Gemeinde muss sparen: Caldener Sportvereine fürchten um ihre Existenz

+

Calden. Verkauf der Sportplätze, Hallengebühren, gestrichene Zuschüsse: Pläne der klammen Gemeinde Calden sorgen bei den Vereinen für Wut.

Calden. Dicke Wolken hängen am Donnerstagabend über dem Kaiserplatz in Calden. Ein Bild mit Symbolcharakter. "Für uns sieht es ziemlich düster aus”, sagt Thorsten Wicke, Vorsitzender des TSV Jahn Calden. Sein Zorn richtet sich gegen die Gemeinde. Die hatte Anfang Juli angekündigt, die Vereinsförderung drastisch zu kürzen, um den defizitären Haushalt auszugleichen.

Zuschüsse gestrichen

Bereits beschlossene Sache ist, dass alle sechs Caldener Sportvereine im nächsten Jahr 14.000 Euro weniger erhalten, weil die Kommune die Zuschüsse für das Rasenmähen kürzt und die Zuschüsse für die Reinigung der Sportlerheime komplett streicht. Die Mitglieder erfuhren das durch einen Brief. Außerdem sollen die Vereine künftig in den gemeindeeigenen Sporthallen fünf Euro Nutzungsgebühr zahlen – pro Stunde. Betroffen wären davon nicht nur die Turner, Handballer und Herzsportler. "Für Vereine wie den Caldener Carnevals Club bedeutet eine solche Gebühr das Aus. Die können das nicht stemmen”, so Thorsten Wicke.

Doch damit nicht genug: Geht es nach dem Gemeindevorstand, sollen die Vereine zum Jahresbeginn 2015 ihre Sportplätze und Vereinsheime übernehmen. Tun sie dies nicht, sollen die Sportstätten an Dritte verkauft werden.  Für Thorsten Wicke kommt diese Ankündigung einer Erpressung gleich. "Die Gemeinde setzt uns die Pistole auf die Brust. Das ist eine Sauerei”.

Warum die Gemeinde die Sportstätten los werden will, liegt für den Vereinsvorsitzenden auf der Hand: "Sie würden nicht im neuen Haushalt verbucht werden. Und das finanzielle Risiko wird den Vereinen aufgebürdet”.  Rund 13.000 Euro hat die Gemeinde laut eigener Angabe im vergangenen Jahr für die Betriebskosten der Sportstätten ausgegeben. Geld, das die Vereine künftig selbst aufbringen müsste.  Ganz zu schweigen von den Folgekosten. 50.000 Euro, schätzt Wicke, würde die Sanierung von Duschen, Toiletten und Umkleideräumen des in die Jahre gekommenen Sportlerheims verschlingen. "Das wäre das Aus. Wo soll das Geld denn herkommen?”, so Thorsten Wicke.

Landessportbund: "Pläne sind eine Kriegserklärung an den Sport"

Auch Dr. Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes Hessen, findet klare Worte. "Die Pläne der Gemeinde sind eine Kriegserklärung an den Sport und die in den Vereinen organisierten Bürger.” Die Argumentation der Gemeinde, Kürzungen seien unabwendbar, damit die Kommunalaufsicht den Haushalt genehmigt, weist  Müller zurück. Diese Ansicht widerspreche eindeutig der aktuellen Sichtweise der Landesregierung. Laut aktuellem Erlass dürfen auch klamme Städte und Gemeinden 1,5 Prozent der Haushaltssumme zur Sportförderung einsetzen. Calden könnte also theoretisch mehr als 100.000 Euro für die Förderung des Sports ausgeben, ohne in Konflikt mit der Kommunalaufsicht zu geraten.  Zum Vergleich: Aktuell gibt die Gemeinde laut eigener Aussage jährlich 60.000 Euro für die Sportförderung aus.

Und noch etwas stinkt den Vereinsmitgliedern in Calden: Nicht nur Bürgermeister Dinges und der Gemeindevorstand schieben die Verantwortung hin und her. Auch die Landesregierung ist sich uneins. "Sport hat seit 2002 Verfassungsrang. Wie kann das Hessische Finanzministerium festlegen, dass Sportförderung eine freiwillige Aufgabe der Kommunen ist? Wir brauchen Planungssicherheit ”, so Thorsten Wicke.

Wie es für den TSV Jahn Calden und die anderen Vereine weitergeht, weiß er nicht. Mitgliedsbeiträge zu erhöhen sei definitiv keine Lösung. "Dann gibt es eine Austrittswelle.”  Noch größer ist seine Angst, dass andere Gemeinden sich das Caldener Modell zum Vorbild nehmen könnten. "Dann haben wir einen Flächenbrand.  Und die Jugendarbeit geht in ganz Nordhessen vor die Hunde.”

+++ Zwischenruf von Kristina Bräutigam: Mehr als Sport +++

Auf jedem Neujahrsempfang werden sie gelobt: Die vielen Ehrenamtlichen, die Tag für Tag auf den Sportplätzen stehen, als Trainer oder Betreuer ihre Wochenenden opfern;  unentgeltlich aber mit viel Leidenschaft. Wie wenig diese Sonntagsreden wert sind, zeigen die Pläne der Gemeinde Calden: Um den defizitären Haushalt auszugleichen, will Bürgermeister Andreas Dinges die Sportvereine zur Kasse bitten. Zuschüsse wurden klammheimlich gestrichen, eine Hallennutzungsgebühr sowie der Verkauf der Sportstätten sollen folgen. Die Pläne sind eine Katastrophe. Nicht nur für die Vereine, sondern für uns alle. Sportvereine sind längst mehr als nur eine Sammelstätte für talentierte Nachwuchskicker, -sprinter oder -turner. Sie übernehmen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In den Vereinen lernen Kinder Disziplin und Teamgeist, knüpfen echte Freundschaften statt virtuelle, der Sport verbindet Kinder aus allen Ländern und Schichten. Von der Gesundheitsprävention ganz zu schweigen. Allein von den 1.100 Mitgliedern des TSV Jan Calden sind 400 unter 18 Jahren. Wollen wir wirklich, dass diese Kinder statt über den Sportplatz zu rennen künftig an Bushaltestellen ihre Freizeit totschlagen? Die Gemeinde sollte sich gut überlegen, ob sie die Sportvereine für ihre Haushaltslöcher zahlen lässt. Bis zur Einigung könnte Caldens Bürgermeister ja die Flughafenhalle als Trainingsstätte zur Verfügung stellen. Die bietet nicht nur viel Platz, sondern ist auch nachts flutlicht-mäßg hell erleuchtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Umfrage beginnt: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel?

Ab Montag, 18. November, werden 10.000 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Stadt Kassel angeschrieben und nach ihrem Sicherheitsempfinden befragt.
Umfrage beginnt: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel?

Countdown zum Kasseler Weihnachtsmarkt läuft

Nicht nur der Weihnachtsbaum für den diesjährigen Märchenweihnachtsmarkt stammt aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Auch die diesjährige Symbolfigur hat ihre überliefert …
Countdown zum Kasseler Weihnachtsmarkt läuft

Gewaltsam Jacke vom Körper gerissen: Festnahme nach Raub in Kassel

Zeugen hatten Tatverdächtigen am späten Dienstagabend noch zu verfolgen versucht
Gewaltsam Jacke vom Körper gerissen: Festnahme nach Raub in Kassel

„Bezahlung ist nicht gerecht!“: Lehrkräfte an Grundschulen fordern bessere Bedingungen

In ganz Hessen protestieren Grundschullehrer für eine faire Besoldung, die Anerkennung ihrer Arbeit und für bessere Bedingungen in den Schulen. Denn immer mehr …
„Bezahlung ist nicht gerecht!“: Lehrkräfte an Grundschulen fordern bessere Bedingungen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.