Geburtsbericht aus Osthessen

Der berührende Geburtsbericht einer Frau die in einem Klinikum in Osthessen Gewalt erfahren hat.

Region. Lesen Sie hier den kompletten Geburtsbericht einer Mutter, die 2010 in Osthessen entband. Sie schrieb einen Brief an das betreffende Klinikum im Zuge der "Roses revolution" im November 2014.

"Als meine erste Tochter bei Ihnen auf die Welt kam, hatte ich 43 Stunden Wehen hinter mir, davon ca. 26 Stunden zuhause, wo ich auch recht gut zurechtkam. Als die Schmerzen an Intensität zunahmen und ich das Gefühl bekam, Unterstützung zu brauchen, kam ich Sonntags vormittags zu Ihnen in die Klinik, guter Hoffnung, mit der Hilfe und Unterstützung einer Hebamme recht bald mein Kind in die Arme schließen zu dürfen. Leider war die Situation in der Klinik so ganz anders als von mir erhofft: Ich wurde untersucht und im Wehenzimmer an ein CTG angeschlossen, an dem ich (mit kurzer Unterbrechung durch den Wechsel in den Kreißsaal) bis zur tatsächlichen Geburt meiner Tochter dauerhaft angeschlossen blieb. Die Hebamme verließ anschließend den Raum und ließ mich mit meinem Mann alleine. Ich kam mit den Wehen schlecht zurecht, verkrampfte, vergaß, richtig zu atmen und klingelte schließlich, um  mitzuteilen, dass ich mit den Schmerzen überfordert war. Daraufhin wurde mir – statt einer von mir erhofften Betreuung und Anleitung durch die Hebamme – ein Schmerzmittel angeboten. Aus Hilflosigkeit und Überforderung nahm ich an und bekam meine erste Meptid-Infusion, gleich mit der Information, dass ich die nächste frühestens zwei Stunden später bekommen könnte. Die Infusion zeigte schnell Wirkung, doch nach maximal einer halben Stunde waren die Schmerzen genauso unerträglich wie vorher zurück. Die kommenden anderthalb Stunden kamen mir endlos vor und ich kam überhaupt nicht mehr zurecht. Ich hangelte mich, völlig verkrampft, von Wehe zu Wehe und klingelte exakt zwei Stunden nach der ersten Infusion mit der dringenden Bitte um eine weitere. Eine fremde Hebamme (ich weiß nicht, ob es eine war, sie stellte sich mir nicht vor) öffnete die Tür einen Spalt breit und erklärte, ohne den Raum zu betreten, emotionslos, dass gerade Übergabe sei und kein Schmerzmittel verabreicht werden könne. Nach circa einer halben Stunde, die mir vorkam wie eine Ewigkeit, bekam ich eine weitere Meptid-Infusion, die allerdings keinerlei Wirkung mehr zeigte. Wieder kam eine Hebamme erst auf mein Klingeln hin und meinte, dann bliebe nur noch eine PDA übrig. Kein Hinweis auf die Möglichkeit, bspw. ein Entspannungsbad zu nehmen (wie am Informationsabend vehement beworben). Ich selbst konnte in dem Moment vor Schmerzen kaum einen klaren Gedanken fassen und hatte ohnehin schon das Gefühl, ständig zu stören und überzureagieren, weil ich immer klingeln musste, damit überhaupt mal jemand bei mir vorbeikam. Die vaginale Untersuchung ergab, dass sich im Vergleich zum Muttermundsbefund von vor zwei Stunden nicht wirklich was getan hatte, ein halber Zentimeter vielleicht. Ich war schockiert: Zwei Stunden heftigste Schmerzen für nichts? Immer noch bei ca. 5-6 cm? Bei diesem Tempo glaubte ich nicht mehr daran, dass ich es ohne PDA schaffen könnte. Obwohl ich im Vorfeld immer erklärt hatte, dass ich auf keinen Fall eine PDA wollte, willigte ich also ein. Dazu sollte ich in den Kreißsaal gehen. Ich erinnere mich noch an den erstaunten Blick der Hebamme, dass ich mich nicht in der Lage sah, mit diesen Wehen den Weg vom Wehenzimmer bis in den Kreißsaal zu Fuß zu bewältigen. Erneut hatte ich das Gefühl, zu schmerzempfindlich zu sein, schlechter klarzukommen als alle anderen Frauen. Ich wurde dann liegend in den Kreißsaal gebracht.

Als die PDA gelegt wurde, weiß ich noch genau, dass eine Schwester vor mir stand und mich an den Oberarmen gehalten hat, damit ich ruhig sitzen blieb. Diese Schwester streichelte währenddessen meinen Oberarm – das erste Zeichen menschlicher, emotionaler Zuwendung, seit ich die Klinik betreten hatte. Das tat verdammt gut. Wie so oft folgte auf die PDA ein Wehentropf und ich wurde wiederholt katheterisiert. Dass dies die Folge der PDA sein würde, wurde mir im Vorfeld nicht erklärt. Der Muttermund öffnete sich unter der PDA recht zügig, allerdings nur bis auf einen kleinen Saum, was Sie veranlasste, mir einen Kaiserschnitt anzukündigen für den Fall, dass der Saum nicht binnen zwei Stunden verschwunden wäre. Ich fragte, ob ich nicht möglicherweise in eine aufrechtere Position gehen könne, wie ich es im Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte, damit die Schwerkraft mithelfen könnte. Das würde in diesem Fall nicht funktionieren, war die Antwort der Hebamme. In den folgenden zwei Stunden sollte ich mich alle drei Wehen von einer Seite auf die andere drehen. Ich war jedoch überall verkabelt, CTG, PDA, Blutdruckmessgerät, Infusion. Alle paar Minuten, nach jeder dritten Wehe klingelte ich, damit mir die Hebamme half, den Kabelsalat zu sortieren – und kam mir dabei vor, wie ein Bittsteller. Nicht einmal in dieser Zeit blieb jemand dauerhaft bei mir, und das, obwohl nicht parallel mehrere Geburten liefen, die das Fernbleiben der Hebamme entschuldigt hätten. Immer wieder wurde mir ein Kaiserschnitt zunächst angeboten, dann nahegelegt. Ich sagte, ich könne nicht mehr, wollte aber auf keinen Fall einen Kaiserschnitt. Ich weinte. Die Ärztin verließ den Raum mit den Worten: Ich gehe jetzt und komme in fünf Minuten wieder und dann möchte ich eine Entscheidung von Ihnen! Der OP ist vorbereitet! Ich lehnte den Kaiserschnitt weinend ab.

Als ich viel später in der Austreibungsphase war, hieß es von Seiten der Ärztin nur: Wir machen jetzt einen Dammschnitt. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Eine weitere Ärztin wurde geholt, um den Kristeller-Handgriff durchzuführen. Die Oberärztin sagte irgendwann: Wenn Ihr Kind in fünf Wehen nicht da ist, nehme ich die Saugglocke. Sie flüsterte mit der Hebamme. Ich flehte sie an, nicht zu flüstern, weil mir dies Angst mache und ich begann zu denken, dass etwas nicht stimmen könnte. Die Ärztin antwortete: Das verstehen Sie sowieso nicht. Ich fühlte mich entmündigt.

Nach gefühlt endlosem, schmerzhaftem Drücken auf meinem Bauch war meine Tochter endlich auf der Welt. Nicht aus eigener Kraft geboren, sondern mir brutal entrissen. Sofort abgenabelt und abgesaugt. Im nächsten Moment wurde mir schon Syntocinon gespritzt. Doch die Plazenta wollte zunächst nicht kommen. Akupunkturnadeln wurden in meinen Bauch gepiekst, es wurde an der Nabelschnur gezogen. Mein Kind wurde mir weggenommen und meinem Mann gegeben. Dann hieß es: Knien Sie sich doch mal hin. Ich entgegnete, dass ich keine Kraft dafür hätte. Ich wurde rechts und links unter dem Arm genommen und in die Senkrechte gehievt. Mein Kreislauf machte schlapp und ich kippte nach vorne. Da endlich wurde mir geglaubt und ich durfte mich wieder hinlegen. Zum Glück kam die Plazenta dann noch und ich entging einer Ausschabung. Der Dammschnitt und der Scheidenriss wurden versorgt.

Das also war die Geburt meiner Tochter.

Bis auf die letzte Stunde vor der Geburt und die Medikamentenverabreichungen zwischendurch war ich mit meinem Mann alleine, hilflos und verängstigt, mit der Situation und den Schmerzen überfordert. Ich dachte, Geburten müssten so sein, war sogar froh und dankbar, um einen Kaiserschnitt und die Saugglocke drum herum gekommen zu sein.

Im Nachhinein weiß ich: Ich hätte jemanden gebraucht, der mir gesagt hätte, was ich machen kann, um mit den Schmerzen besser klarzukommen: Einen Positionswechsel oder ein Entspannungsbad vorschlagen, mich in der richtigen Atmung anleiten. Mich ermutigen, dass ich es schaffen kann, mein Kind zu gebären. Stattdessen war ich alleine, verkabelt ans Bett gebunden, ohne ein ermunterndes Wort, und wenn ich um Hilfe bat, wurde mir diese in Form von Medikamenten angeboten. Vaginale Untersuchungen wurden zahlreich und ungefragt durchgeführt und lediglich angekündigt mit "Vorsicht, jetzt wird’s kalt." Auch vor dem Dammschnitt wurde nicht nach meiner Zustimmung gefragt und die Notwendigkeit des Schnitts nicht erklärt…

Die zwei dominierenden Gefühle während der gesamten Zeit der Geburt waren bei mir Angst und Ausgeliefertsein. Meine Tochter wurde mit brachialer Gewalt aus mir herausgedrückt. Und trotzdem dachte ich: Das muss so sein. So geht Geburt.

Meine Tochter hat im August dieses Jahres ihren vierten Geburtstag gefeiert. Sie hat eine inzwischen einjährige Schwester und ich bin heute in der glücklichen Lage, zu wissen und sagen zu können: Geburt geht auch anders. Ich suchte mir in dieser Schwangerschaft früh eine Hebamme und traf auf eine weise Frau, die mein Leben verändern sollte. Sie lehrte mich in unzähligen Gesprächen und mit unendlicher Geduld Vertrauen in mich selbst, mein Kind und meine Fähigkeit, zu gebären. Sie arbeitete die erste, traumatische Geburtserfahrung und eine folgende Missed Abortion mit mir auf. Sie sagte mir zu, mich zu betreuen und mich nicht alleine zu lassen. Sie führte mich einfühlsam und liebevoll durch die Geburt, leitete mich an, veratmete mit mir jede einzelne Wehe. Die Geburtsposition durfte ich frei wählen, war nicht durch ein Dauer-CTG in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Hebamme ließ mich gebären, in meinem eigenen Tempo und Rhythmus, statt mich zu entbinden. Sie untersuchte mich während der gesamten Zeit genau einmal vaginal – und bat vorher um meine Erlaubnis. Ansonsten beurteilte sie den Geburtsfortschritt durch genaue Beobachtung und aufmerksames Zuhören.

Durch sie durfte ich Heilung erfahren.

Sie werden es sich denken können – meine zweite Tochter kam im Geburtshaus zur Welt.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist bewusst, dass Sie in der Klinik eine solche Art der 1:1 Betreuung in den meisten Fällen nicht leisten können. Zudem kennen Sie die Frauen, die Sie unter der Geburt betreuen, vorher nicht – ein riesiger Unterschied. Es geht mir nicht darum, Ihnen Vorwürfe zu machen und ich hege keinen Groll gegen Sie. Aber ich möchte Ihnen dennoch verdeutlichen, dass ein Umgang, wie ich ihn in Ihrer Klinik erfahren habe, eine Frau für ihr ganzes Leben lang prägt, und das, was Sie als "normal" empfinden, zumindest sensible Frauen extrem verunsichern und verängstigen kann. Ich fühlte mich von Ihnen nicht als mündige, informierte Frau wahrgenommen. Mir wurde wenig erklärt, mein Einverständnis für sämtliche Vorgehensweisen wurde nicht eingeholt. Mehr Kommunikation, mehr menschliche Zuwendung, all das hätte einen großen Unterschied für mich gemacht. Und ich bin davon überzeugt, dass das auch für alle anderen Frauen in diesem so verletzlichen Moment der Geburt gilt.

Wie möchten Sie bei der Geburt Ihrer Kinder behandelt werden? Wie möchten Sie, dass Ihre Frau bei der Geburt Ihrer gemeinsamen Kinder behandelt wird?"

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