100 Jahre Hausfrauenverband Kassel: Kampf um Anerkennung

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Der Hausfrauenverband Kassel feiert 100-jähriges Bestehen. Bis heute kämpfen die Mitglieder um mehr Anerkennung und gegen das Heimchen am Herd-Image.

Kassel. Fast hat es den Anschein, als sei die Hausfrau angesagter denn je: Nie wurde mehr gebastelt, gehäkelt, gebacken und eingekocht als in diesen Tagen; Magazine feiern das Dekorieren von Haus und Garten als perfekte Glückseligkeit. Die Realität sieht anders aus: "Es gibt immer weniger Frauen, die sich als Hausfrau outen", sagt Brigitte Thiel, 66 Jahre und Vorsitzende des Hausfrauenverbandes Kassel.

In diesem Oktober feiert der Verein sein 100-jähriges Bestehen. Und er kämpft bis heute: für die Anerkennung der Hausarbeit als qualifizierten Beruf und gegen das Image der Hausfrau als Heimchen am Herd. "Früher waren wir die Nummer eins. Es wurde gesellschaftlich wertgeschätzt, dass wir Kinder erziehen und den Haushalt schmeißen. Heute ist es wichtig, Karriere zu machen und Geld zu verdienen", sagt Brigitte Thiel, Mutter von vier Kindern. Es gehe nicht darum, die Frauen zurück an den Herd zu verbannen. "Ich möchte, dass unsere Arbeit anerkannt wird. Wir erbringen eine wichtige Leistung. Für die Familie und für die Gesellschaft".

Keine jungen Frauen im Verein

Dass das Ansehen der Hausfrau seit Jahren sinkt, belegen auch die Zahlen: 63 Mitglieder hat der Hausfrauenverband Kassel aktuell, das jüngste ist 40, das älteste Mitglied 93 Jahre alt. "Es wäre schön, wenn ein paar jüngere Frauen dazukommen würden", sagt die Vorsitzende. Um Nachwuchs zu gewinnen, setzt der Hausfrauenverband Kassel auf ein vielfältiges Angebot: Es gibt spezielle Kochkurse, Infoabende und eine Homepage mit Rezept- und Haushaltstipps. "Wir sind moderner als viele glauben", sagt Brigitte Thiel.   Statt Hirnstritzel und Milzsuppe wie in den Kriegsjahren, finden sich in den Kochbüchern des Verbandes heute Topinambur-Buttergemüse, Zucchini-Frittata und Erdbeer-Ziegenkäse-Canapés.

Oberstes Hausfrauen-Gebot: Organisation ist alles

Alle Rezepte das Hausfrauenverbandes entstehen in der neuen, top-ausgestatteten Lehrküche. Hier werden unter anderem angehende Hauswirtschafter ausgebildet. In der 18-monatigen Ausbildung lernen die Teilnehmer das A und O des Hauswirtschaftens – von Sicherheit und Gesundheitsschutz über die Reinigung von Räumen und Textilien bis hin zur Kalkulation und Abrechnung. Zugelassen wird nur, wer nachweisen kann, dass er mindestens viereinhalb Jahre einen Haushalt mit vier Personen selbständig geführt hat.

Lehrgänge zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung bietet der Hausfrauenverband ebenfalls an. Die Ausbildung ist nicht nur die perfekte Voraussetzung, um in Gastronomie oder Hotelgewerbe zu arbeiten. Auch für das eigene Zuhause ist dieses Basiswissen Gold wert. "Es geht darum, den eigenen Haushalt als Betrieb zu begreifen. Man muss ihn strukturieren und organisieren ", betont Brigitte Thiel. Wer weiß, wie schnell und einfach eine Wok-Pfanne mit Reis und Gemüse zubereitet ist, bekommt eben keinen Nervenzusammenbruch, wenn die Kinder mit drei Schulfreunden vor der Tür stehen. Und wer einmal gelernt hat, wie einfach ein Hefeteig gelingt, der kauft kein Fertigprodukt, isst gesünder und spart Geld. Kochen und Haushaltsführung werde heute nicht mehr selbstverständlich weitergegeben, sagt Brigitte Thiel. Auch deshalb plädiert der Verein dafür, Hauswirtschaft als Unterrichtsfach einzuführen. Denn auch wenn das Internet voll ist mit Rezepten und Kochsendungen boomen: "Ein bisschen Grundwissen braucht es schon", sagt die Vorsitzende.

Aus Hausfrau wird die Haushaltsführende

Dass heute immer mehr Männer den Kochlöffel schwingen und sich an der Hausarbeit beteiligen, freut die 66-Jährige.   Fehlt nur noch das erste männliche Mitglied im Hausfrauenverband Kassel. Sollte es bislang am Namen gescheitert sein, besteht jedoch Hoffnung: Der Bundesverband hatte sich unlängst in "Netzwerk Haushalt – Bundesverband der Haushaltsführenden" umbenannt, auch der Kasseler Verein denkt über eine Änderung nach. Das Ende der Hausfrau bedeute dies allerdings nicht, sagt Brigitte Thiel. "Ich bin gerne Hausfrau. Und auch stolz darauf."

+++ EXTRA INFO +++

– Der Hausfrauenverband Kassel wurde im Oktober 1915 gegründet. Sein 100-jähriges Bestehen feiert der Verband mit einem Tag der offenen Tür am morgigen Montag, 26. Oktober, zwischen 10 und 17 Uhr in der Geschäftsstelle am Königsplatz 36 in Kassel (Eingang neben Samen Rohde), 1. Stock.

– Vom 31. Oktober bis 8. November, täglich von 9.30 bis 18 Uhr, ist der Hausfrauenverband Kassel auf der Herbstausstellung in den Messehallen (Damaschkestraße 55) in Halle 5 vertreten.

Alle Infos auch unter: www.hausfrauenverband-kassel.de

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