Vor 75 Jahren: Das Grauen der Kasseler Bombennacht

+
Zerstörung gab es überall wie auf diesem Bild aus der Unterneustadt zu sehen, aufgenommen in der Waisenhaus Straße.

Über 400.000 Bomben fallen am 22. Oktober 1943 auf die Stadt Kassel und zerstören sie. Zeitzeugen berichten von einem schönen Herbsttag, der für tausende Menschen tödlich endet.

Kassel. Fast alle Zeitzeugen wissen von diesem Tag aus den Stunden vor dem Angriff noch eines: Es war ein traumhaft schöner Herbsttag. Die Menschen in der Stadt wissen aber: Schönes Wetter mit wolkenlosem Himmel birgt Gefahr. Denn dann haben feindliche Bomber eine gute Sicht – anders als am 3. Oktober, als ein britischer Fliegerverband mit über 500 Flugzeugen einen Angriff auf Kassel plante, wegen absolut schlechter Sicht aber nur östliche Teile des Stadtgebietes mit Bomben belegte und dabei das Dorf Sandershausen in der Nähe zerstörte.

Dennoch ist der 22. Oktober Kriegsalltag in der Stadt. Die Kinder gehen zur Schule, die Geschäfte bieten die zunehmend weniger gewordenen Waren an. Am Vormittag hält Physik-Nobelpreisträger Max Planck einen Vortrag – er wird den Bombenhagel am Abend im Keller eines Hauses im Vorderen Westen überleben. Karl Steffek hat seine Schicht getauscht. Er hat Geburtstag – und abends soll gefeiert werden. Die Waisenhaus-Buchdruckerei, in der er arbeitet und eigentlich Nachtschicht hätte, wird komplett zerstört. Karl Steffek entgeht dem Bombenhagel, der Kollege, mit dem er getauscht hat, stirbt.

Anna Hold hat eine Stelle bei der Bäckerei Wahrenholz in der Straße „Im Sack“, einer kleinen Verbindungsstraße zwischen Steinweg und Elisabeth-Hospital. Sie ist zu Besuch bei ihren Eltern in Obermeiser und macht sich am Nachmittag auf den Rückweg nach Kassel. Die Bäckerei wird komplett zerstört. Annas Leiche wird aus dem Keller geborgen und in Obermeiser beigesetzt.

Die Menschen in Kassel leben seit Jahren mit Fliegeralarmen und Luftangriffen. Fast 250mal waren seit Kriegsbeginn die Sirenen ertönt. Auch am 21. Oktober und am 20. Oktober hatte es Alarm gegeben – aber es war Fehlalarm. Am Morgen des 22. Oktober hatte der britische Luftmarschall Arthur Harris nach der Auswertung der Wettervorhersagen den Befehl zum Angriff auf Kassel gegeben. Kassel war ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie, Henschel, Wegmann, Junkers, Fieseler – insgesamt gibt es 21 Standorte. In Großbritannien werden 569 Maschinen der Typen Lancaster und Halifax betankt. Sie starten von 38 Flugplätzen, irgendwann am Nachmittag. Die Bomberverbände sammeln sich, fliegen über die Scheldemündung aufs Festland ein.

 Lange ist den Deutschen das Angriffsziel nicht klar. Die deutschen Nachtjäger, 290 an der Zahl, warten deshalb lange auf den Einsatzbefehl. Man geht von einem Angriffsziel in Süddeutschland aus. Um 20.15 Uhr dreht der Verband Richtung Koblenz. Jetzt geht man von einem Angriff auf Frankfurt aus. Über 40 Flugzeuge der Briten fliegen tatsächlich Richtung Frankfurt – aber es ist ein Scheinangriff. Die Nachtjäger werden Richtung Frankfurt in Marsch gesetzt. Der Rest des Verbandes aber dreht nach Norden ab. Erst als im Raum Gießen/Marburg intensive Motorgeräusche vom Himmel zu hören sind, ist klar: Es droht ein Angriff auf Kassel.

Die Nachtjäger werden umgeleitet – aber sie sind weit weg. Um 19.51 Uhr versetzt das Luftschutzwarnkommando im Keller des Landesmuseums alle Flakbatterien in und um Kassel in Alarmbereitschaft. Doch noch immer sind die Luftlagemeldungen widersprüchlich, noch immer geht man davon aus, dass Frankfurt das Hauptziel ist. Um 20.17 Uhr entschließt man sich, die Sirenen in der Stadt heulen zu lassen. Und dann geht alles sehr schnell: Nach dem Voralarm wird wegen der drohenden Gefahr eine Alarmstufe übersprungen. Vollalarm.

Um 20.42 Uhr beginnt die Flak zu schießen – die Pfadfinder-Flugzeuge, die die „Christbäume“ genannten Leuchtmunitionen abwerfen, die Kassel taghell erleuchten und das Angriffsziel, die Innenstadt, quasi abstecken, überfliegen die Stadt. Sieben Minuten später, um 20.49 Uhr, beginnt das Inferno: Die ersten Bomben fallen. Sprengbomben und Luftminen fegen Wände und Dächer weg, die Brandbomben stecken die Fachwerkhäuser in Brand. Über 400.000 Bomben fallen innerhalb von etwa 45 Minuten auf die Stadt. Dann dreht der Bomberverband Richtung Heimat ab. Unten, in der Stadt, entsteht die Feuerhölle. In der Altstadt und der Unterneustadt entstehen riesige Flächenbrände, in den Kellern, deren Ausgänge verschüttet sind und wo man auch durch Mauerdurchbrüche zu Nachbarhäusern nicht mehr entkommen kann, ersticken Menschen. Das Feuer nimmt den Sauerstoff, gelagerte Kohle entzündet sich, das Kohlenmonoxid killt die Kellerinsassen. Auf den Straßen verbrennen Menschen, einstürzende Mauern erschlagen viele. Immer wieder geht eine Bombe verspätet hoch, die Feuerwehr ist trotz der Unterstützung vieler anderer Wehren hilflos. Die Bilanz der Bombennacht: 97 Prozent der Altstadt sind zerstört. Zum Glück für viele ist die Fuldabrücke weitgehend unbeschädigt. An den Ufern des Flusses finden viele Zuflucht. Wasser – im Feuer der Inbegriff für Rettung.

10.000 Menschen finden den Tod, eine geschätzte Zahl. Der gezielte Angriff auf die Bevölkerung – das war seit 1942 die Taktik des Bomber Command. So wollte man die Bevölkerung demoralisieren, zum Widerstand gegen das eigene Regime aufwiegeln. Allerdings: Nichts anderes hatte die deutsche Luftwaffe im Sinn: die Angriffe auf Warschau, Rotterdam, Coventry oder London dienen als Beispiele.

Statistik zum Angriff

- Von den 569 gestarteten Maschinen kommen 444 über Kassel an.

- Schon um 20 Uhr haben 70 Flugzeuge wegen verschiedener Probleme den Heimweg angetreten, die Bombenlast landet in der Nordsee.

- Über 400.000 Bomben fallen auf die Stadt. Werner Dettmar hat in seinem Standardwerk „Die Zerstörung Kassels im Oktober 1943“ die Zahl präzise aufgelistet:

- 294 Leuchtbomben

- 197 Zielmarkierungsbomben

- 112 Sprengbomben (fünf Zentner)

- 482 Sprengbomben (zehn Zentner)

- 64 Luftminen (20 Zentner)

- 285 Luftminen (40 Zentner)

- 3 Luftminen (80 Zentner)

- 386.747 Brandbomben (1,7-kg-Stabbrandbomben)

- 10.743 Brandbomben (1,7-kg-Stabbrandbombe mit Sprengsatz)

- 19.366 Brandbomben (14-kg-Flüssigkeitsbrandbomben)

- Nach dem Angriff sind 65 Prozent der Wohnungen nicht mehr bewohnbar. Man schätzt die Zahl der Obdachlosen auf 150.000. Unzählige Familien werden umgesiedelt.

- Nach britischen Angaben werden 42 Maschinen abgeschossen, die Deutschen vermelden 62 Abschüsse. Über 400 britische Soldaten kehren nicht nach Hause zurück.

- Nach dem verheerenden Angriff ist Kassel noch 27-mal das Ziel alliierter Luftangriffe – insgesamt gibt es 39 dokumentierte Angriffe. Der letzte findet am 21. März 1945 statt. 14 Tage später ist der Krieg in der geschundenen Stadt vorbei. In der Stadt leben noch 71.209 Menschen. Im Oktober 1943 waren es 225.694.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Folgemeldung: Baggerschaufel beschädigt Autodach bei Unfall: Fahrerin glücklicherweise nur leicht verletzt

Wie die an der Unfallstelle eingesetzten Beamten des Polizeireviers Süd-West berichten, ist die Autofahrerin bei dem Unfall in Baunatal-Rengershausen gegen 16 Uhr nach …
Folgemeldung: Baggerschaufel beschädigt Autodach bei Unfall: Fahrerin glücklicherweise nur leicht verletzt

Baggerschaufel beschädigt Pkw: Fahrerin verletzt

Bei einem Unfall in der Knallhütter Straße in Baunatal-Rengershausen kam es zu einem Unfall mit einer Baggerschaufel, bei dem eine Frau verletzt wurde.
Baggerschaufel beschädigt Pkw: Fahrerin verletzt

Taschendiebe heben in Bulgarien Geld mit geklauter EC-Karte aus Kassel ab

Taschendiebe haben gestern einer Kasselerin die Geldbörse samt EC-Karte geklaut. Kurz darauf wurde mit den Daten von dieser Karte Geld im Ausland abgehoben.
Taschendiebe heben in Bulgarien Geld mit geklauter EC-Karte aus Kassel ab

Diakonie Klinik fällt durch: Unzureichende Qualität in der Geburtshilfe?

Im ersten Bericht des Bundesausschusses wurde dabei die Geburtshilfe der Agaplesion Diakonie-Kliniken in Kassel mit „unzureichender Qualität“ bemängelt.
Diakonie Klinik fällt durch: Unzureichende Qualität in der Geburtshilfe?

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.