Hilfe in der Pflege: Assistenzroboter sollen Entlastung bei Betreuung bringen

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Mehr Unterstützung: Roboter wie „Thea“ werden bereits zur Assistenz in Altenheimen eingesetzt. Dr. Patrick Jahn stellte in Kassel sein Projekt vor.

Bei der Fortbildung für Pflegende, die die B. Braun-Stiftung bereits seit 40 Jahren organisiert, wurde Thea am Freitag in der Stadthalle präsentiert und war für die rund 1200 Teilnehmer der Star

Kassel. „Hallo, mein Name ist Thea!“, sagt eine sympathisch klingende Stimme. Der nur 1,20 Meter große und 30 Kilo schwere Roboter, dem diese Stimme gehört, kommt freundlich daher. Mit seinen großen Augen und leichtem Lächeln, wirkt er somit fast schon kindlich.

Thea soll aber nicht nur freundlich wirken, sondern bei Pflegeproblemen der Zukunft helfen. Bei der Fortbildung für Pflegende, die die B.Braun-Stiftung bereits seit 40 Jahren organisiert, wurde Thea am Freitag in der Stadthalle präsentiert und war für die rund 1200 Teilnehmer der Star – jeder wollte ein Foto mit ihr machen, mit Thea reden oder den Roboter anfassen. Die Frage: Kann Pepper (humanoider Roboter, der darauf programmiert ist, Menschen und deren Mimik und Gestik zu analysieren und auf diese Emotionszustände entsprechend zu reagieren) Pflegepersonal entlasten? Was jetzt schon feststeht: Menschliche Pfleger soll und kann Thea nicht ersetzen. Aber der im Test befindliche Assistenzroboter ist ein Beispiel für die heutigen technischen Möglichkeiten. Die Universität Halle hat deshalb das Projekt FORMAT ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, Systeme zu entwickeln, die die Autonomie im Alter erhalten. Wenn Dr. Patrick Jahn, Leiter der Pflegeforschung der Universitätsmedizin Halle über Digitalisierung spricht, sieht er in erster Linie das Potenzial von technischen Assistenzsystemen. Bei der Fortbildung hielt er einen Vortrag zum Thema „Robotik in der Pflege – Fiktion und Realität. Wir sprachen im Anschluss mit ihm über das Thema.

Wie ein Popstar umringt: Der humanoide Roboter war der Star bei der Fortbildung für Pflegende, die seit 40 Jahren von der B.Braun-Stiftung in Melsungen veranstaltet wird.

Herr Dr. Jahn, Sie sprechen von Thea, einem Roboter aus der Roboter Pepper-Familie. Wer ist Thea und welche Bedeutung hat sie? Unsere Thea ist ein humanoider Pepper-Roboter des japanischen Hersteller Softbanks Robotics. Sie werden in Paris produziert und kosten etwa 20.000 Euro. Pepper wurde entwickelt, um Menschen im Alltag für Technik zu sensibilisieren und anzusprechen. Der Roboter hat deshalb einen Aufmerksamkeitsmodus und Displaymöglichkeiten über einen Touchscreen, eine Sprachsoftware mit variierenden Sprachmöglichkeiten und er ist sehr beweglich. Das bringt er alles mit. Er ist kein Pflegeroboter im eigentlichen Sinn, sondern einer den man für kommunikative Aufgaben in der Pflege nutzen kann.

Unser FORMAT-Projekt möchte für Technik sensibilisieren. Wir wollen die Bereiche im Pflegealltag finden, wo Thea wirklich entlasten kann. Wir sind in so vielen Zwängen und Traditionen verhaftet, wie etwas zu tun ist. Es ist einfach sinnvoll, über Alternativen nachzudenken. Deshalb stellen wir Thea in den Einrichtungen vor. Vorteil von Thea ist, dass die Pflegenden schnell die Angst vor ihr verlieren und beginnen, über Einsatzmöglichkeiten nachzudenken. Welche Einsatzmöglichkeiten wären das? Thea kann beispielsweise zur Animation, Unterhaltung, Anregung zur Bewegung oder in der Patientenaufklärung vor MRT-Untersuchungen eingesetzt werden.

Viele Pflegende haben Angst, ersetzt zu werden. Warum ist es so wichtig, sich mit Technik auseinanderzusetzen? Wir brauchen in der Pflege eine grundsätzliche andere Haltung zur Veränderung. Da ist die Digitalisierung einfach nur ein Katalysator. Wir haben ein starkes Problembewusstsein, formulieren aber oft nicht unseren Anteil an der Umsetzung. Wir müssen uns aktiv an den Lösungen beteiligen. Wie sehen Sie die Zukunft? In den neuen Bundesländern hat die demografische Veränderung schon 2030 ihren Gipfel erreicht, in den alten Bundesländern 2050. Wir brauchen neue Technologien. Wenn ich pflegebedürftig werde, möchte ich gerne auf mehr technische Ressourcen zurückgreifen können. Vielleicht zieht mich ein Roboter an oder er misst meinen Blutdruck. Wenn ich dadurch unabhängig bleibe, hat das existenzielle Vorteile. Dieses assistive Element der Technik, nicht der Ersatz von Pflegenden, das ist das, was wir diskutieren.

Und: Greifen kann er sowieso nicht. Die Hände sind zum Stabilisieren beim Fahren und zum gestikulieren da. Aber Gestik ist ein wesentlicher Bestandteil: Thea soll ja mit Menschen interagieren. Deswegen kann sie einfache Sätze verstehen, Sprache wiedergeben, erkennt Gesichter und merkt sie sich sogar. Ist sie einmal auf ihren Gesprächspartner fixiert, folgt Theas Blick dem Menschen. Dr. Jahn berichtete bei seinem Vortrag in der Kasseler Stadthalle aber auch: Bis Robotik mal vollständig einzieht, vergehen mindestens noch 20 Jahre.

Fortbildung für Pflegende

Mit der Fortbildung für Pflegende greift die B. Braun-Stiftung aktuelle Themen aus der Berufspolitik, allgemeiner Entwicklungen in der Pflege und dem Stationsalltag auf, um Pflegende für ihren Beruf noch besser zu qualifizieren und ihnen den Austausch mit Referenten und Kollegen zu ermöglichen. Die Veranstaltung ist eines der größten Fachforen für Pflegende in Deutschland und wird gleichermaßen von Fachkräften wie Pflegeschülern besucht.

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