Geburtsbericht aus Kassel

Lesen Sie hier den kompletten Geburtsbericht einer Mutter, die 2009 in Kassel entband.

Region. Lesen Sie hier den kompletten Geburtsbericht einer Mutter, die 2009 in Kassel entband.

"Ich hatte mich entschieden in einem Geburtshaus, nur mit Hebammenbetreuung zu entbinden. Meine Fruchtblase platze mitten in der Nacht, mein Mann und ich blieben entspannt und warteten auf Wehen, die nie eintreten sollten. Am nächsten Morgen spazierten wir zum Geburtshaus und versuchten mit den Hebammen zusammen die Geburt in Gang zu bekommen. Um die ganze Geschichte abzukürzen: 40 Stunden später endete die Geburt in einem Kaiserschnitt. Meine Hebammen waren großartig, waren im Wechsel bei mir, ich war nie alleine. Ich bin ihnen bis heute dafür dankbar, denn ich weiß nicht was ich ohne sie gemacht hätte. SIE haben mir erklärt was passieren wird, haben auf meine Fragen geantwortet, während die Ärztin daneben stand und mit den Augen rollte. Als ich sie irgendwann gereizt fragte, ob es sie nerven würde, dass ich fragen dazu habe, wie man mir den Bauch aufschneiden wird, antwortete sie nur schulterzuckend, dass ich sowieso nicht verstehen würde was nun auf mich zu käme.

Der Kaiserschnitt war die Hölle. Der (ich vermute mal) Schülerpraktikant mit zwei Tagen Erfahrung, der meine PDA legte, brauchte mehrere Anläufe, es tat unbeschreiblich weh und, wie ich noch erfahren sollte, lag sie auch nicht richtig. Bis heute verkrampfe ich, wenn ich einen leichten Druck gegen meinen unteren Rücken spüre. Als mein Hausarzt  mir Jahre später eine Schmerzspritze in den Rücken gab, brach ich zitternd und weinend zusammen. Ich bin normalerweise nicht sonderlich sensibel was Schmerzen betrifft.

Ich wurde für den OP fertig gemacht. Hätte ich meine Geburtshaushebamme nicht in meiner Nähe gehabt, wäre ich wahrscheinlich vor Angst durchgedreht. Außer der Anästhesistin sprach niemand mit mir.

Mitten während des Kaiserschnittes schoss ganz plötzlich ein unbeschreiblicher Schmerz durch meinen Bauch, es war als hätte jemand einen Fleischhaken hinter meinen Bauchnabel gehängt und würde damit an mir reißen. Ich war im ersten Moment nicht mal in der Lage zu schreien. Ich war auf dem OP Tisch festgeschnallt wie ein Tier und fing in zu weinen und konnte schließlich um Hilfe schreien. Es gab einen heftigen Ruck in meinem Bauch und ich war mir sicher, dass mir jemand meine Eingeweide rausgerissen hatte, so hatte es sich jedenfalls angefühlt. Ein Arzt fragte "Haben Sie Schmerzen?", soweit ich mich erinnern kann, habe ich ihn nur mit einem Schwall ziemlich unflätiger Beleidigungen bedacht. Dann spritze man mir ein Mittel, das mich sofort komplett ausschaltete. Ich war noch wach, aber wie in Trance, alles verschwamm vor meinen Augen, ich stammelte wirres Zeug und wusste nicht mehr wo ich war. Ich erinnere mich aber noch daran wie aufgelöst mein Mann war.

Als mir meine Hebamme zum ersten Mal meine Tochter zeigte, wusste ich nicht WAS sie mir da unter die Nase hielt. Ich weiß nicht wie lange es dauerte bis ich aus diesem Rausch wieder "nüchtern" wurde. Meine Tochter war so lange bei meinem Mann, ich war um die erste Zeit nach der Geburt komplett beraubt und ich habe lange gebraucht um diese erste verpasste Zeit aufzuarbeiten. Meine Hebammen haben mich auch hier sehr unterstützt.

Die Nachsorge durch die Krankenhaushebammen war leider auch katastrophal. Meine Kaiserschnittnarbe war schief zusammengenäht, riss an einer Seite immer wieder auf und schmerzt dort bis heute. Außerdem hatte ich eine riesige Brandblase am Steiß (von der sich komischerweise NIEMAND erklären kann wie sie dorthin gelangte), der behandelnde Arzt im Krankenhaus gab mir ein Blasenpflaster, das dafür sorgte dass die Blase sich entzündete und eiterte. Ich konnte mich wegen der aufplatzenden Narbe und der eiternden Blase fast vier Wochen kaum bewegen und mich auch nur schlecht um mein Kind kümmern. Auch hier war ich wieder sehr dankbar für meine Nachsorgehebammen und meinen Mann. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.

Mein Wochenbett war schrecklich, und die Zeit in der ich mich auf meine frisch geborene Tochter hätte konzentrieren sollen, komplett überschattet von dauernden Schmerzen und Hilflosigkeit. Für jemanden, für den seine Eigenständigkeit enorm wichtig ist, war diese Erfahrung erst recht schlimm. Es gab nie die Möglichkeit für mich diese Erfahrungen nachhaltig aufzuarbeiten."

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Kassel: Mit Haftbefehl gesuchter Ladendieb verletzt Detektiv
Kassel

Kassel: Mit Haftbefehl gesuchter Ladendieb verletzt Detektiv

Mit weiteren, zur Hilfe geeilten Angestellten konnte der Dieb gebändigt werden, bis die Polizei kam
Kassel: Mit Haftbefehl gesuchter Ladendieb verletzt Detektiv
Wohnung gleicht Museum: Familie Paar sucht neues Zuhause für Teddybärensammlung
Kassel

Wohnung gleicht Museum: Familie Paar sucht neues Zuhause für Teddybärensammlung

Leicht fällt Familie Paar die Trennung nicht, aber sie sagen ganz klar: „Für einen guten Zweck fällt die Trennung leichter.“
Wohnung gleicht Museum: Familie Paar sucht neues Zuhause für Teddybärensammlung
Mehmet Göker droht womöglich der Knast: Vertriebler soll in der Türkei zu Haftstrafe verurteilt worden sein
Kassel

Mehmet Göker droht womöglich der Knast: Vertriebler soll in der Türkei zu Haftstrafe verurteilt worden sein

In Deutschland ist der MEG-Gründer Mehemet Göker wohl juristisch größtenteils fein raus. Doch jetzt droht ihm in der Türkei womöglich eine Haftstrafe, wie die …
Mehmet Göker droht womöglich der Knast: Vertriebler soll in der Türkei zu Haftstrafe verurteilt worden sein
MEG-Gründer Mehmet Göker hat sich in der Türkei verlobt
Kassel

MEG-Gründer Mehmet Göker hat sich in der Türkei verlobt

Am Abend seines 40. Geburtstages hat der aus Kassel stammende MEG-Gründer Mehmet Göker seiner Auserwählten in der Türkei einen Antrag gemacht.
MEG-Gründer Mehmet Göker hat sich in der Türkei verlobt

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.