Heinz Ehrenberg (heute 100 Jahre) kehrte nach Kriegsende ins zerstörte Kassel zurück

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Heinz Ehrenberg war mit seiner Einheit im ehemaligen Jugoslawien, als Kassel bombardiert wurde.
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Heinz Ehrenberg war mit seiner Einheit im ehemaligen Jugoslawien, als Kassel bombardiert wurde.

Heinz Ehrenberg kann heute, mit 100 bewegten Lebensjahren auf dem Buckel, präzise stundenlang über das Leben berichten, das in Wahrheit mehr als ein Buch füllen würde.

Kassel. Wenn man die Zeitungen aus den Tagen nach dem 22. Oktober 1943 durchblättert, stößt man immer wieder auf Anzeigen, in denen Soldaten um Angehörige trauern, die in dieser Nacht im Bombenhagel ihr Leben ließen. „Zur Zeit im Felde“ ist dann zu lesen.

Zu denen, die in dieser Zeit im Feld standen, gehört Heinz Ehrenberg. Und er zählt zu den wenigen, die noch leben und berichten können, wie das Ereignis aufgenommen wurde. Heinz Ehrenberg ist Jahrgang 1917, feiert am 2. Oktober seinen 101. Geburtstag. Ein körperlich und geistig fitter Senior, der täglich zweimal seine Runden um den Hof der Familie im Werra-Meißner-Kreis dreht, in dem vier Generationen der Familie leben.

Von dem, was in der Heimat los ist und wie es um den Krieg insgesamt stand, hat man in erster Linie durch Briefe von daheim erfahren. Wichtig war der Kontakt zu den Funkern, erinnert sich Ehrenberg, denn die wussten immer, wie es abseits der Propaganda wirklich aussah. Ehrenberg war gerade 26 geworden, diente seit 1938 bei den Gebirgsjägern, als er von dem Angriff auf Kassel erfuhr. Im früheren Jugoslawien war er damals stationiert. Familie hatte er keine mehr in der Stadt an der Fulda, wohl aber Freunde aus der Schulzeit. Wie es um die stand, würde er erst nach Kriegsende erfahren. Auch, was aus dem Haus der Familie in der Weinbergstraße geworden war.

Adoptiert von jüdischen Eltern

Heinz war 1917 in der Nähe von Alsfeld geboren worden, 1923 adoptieren ihn Paul und Claire Ehrenberg in Kassel. Er hat nun jüdische Eltern. Die sind Teilhaber der Lack- und Farbenfirma Rosenzweig und Baumann. Heinz besucht die Schule am Philosophenweg, später das Wilhelmsgymnasium. Nach der Machtübernahme durch die Nazis müssen die Eltern das Geschäft aufgeben, Paul Ehrenberg und seine Frau wissen: „Wir müssen das Land verlassen.“ Dem Jungen stellen sie frei, mitzukommen. Doch der will wegen seiner Freunde bleiben. Die Eltern emigrieren nach Holland, später in die USA. Den Hof, den Paul Ehrenberg 1930 im Eschweger Raum gekauft hat, überschreibt er seinem Sohn. Ein Schicksal bleibt Heinz Ehrenberg nicht erspart: Wegen seiner jüdischen Eltern, die zwar nicht seine leiblichen sind, muss er zum Rassenamt. Wird vermessen – und für rein arisch erklärt.

Für Heinz beginnt in den 30er Jahren eine atemberaubende Odyssee durch Europa. Landwirtschaftliche Schule im französischen Jura, eine landwirtschaftliche Lehre beim Grafen Rantzau in Prohnsdorf in Schleswig-Holstein, wo er 30 Mark Lehrgeld im Monat zahlen muss, bis er sich 1938 freiwillig zur Wehrmacht meldet. Weil man den Krieg heraufziehen ahnt und er nicht eingezogen werden will. Skifahren kann er – also meldet er sich bei den Gebirgsjägern, „weil das nicht so fürchterliche Nazis waren“.

 Als es Ende August 1939 Richtung Osten, erst nach Tschechien, dann in die Slowakei geht, ist der Krieg spürbar. Mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 ist Heinz Ehrenberg mittendrin. Nach dem Polen-Feldzug geht es nach Frankreich, in Boulogne-sur-Mer erfahren sie von dem abenteuerlichen Plan, dass die Gebirgsjäger sich auf die Erstürmung der Kreidefelsen von Dover einzustellen hätten. Das Himmelfahrtskommando findet dann doch nicht statt. 1941 geht es wieder Richtung Osten. Auf dem Weg, in Klagenfurt, sieht Ehrenberg Hitler, der durch die Stadt braust. Slowenien, Ukraine, Jugoslawien – für die Gebirgsjäger findet das Oberkommando immer neue Verwendungen.

Heinz ist mittlerweile Fahrer für die Offiziere und den General. Der ist neu und heißt Walter Stettner Ritter von Grabenhofen. Mit ihm erhalten die Gebirgsjäger den Befehl, die Insel Korfu zu erobern. Die wird gehalten von früheren Verbündeten – den Italienern. Das Unternehmen gelingt, die Italiener fliehen und verteilen sich auf der Insel – die Gebirgsjäger sammeln sie ein. Heinz Ehrenberg kann Fremdsprachen – er darf auf der Insel bleiben. „Eine traumhafte Insel,“ schwärmt er noch heute. Der General spielt dann eine entscheidende Rolle in seinem Leben: Er rät ihm, die Kriegsschule zu besuchen. Er befolgt den Rat. Ein glücklicher Entschluss, wie sich bald herausstellt. Nach der Kriegsschule in Wiener Neustadt geht es nach Sonthofen, aber „eigentlich wollte ich zu meiner Division zurück.“ Die Antwort: „Welche Division?“ – Die gesamte Division wurde in Kämpfen mit Russen und Partisanen bei Belgrad aufgerieben. Der General gilt seither als vermisst. „Ich wäre sein Fahrer gewesen.“

Das Kriegsende erlebt Heinz Ehrenberg in Italien. Wird von Engländern gefangen genommen und in amerikanische Kriegsgefangenschaft überstellt. Aus der er im Juli 1945 entlassen wird. Holt irgendwann den Mittelschulabschluss nach, macht eine landwirtschaftliche Ausbildung. Und übernimmt Ende der 40er Jahre den Hof in Nordhessen. Als er nach dem Krieg erstmals in die zerstörte Stadt seiner Kindheit und Jugend kommt, besucht er als erstes seinen Freund Pausewang, die Familie wohnt im Eckhaus Königsstraße/Fünffensterstraße. Und sieht die Trümmer des Hauses der Familie in der Weinbergstraße. Nach sechs turbulenten Jahren im Krieg, nach vielen Jahren der Ausbildung an manchen Orten im Land finde er seinen Frieden in der Ruhe des ländlichen Nordhessens

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