Jahresauftakt-Interview mit Kassels OB Christian Geselle

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Im Gespräch: Petra Goßmann (Geschäftsführerin EXTRA TIP Werbegesellschaft) und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle.

Christian Geselle ist seit Sommer 2017 Kassels Oberbürgermeister. Der EXTRA TIP bat ihn um seinen persönlichen Rückblick zum vergangenen Jahr und sprach mit ihm über die kommenden Aufgaben.

Herr Geselle, neben dem Amtsantritt hatte Kassel viel Grund zu feiern: allem voran die documenta. Das Jahr nach der Weltkunstausstellung erleben viele in einer Art Katerstimmung. Wie lässt sich das – gerade nach den documenta-Schlagzeilen zum Ende – geraderücken?

Die documenta war sicher ein prägendes Thema des vergangenen Jahres. Sie hat Menschen und Medien im Zusammenhang mit Kassel am meisten beschäftigt. Denn die documenta 14 sorgte, schon allein künstlerisch betrachtet, für immens viel Gesprächs- und Diskussionsstoff. Dass die documenta 14 mit finanziellen Schwierigkeiten zu Ende ging, stellte vor allem die Gesellschafter vor eine große Herausforderung. Es ging um nicht weniger, als die documenta und die Gesellschaft selbst vor der Zahlungsunfähigkeit und dem Aus zu bewahren. Das ist uns in einem gemeinsamen Kraftakt gelungen.

Also keine Katerstimmung? 

Nein, bewusst und zuversichtlich haben wir den Termin für die documenta 15 festgelegt: Sie wird am 18. Juni 2022 in Kassel eröffnet werden und bis zum 25. September andauern. Die documenta ist in Kassel entstanden, sie hat sich in Kassel und aus Kassel heraus entwickelt, und sie ist und wird für immer untrennbar und unübersehbar mit unserer Stadt verbunden sein. Schon bald wird eine neue hochkarätig besetzte Findungskommission auf die Suche nach einer künstlerischen Leitung gehen. Unterdessen werden wir prüfen lassen, ob und an welchen Stellen das gemeinnützige Unternehmen documenta besser ausgestattet werden muss – organisatorisch, finanziell wie auch personell. Denn Ziel muss es sein, die documenta zu stärken, sie zeitgemäß auszustatten und zukunftsfähig zu machen. Ebenso wie bei der künstlerischen Ausrichtung der vergangenen und kommenden documenta-Ausstellungen wird sich zeigen, dass Krisen und Brüche nicht nur Chancen in sich bergen, sie sind sogar das Lebenselixier der documenta. Sie vermag es, sich immer wieder neu zu erfinden.

Die Kulturhauptstadt-Bewerbung ist ein großes Thema, auch der freien Szene. Wie kann diese neben den etablierten Kultureinrichtungen unterstützt werden?

Die Kultur ist und bleibt eine treibende Kraft für unsere Stadtentwicklung. Wir haben eine sehr lebendige Kulturszene, die es in vielen Bereichen noch zu entdecken, zu fördern und zu vernetzen gilt. Was wir brauchen, ist ein Ort für die freie Kultur-Szene und die Kreativwirtschaft, eine Art Hotspot – gewissermaßen einen Science Park für die Kultur. Gerade deshalb ist der vor kurzem begonnene Beteiligungsprozess zur Erarbeitung einer Kulturkonzeption, die auch unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Kulturhauptstadtbewerbung ist, so wichtig. Sie bietet die große Chance, die Zukunft unserer Stadt gemeinsam mit Bürgern und Kulturakteuren zu gestalten.

Die Innenstadt ist Kassels „gute Stube“, der wachsende Online-Handel macht jedoch dem Einzelhandel das Leben schwer. Gibt es ein Signal in Sachen Parkgebühren, das die Händler und Kunden erfreut?

Im Frühjahr 2018 wird der Magistrat ein innovatives Konzept für die Parkgebühren vorlegen. Verkehrsdezernent Dirk Stochla arbeitet gemeinsam mit unserem Straßenverkehrs- und Tiefbauamt mit Hochdruck daran, damit das Parken im Innenstadtbereich attraktiver wird. Unabhängig davon investieren wir in die „gute Stube“: 2018 geht die Neugestaltung der Oberen Königsstraße weiter. Dafür nehmen wir als Stadt 3,5 Millionen Euro in die Hand, hinzukommen 1,5 Millionen Euro vom Land. Wir werten unsere Einkaufsmeile nochmals auf, die Aufenthaltsqualität wird klar verbessert. Übrigens werden wir schon bald gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Nordhessen Vorschläge präsentieren, wie eine Videoüberwachung im öffentlichen Raum und speziell in der Innenstadt ausgeweitet werden kann.

Auch die Trinkerszene sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Nun hat der Trinkraum geschlossen. Welche Lösungen strebt die Stadt mit den Menschen am Rand der Gesellschaft an? 

Der Trinkraum hatte nicht den erhofften Effekt. Unser Ansatz ist eine noch engere Zusammenarbeit mit der Drogenhilfe Nordhessen, die mit dem höheren Zuschuss aus dem städtischen Haushalt mehr Personal beschäftigen kann. Wir setzen verstärkt auf Prävention durch die aufsuchende Sozialarbeit in der Innenstadt – durch gezielte Ansprache. Mehr Präsenz in der City zeigen auch die Ordnungspolizeibeamten – hier haben wir das Personal um 50 Prozent aufgestockt.

Zu Ihrem Amtseintritt haben Sie sich für den Sport in Kassel stark gemacht. Zweite Eisfläche und KSV-Erhalt wurden zur „Chefsache“. Wie geht es nun dort weiter? 

Seit Jahrzehnten wünscht man sich in Kassel eine zweite Eisfläche – wir waren noch nie so nah dran wie jetzt, es zu verwirklichen. Schub für dieses Projekt gibt allen Beteiligten auch die Unterstützung des Deutschen Eishockey-Bundes, der sich von den Planungen sichtlich angetan zeigt. Die Stadt steht in den Startlöchern – den Startschuss müssen jetzt die Huskies geben. Beim KSV könnte – nachdem die Gläubiger dem Insolvenzplan zugestimmt haben - nun ein echter Neuanfang beginnen. Die sportlichen Aussichten bereiten mir derzeit mehr Sorgen. Ich habe aber volles Vertrauen in Tobi Cramer und seine Jungs, dass sie am Ende die Klasse halten werden.

Auch 2018 wird das Jahr der Baustellen. Rathaus-Sanierung und Sanierung Obere Königsstraße stehen an. Auf was müssen sich Bürger, Anlieger und Mitarbeiter einrichten, welche Verbesserungen gibt es nach Abschluss der Arbeiten? 

Im Rathaus-Flügel Karlsstraße müssen dringend bauliche, brandschutztechnische und energetische Mängel behoben werden. Das neue Erscheinungsbild soll Bürgernähe, Offenheit und Transparenz ins Stadtbild transportieren – verbunden mit einer städtebaulichen Aufwertung. Für die Bürgerinnen und Bürger, aber auch für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung wird es deutliche Vorteile bringen. Denn jetzt haben wir die Chance, Ämter und Organisationseinheiten so zu verteilen, dass wir noch effektiver arbeiten können und der Service für Bürger und Unternehmen deutlich verbessert wird.

Anderswo ist eher Stillstand angesagt. Wie sind die Perspektiven für das Salzmann-Gelände? 

Ich habe die Hoffnung zwar noch nicht aufgegeben, aber viele Optionen gibt es nicht mehr. Unsere Möglichkeiten, hier als Stadt Einfluss zu nehmen, sind begrenzt. Der Eigentümer ist am Zug.

Stichwort Wohnraum: Während Stadtteile wie der Vordere Westen immer begehrter und auch teurer werden, geraten andere wie Rothenditmold ins soziale Abseits. Wie lässt sich da gegensteuern? 

Kassel zieht immer mehr Menschen an. Die Kehrseite der Attraktivität ist ein angespannter Wohnungsmarkt. Bei der Lösung dieser Aufgabe ist nicht allein die Stadt gefordert, sondern auch die Wohnungs-und Bauwirtschaft, das Land und nicht zuletzt der Bund. Im Stadtgebiet gibt es zahlreiche Neubauprojekte, die für etwas Entspannung sorgen sollen. Für Rothenditmold als Wohnort sehe ich übrigens langfristig eine gute Perspektive – alleine durch die Nähe zum neuen Fraunhofer-Institut am Hauptbahnhof oder auch zum auflebenden Schillerviertel. Gerade in Rothenditmold tut sich viel. Der Stadtteil wurde in 2010 in das Bund-Länder-Programm Soziale Stadt aufgenommen. Damit konnten und können eine ganze Reihe von Projekten verwirklicht werden, zum Beispiel der lang gehegte Wunsch nach einem offenen Zentrum für die Bürger und Bürgerinnen. Die Akteure in den Henschelhallen – u.a. Skateboardverein Mr. Wilson und Technikmuseum – wünschen sich mehr Unterstützung. Kann die Stadt dort helfen? Die Stadt unterstützt bereits über entsprechende Förderungen, und wir helfen dabei, weitere Gelder zu akquirieren. Darüber hinaus bemühen wir uns um einen engen Kontakt und um Gespräche mit dem Eigentümer der Immobilien, um die Nutzer zu unterstützen.

Wie wird die wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt weitergehen? 

Die Wirtschaft in Kassel brummt. Die Gewerbesteuer und die Einkommenssteuer haben mittlerweile Rekordniveau erreicht. Der wirtschaftliche Aufschwung macht sich jetzt auch direkt in den Geldbeuteln vieler Menschen unserer Stadt bemerkbar und nicht nur bei einigen wenigen. Das vergangene Jahr war für unsere Stadt arbeitsmarktpolitisch das Beste seit der Wiedervereinigung. Wir wollen noch mehr Menschen in Arbeit bringen. Eine große Aufgabe wird sein, den zu uns geflüchteten Menschen eine Perspektive zu bieten und sie auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren.

Im Stadtmarketing möchte man den Tourismus weiter ankurbeln. Die Stärken – Museen, Parks und Lage in der Mitte Deutschlands sind bekannt. Wo hat die Stadt noch Nachholbedarf?

Unsere Stadt ist auch zwischen den documenta-Ausstellungen ein Besuchermagnet. Der exzellente Ruf Kassels als Tagungs- und Kongressstadt hat sich in Deutschland längst herumgesprochen wie unser reichhaltiges Kultur- und Freizeitangebot. Dafür sprechen auch die steigenden Übernachtungszahlen, von vorläufig über einer Million Übernachtungsgäste im Jahr 2017. In diesem Jahr wollen wir Kassel wieder stärker als Konzertstandort etablieren, mit tollen Open-Air-Konzerten im Auestadion. Ein weiterer Höhepunkt wird sicher das neue Altstadtfest werden. Es ist ein Beispiel dafür, wie viel Potenzial in unserer schönen Stadt steckt, und welche Schätze es noch zu entdecken und zu heben gilt.

Was werden Sie in ihrem Jahresrückblick 2018 über ihre Heimatstadt sagen können? 

Wir sind unserem Ziel „Kassel – das beste Zuhause“ wieder ein gutes Stück nähergekommen.

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