Interview: documenta Pressechefin Henriette Gallus

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EXTRA TIP Chefredakteur Rainer Hahne im Gespräch mit Henriette Gallus, Pressesprecherin der documenta, über Kunst in Athen und Elend in Griechenland.

Kassel. Für mächtig Ärger in der Region hatte die Ankündigung der documenta gesorgt, man wolle in Griechenland eine gleichwertige Ausstellung machen. Im EXTRA TIP-Gespräch erklärte Presse-Chefin Henriette Gallus wie es aktuell in Athen aussieht.

ET: Was haben Sie für ein Gefühl, wenn Sie im Flugzeug sitzen und auf die Landung in Athen warten?Gallus: Irgendwie ist es fast unwirklich. Im Flugzeug hat man deutsche Zeitungen gelesen. Schüttelt den Kopf über die politischen Querelen. Und dann sieht man dieses traumhaft schöne, weiße Häusermeer im strahlenden Sonnenschein. Die Akropolis, die über der Stadt wie eine Krone thront. Orangenbäume, tolle Kontraste. Fast unglaublich.

ET: Und wie werden Sie als Deutsche von den Menschen empfangen?Gallus: Von tatsächlichem Hass ist wenig zu spüren, man wird grundsätzlich freundlich angesprochen. Die Deutschen sind als Touristen immer noch gern gesehen. Dieses Bild in den Medien wirkt verzerrt. Die griechische Bevölkerung, die Steuern zahlen muss, ist die Leidtragende dieser Krise.

ET: Hat sich die documenta in Athen schon eingelebt?Gallus: In Athen hat die documenta keine Geschichte, kein Publikum. Ich habe mich intensiv mit der Geschichte der ersten documenta beschäftigt. Die Briefe Bodes gelesen. Ich stelle mir vor, dass es damals ähnlich war.  Wenig Geld. Beschwerden von Journalisten. Wie heute in Athen eben.

ET: Aber es geht voran?Gallus: Wir haben uns angemeldet. Ein Büro angemietet. Sieben Menschen, darunter zwei Kuratoren, arbeiten für uns mit Zeitverträgen. Wir haben eine tragfähige Struktur geschaffen.

ET: Und in welchem Gebäude wird die documenta-Ausstellung sein?Gallus: Es wird einen Gebäudeparcours geben, ähnlich wie in Kassel. Einbezogen werden bereits bestehende Kunst-Institutionen. Wir wollen in der Stadt sein, die Stadt erleben, von Athen lernen. Es wird ein aktiver Auftritt mit Konzerten, Filmen, Vorführungen.

ET: Und wie sieht die Künstlerszene Athens aktuell aus?Gallus: Für viele Künstler ist es eine verheerende Zeit. Sie verdienen kein Geld, wissen oft nicht was sie den nächsten Tag essen sollen. Viele arbeiten umsonst.  Trotzdem werden immer wieder Galerien eröffnet,  Ausstellungen veranstaltet. Und besonders schön: Es kommen die ganz normalen Bürger und schauen sich die Kunst an. Überall ist eine wahnsinnig positive Energie zu spüren.

ET:  Gilt das auch für die Zusammenarbeit mit der documenta?Gallus:  Die documenta ist für viele Hoffnungsstifter und Schwungbringer. Finanzielle Gewinne erwarten die Künstler von uns nicht. Ihnen geht es darum, die Menschen zu erreichen. Die Athen Biennale ist unser Partner. Ein Konkurrenzdenken gibt es überhaupt nicht. Denn zeitgenössische Kunst, wie wir sie zeigen, ist in Athen exotisch. Klassische Kunst und die Akropolis ist hier angesagt.

ET:  Was passiert als nächstes?Gallus: Oberbürgermeister Bertram Hilgen besucht die griechische Hauptstadt und Athens Bürgermeister Yiorgos Kaminis freut sich jetzt schon darauf. Er war von Kassel total begeistert, von der Kasseler Kulturszene.  Von dem Stellenwert der Kulturszene und natürlich auch von dem Geld, das dafür ausgegeben wird. Er hat im Moment ein ganz anderes Problem. Er muss entscheiden, ob das Athener Stadtorchester mit dreihundert Musikern bestehen bleibt, oder ob er das Geld für die Suppenküchen ausgibt, die überall entstehen.

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