Wo sind die Kneipen hin? Günther "Eppo" Reeb und Willi Waldhoff erklären das Kneipensterben

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Das waren noch Zeiten: Gastronom Günther „Eppo“ Reeb und Getränkegroßhändler Willi Waldhoff schwärmen im Gespräch mit Chefredakteur Rainer Hahne von der guten, alten Kneipenzeit.

Wo sind die Kneipen hin? Gastronom Günther „Eppo“ Reeb und Getränkegroßhändler Willi Waldhoff im EXTRA TIP-Interview.

Kassel. Geht das Kneipensterben weiter? Diese und andere Fragen rund um die Gastronomie wurden im EXTRA TIP-Gespräch mit den beiden Gastro-Urgesteinen Willi Waldhoff und Günter „Eppo“ Reeb diskutiert.

ET: Geht die gute alte Kneipe kaputt? Eppo: Ja. Ich glaube, die Kneipe läuft aus. Früher sind wir da hingegangen, um Freunde zu treffen. Und wir waren schon früh da, haben nach der Arbeit ein Bier getrunken. Die Zeiten sind anders geworden. Es gibt nur noch wenige wie die „Fliege“ in Wolfsanger.

Waldhoff: Das Kneipensterben fing mit der Änderung der Ladenöffnungszeiten an. Früher wurde um 18 Uhr geschlossen, und um spätestens 19 Uhr standen die Leute an der Theke. Damals wurde auch mehr getrunken. 

Eppo, Du warst im Wumpicek aktiv. Wie war das Kneipenleben damals? Eppo: Das Wumpi war die kommunikativste Kneipe, die Kassel je hatte. Die war extra für ein jüngeres Publikum gebaut, aber dort hat sich alles von 18 bis 80, vom Professor bis zum Bauarbeiter in Zehnerreihen vor der Theke gedrängt. Pro Woche gingen da über hundert 20-Liter-Fässer durch. Und bei jedem Fass, das angeschlagen wurde, wurde von Zapper Fritz Stockmann die Glocke geschlagen. Da wurde eine Runde nach der anderen gegeben. Das Wumpi war auch die reinste Kupplerkneipe. Gefühlt hat jeder zweite Kasseler damals seine Frau im Wumpi kennengelernt. „Jeder Lumpi geht ins Wumpi – jeder Schnösel rennt ins Knösel“ hieß das damals. Waldhoff: Ja, damals wurde noch viel mehr getrunken. Da konnten wir das Altbier gar nicht so schnell anliefern wie es gezapft wurde. Damals wurde noch richtig Geld verdient. Und die Leute waren friedlich und tolerant. Es gab kaum Ärger in den Kneipen.

Und wo sind die Gründe für den Untergang der Kneipen? Waldhoff: Wie gesagt, mit der Verlängerung der Ladenöffnungszeiten fing es an. Wer erst um 20 Uhr fertig ist, ist müde und geht nicht mehr in die Kneipe. Dann hat Kassel die Bundeswehr verloren. Die Soldaten waren auch gerne unterwegs. Die Leute sind gesundheitsbewusster, trinken nicht mehr so viel wie früher und dann kam auch noch das Rauchverbot. Und die sozialen Netzwerke. Die Leute bleiben zuhause, sitzen am Computer und treffen sich mit ihren Freunden bei Facebook – statt Diskussionen gibt es Klicks. Und auch die Suche nach einer Freundin wurde ins Netz verlagert. Und überall liegen Handies rum...

Früher gab es Stammtische. Eppo: Da ging man in die Kirche und anschließend zum Stammtisch. Dort wurde heiß diskutiert und gut getrunken. Das gibt es fast nur noch in Bayern. In Nordhessen werden es immer weniger und die wenigen werden kleiner. Die persönlichen Gespräche sind auf der Strecke geblieben. Stattdessen wird heute in WhatsApp-Gruppen diskutiert. Und die moderne Gastonomie? Waldhoff: Die ist vielfältiger geworden. Ständig gibt es neue Ideen. Die Männer gehen eher mit ihrer Frau aus und laden sie zum Essen ein. In Kassel wird außerdem der Tourismus immer wichtiger. Da ist aber noch viel Luft nach oben.

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