Briefwechsel: Goliath gegen David

Guten Tag, Herr Dr. Dirk Wöllner,

Sie sind der Sprecher des Vorstandes der Deutschen Telekom und sind in diesen Tagen in einigen Bereichen Nord- und Mittelhessens beliebt wie Ameisen beim Picknick. Beispiel gefällig? Im kleinen Örtchen Machtlos in der Nähe von Bad Hersfeld lebt die Familie von Sandra Killmer. Dieser Familie haben Sie jetzt das Telefon gesperrt.

Nicht etwa, weil die Rechnungen nicht bezahlt worden sind. Nein, Sie stellen auf eine neue Technologie um und kündigen denen, die seit Jahrzehnten analog oder digital telefonieren. In Machtlos gehen Ihre Mitarbeiter besonders rigide vor. Wer die neue Technologie haben möchte, muss einen Zwei-Jahresvertrag unterschreiben. Das hat einen guten Grund, denn Ende des Jahres hat die Breitband Nordhessen den Ort angeschlossen und bietet dann über die Netcom weitaus leistungsstärkere Leitungen.

 Kein Wunder also, dass man in Machtlos warten möchte, um dann im Herbst auf die neuen Leitungen zugreifen zu können. Doch jetzt ist man hilflos. Sie kündigen den langjährigen Kunden. Auf Widersprüche reagiert Ihre Mega-Firma erst gar nicht. Und nach der zweiten Kündigung werden die Telefone abgestellt. Nur noch angerufen werden kann die Familie noch für vier Wochen. Das nennen Sie Kulanz. Ich nenne das eine absolute Frechheit. Machtlos ist dann nämlich komplett von der Außenwelt abgeschlossen, denn in den idyllisch gelegenen Dörfchen funktioniert auch der Handy-Empfang nicht. Im Notfall kann man niemand holen – weder Arzt, Polizei oder Feuerwehr alarmieren.

Oder man läßt sich halt von Ihnen erpressen und bestellt für zwei Jahre Ihre neue IP-Technologie. Wie ein Hohn klingt es da, wenn Ihr Pressesprecher George Stephen McKinney bekannt gibt: „Wir sind nicht das Böse. Wir lassen niemand im Regen stehen.“ Ortsvorsteher Udo Berle könnte durch die Decke gehen. Schließlich gehören dreißig Prozent Ihrer Firma dem deutschen Staat – also dem Steuerzahler. Und damit auch den hilflosen Machtlosern, die sie eiskalt vor die Wand laufen lassen.

Ihre Begründung, die aktuelle Technologie sei veraltet und man habe keine Ersatzteile mehr, ist so blödsinnig, dass ich darauf gar nicht eingehen möchte. Was man in Machtlos erlebt, ist leider kein Einzelfall. Immer wieder nutzen Sie Ihre Monopolstellung gnadenlos aus. Immer wieder habe ich Leute in meinem Büro, die mir erzählen, wie sie von Ihren Mitarbeitern behandelt worden sind. Dass gerade eine Firma, die teilweise dem Steuerzahler gehört, so mit Ihren Kunden umgeht, ist für mich eine absolute Frechheit. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie den Machtlosern umgehend ein anständiges Angebot machen.

Mit analogen Grüßen

Rainer Hahne

Chefredakteur

 P.s. Sie sollten allmählich begreifen, dass Ihre Monopolstellung bald endgültig Vergangenheit ist. Wenn Sie dann erst Kundenfreundlichkeit lernen, ist es zu spät.

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