Sender zeigen lange Schlangen vor Arztpraxen und Krankenhäusern. Kühlhäuser stehen für die Toten bereit. Ist die Lage wirklich so drastisch? 

Gahrmann: Das kann ich persönlich nicht wirklich beurteilen. Ich mache mir auch nur ein Bild durch die Nachrichten und was man online so sieht und liest. Ich glaube schon, dass die Situation in den Krisenzentren super angespannt, teilweise fast schon außer Kontrolle ist. Das wird wahrscheinlich von Stadt zu Stadt und Gegend zu Gegend unterschiedlich sein.

ET: Sie sprechen sicherlich in Ihrem amerikanischen Freundeskreis über die Ängste und Hoffnungen. Sind alle einer Meinung was die Gefahr betrifft, die vom Corona-Virus ausgeht, oder sieht man alles eher lockerer? 

Gahrmann: Jeder geht mit der Situation unterschiedlich um. Manche sind super gestresst, andere einfach nur genervt und gelangweilt, viele ziemlich gelassen und geduldig. Kommt immer auf die persönliche Situation an, natürlich auch was die finanziellen Umstände angeht. Ich würde behaupten, dass die meisten in meinem engen Freundeskreis und auch in meinen “social media” Umfeld ziemlich verantwortungsbewusst sind und sich weitestgehend an alle Regeln und Anweisungen halten. Jeder wünscht sich, dass dieser virale Albtraum morgen vorbei ist, aber wir wissen natürlich alle, dass dies leider nicht der Realität entspricht.

ET: Das Gesundheitssystem in den USA unterscheidet sich grundlegend von dem in Deutschland? Arztkosten müssen Bürger selbst übernehmen und sind meist teuer. Wie sehr sehnen Sie sich in diesen Tagen zurück in ihre Heimat? 

Gahrmann: Natürlich vermisst man das deutsche Versicherungssystem. Man wird sich hier nie dran gewöhnen können, dass man auch mit Versicherung meistens noch oben drauf zahlt. Das ist schon sehr viel stressfreier in Deutschland. Auch wenn man hier sehr gute Ärzte hat, ist der Gedanke an einer ernsthaften Erkrankung pleite gehen zu können schon äußerst beunruhigend.

ET: US-Präsident Donald Trump wurde zunächst für seine Untätigkeit zu Beginn der Corona-Krise kritisiert, kurze Zeit später aber wieder gelobt, nachdem er ein zwei Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket auf den Weg gebracht hat. Fühlt man sich nun etwas sicherer was den eigenen Arbeitsplatz angeht? 

Gahrmann: Das Konjunkturpaket war unvermeidlich und ich denke, dass es vielen Firmen - aber bei weitem nicht allen - helfen wird, zu überleben. Es kommt auf jeden Fall auch auf die Dauer dieser Extremsituation an. Diese Finanzspritze wird nur auf einen bestimmten Zeitraum wirken. Was die Luftfahrtindustrie und damit auch meinen Arbeitsplatz angeht, beruhigt es auf jeden Fall erst mal etwas die Nerven.

ET: Was müsste Ihrer Meinung nach noch getan werden, um einerseits Betroffenen zu helfen und andererseits Neuansteckungen zu vermeiden? 

Gahrmann. Schwierig zu sagen. Ich bin kein Gesundheits- oder Krisenexperte. Diese ganze Situation ist völlig neu für alle Beteiligten und während in vielen Bereichen die richtigen Maßnahmen getroffen werden, geht es in anderen Bereichen eher schleppend voran. Es scheint so, als ob das Klinikpersonal alles nur erdenkliche tut, um Betroffenen zu helfen. Die arbeiten am Limit. Wenn wir über Neuansteckungen sprechen, kann man nur hoffen, dass das Volk seinen Beitrag leistet und sich an die Anweisungen der Gesundheitsexperten hält. Es kann nur klappen, wenn wir Teamplayer sind, nicht nur an uns selbst, aber an unsere Mitmenschen denken!

ET: In Deutschland haben Sie noch Verwandte. Wie regelmäßig tauscht man sich aus, was bespricht man? 

Gahrmann: Ich habe mit meinen Eltern vereinbart, dass wir ein mal am Tag Bescheid sagen, ob es uns gut geht. Wenn wir telefonieren, versuchen wir uns zu ermuntern und bei guter Laune zu halten. Natürlich rät man sich auch immer wieder zur Vorsicht. Mit dem Rest der Familie tausche ich mich natürlich auch hin und wieder aus, und zudem checke ich, wie es meinem engeren Freundeskreis geht. Ich habe leider gute Freunde, die persönlich von Covid-19 betroffen sind. Deswegen kann ich abschließend nur raten und bitten, diese Situation wirklich ernst zu nehmen. Haltet die Füße still, die Ohren steif und die Daumen gedrückt. Auf dass wir alle in naher Zukunft gemeinsam wieder das Leben genießen können. Bleibt oder werdet gesund!

+++Zur Person - Mit der Heimat stets verbunden +++

Hauke Gahrmann (41) lebt schon seit Ende 2007 in New York, hat anfangs in der TV- und Filmbranche gearbeitet, dann 2010 als Immobilienmakler angefangen und ist jetzt seit fast fünf Jahren als Flugbegleiter tätig. Gahrmann kommt ursprünglich aus Hamburg, ist in Bremen aufgewachsen und hat dann lange Zeit in Kassel und Köln verbracht. „Ich fühle ich mich noch immer sehr mit Kassel verbunden, da ich dort meine Jugend von der siebten Klasse bis zum Abitur und Zivildienst verbracht habe. Ich pflege viele Kontakte zu alten Freunden in Kassel und komme zwei- bis dreimal im Jahr zu Besuch. Das wird sich so schnell auch nicht ändern“, erklärt er.

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