Hass im Internet wird radikaler: Redakteurin berichtet „Besonders Frauen sind betroffen“

Besonders Frauen sind betroffen, werden – häufig anonym oder über Fake-Accounts – beleidigt, bedroht oder erhalten ungefragt Fotos von männlichen Genitalien. 
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Besonders Frauen sind betroffen, werden – häufig anonym oder über Fake-Accounts – beleidigt, bedroht oder erhalten ungefragt Fotos von männlichen Genitalien. 

Hass im Netz ist weit verbreitet und ein harmloser Chat kann sich dort schnell zu einem bedrohlichen Gespräch entwickeln. Ungefähr drei Viertel der Deutschen haben schon einmal Hass im Netz erlebt. Besonders Frauen sind betroffen.

Kassel. Hass im Netz ist mittlerweile allgegenwärtig. Man öffnet das Internet und trifft nicht mehr nur auf süße Katzen-Videos oder lustige Bildchen, sondern immer häufiger auf Beleidigungen, Bedrohungen oder Häme. Und dies trifft nicht nur Prominente oder Politiker.

Das Gefühl, anonym zu sein, scheint die Hemmungen, Dinge zu schreiben, die man im echten Leben niemals sagen würde, sinken zu lassen. Unter Beiträgen bei Instagram oder Facebook sammeln sich fiese Kommentare – und teils auch strafrechtlich relevantes.
Mehr als drei Viertel der Deutschen erleben Hass im Netz. Das zeigen die neuesten Zahlen einer forsa-Studie zur Wahrnehmung von Hassrede im Internet. Gleichzeitig werden aber auch mehr Verstöße zur Anzeige gebracht, heißt es in einer Pressemitteilung zur Umfrage. Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz hat reagiert, so dass im April diesen Jahres ein neues Gesetzespaket gegen Hass und Hetze in Kraft getreten ist.

„Wer hetzt und droht, muss mit Anklagen und Verurteilungen rechnen. Ab sofort drohen bei Beleidigungen im Netz bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe“, heißt es in einer Mitteilung von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht.

Auszüge der Nachrichten via Instagram, die auch der Polizei ausgehändigt wurden.

Und wer ist am häufigsten von digitaler Gewalt betroffen? Auf der Webseite von HateAid, einer gemeinnützigen GmbH zur Beratung und Unterstützung von Opfern von Online-Hass heißt es in einer Stellungnahme: „Frauen sind nicht nur die größte, sondern auch eine der am stärksten betroffenen Gruppen. Digitale Gewalt ist nicht nur zutiefst persönlich, sondern in den meisten Fällen auch sehr sexualisiert und überwiegend frauenfeindlich, was bedeutet, dass Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts angegriffen werden. Frauen erhalten Vergewaltigungsdrohungen; sie werden als sexuell frustriert beschimpft und beharrlich zum Geschlechtsverkehr mit den Tätern aufgefordert oder schlicht ‚zurück in die Küche‘ beordert.“ HateAid bietet Betroffenen digitaler Gewalt ein kostenloses Beratungsangebot. Menschen, die online Hass und Hetze erleben, die beleidigt, verleumdet oder bedroht werden, können sich unter www.hateaid.org an die Beratungsstelle wenden. Und sich wehren.

„Hab lieber Angst, ich schwöre, ich mach keine Witze“

Doch was, wenn der Täter, der einen beleidigt und bedroht, nicht anonym ist? Wenn man sich kennt und derjenige weiß, wo man wohnt? Manchmal scheint ein einfaches ‚Nein‘ schon zu reichen, um im Internet angegangen zu werden – wie ich im Frühjahr erlebt habe. Nach drei Monaten Funkstille kam die Frage eines Bekannten per Messenger, ob man sich sehen könne. Meine Antwort: „Nein, sorry. Ich hab heut keine Zeit.“ Es folgte schnell ein „Fick dich hau rein“ und auf meine Nachfrage, was denn nun los sei, die Beleidigungen „Nutte“ oder „dreckige Hure“ bis sich das Gespräch schließlich zur Androhung mich anzuspucken oder „bei mir vor der Tür zu stehen“ steigerte. Ich solle schon mal „die Bullen“ rufen, er trete auch die Tür ein.

Ich rief nicht die Polizei, machte aber Screenshots der Unterhaltung und erstatte noch am Abend über die Online-Wache Anzeige. Hier war für mich klar eine Grenze überschritten. Gerade auch, weil dieser Mensch tatsächlich wusste, wo ich wohne.

Auszüge der Nachrichten via Instagram, die auch der Polizei ausgehändigt wurden.

Bis zu diesem Vorfall hatte ich mich nie unwohl gefühlt, wenn ich abends spät mit dem Hund draußen war. An diesem Abend schaute ich drei Mal über meine Schulter – und ärgerte mich dabei über mich selbst. Ich war schockiert, veröffentlichte einen Teil des Gesprächs anonymisiert bei Instagram und erhielt unfassbar viele Nachrichten. Einige weibliche Bekannte schilderten ähnliches – Beleidigungen, ungefragte Dick-Pics oder Aufforderungen zum Sex – jedoch oft von ihnen nicht bekannten Accounts.

„Pass auf dich auf!“, „Wir kommen vorbei“, „Du musst vorübergehend ausziehen! Der ist doch irre!“ Mein Umfeld machte sich Sorgen, ich bemühte mich stur, mich davon nicht beeinflussen zu lassen.

Rund drei Wochen nach dem Vorfall, erhielt ich per Mail die Anfrage der Polizei, die Screenshots der Unterhaltung zu übermitteln. Drei Tage später – und nachdem die Polizei den Täter aufgefordert hatte, sich zur Sache zu äußern – folgte per Messenger die Entschuldigung seinerseits: Es tue ihm wirklich Leid, dass er so einen Scheiß geschrieben habe. Ob ich ihm verzeihen könne? Und die Anzeige vielleicht zurückziehen? Es wäre ja alles nicht so gemeint gewesen, er hatte schlechte Laune und so etwas würde natürlich nie wieder vorkommen.

Ich habe lange nachgedacht, ob ich die Anzeige zurückziehen soll, habe mit Freunden und Familie darüber gesprochen. Die einstimmige Meinung: Nein, das ging entschieden zu weit. Hätte er sich direkt am darauffolgenden Tag entschuldigt, wäre es etwas anderes gewesen. Aber erst nach der Aufforderung der Polizei zu realisieren, dass man sich falsch verhalten hat – wenn man es denn überhaupt einsieht – zeugt nicht davon, dass es ein einmaliger Blackout war.

Ende Mai, also knapp acht Wochen nach der Anzeigenstellung, erhielt er schließlich den Strafbefehl wegen Bedrohung und Beleidigung, strafbar nach §§ 185, 194, 241, 52 des StGB. Im Schreiben, welches er mir zusendete, hieß es „Durch die Beleidigungen wurde die Zeugin erheblich in ihrer Ehre verletzt“. 30 Tagessätze a 50 Euro, also insgesamt 1.500 Euro solle er zahlen.

Ich – ich! – entschuldigte mich fast dafür, dass er nun solche Scherereien habe, er solle doch zukünftig bitte vorher überlegen, was er anderen Menschen schreibe, wenn er schlechte Laune habe.

Einsicht? Fehlanzeige. Hätte ich „Stolz und Ehre“, solle ich die Hälfte der Kosten übernehmen. Dies tat ich nicht, was ich jedoch tat, war, den Kontakt komplett abzubrechen.

Wie kann man Anzeige erstatten? Mehr über die Online-Wache

Die Polizei Nordhessen erklärt dazu: „Anzeige bzw. Strafanzeige erstatten kann man bei jeder Polizeidienststelle, vorzugsweise natürlich bei der für den Tatort (meist Wohnort der Betroffenen) zuständigen Dienststelle oder auch beim Kriminaldauerdienst. Die Anzeige wird dann an die zuständige Polizeidienststelle weitergeleitet.

Seit ein paar Jahre besteht auch die Möglichkeit der Anzeigenerstattung bei der sogenannten Online-Wache (www.onlinewache.polizei.hessen.de). Das Ausfüllen ist nahezu selbsterklärend. Personalien und Sachverhalt müssen dort eingetragen werden. Auch diese Anzeigen werden an die zuständigen Dienststellen verteilt und die Kolleginnen bzw. Kollegen nehmen daraufhin Kontakt mit den Anzeigenerstattern auf.

Anders sieht es bei Ad hoc Fällen aus, d.h. konkreten Gefahrenlagen. Wie auch bei anderen Notfällen sollte die 110, also der polizeiliche Notruf angewählt werden.“

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