Ist Kafka wirklich sexy?

Die Hersfelder Festspiele sind in diesem Jahr eine Herausforderung. Kafka soll witzig sein. Das darf doch wohl nicht wahr sein.

Sehr geehrter Joern Hinkel,

Sie sind der Intendant der Hersfelder Festspiele und haben ausgerechnet ins dortige Amtsgericht zu einer Pressekonferenz eingeladen. Der Grund? In diesem Jahr werden die Festspiele mit dem Kafka-Stück „Der Prozess“ eröffnet. Völlig zurecht waren Sie der Ansicht, dass man dafür auf ganz besondere Art und Weise Werbung machen soll. Warum? In so einem Fall gehe ich erst einmal von mir selber aus. Was verbinde ich mit Kafka? Welche Gefühle kommen in mir so hoch? Möchte ich eigentlich wirklich etwas von ihm lesen oder sehen? Ganz spontan war meine Antwort auf dem Weg zur Pressekonferenz: NEIN!!!

Und warum? Sehr geehrter Herr Hinkel, machen Sie mit mir eine Zeitreise. Kommen Sie mit mir ins Jahr 1976. Der Schüler Rainer Hahne sitzt da und wartet auf seine Aufgabenstellung für die Abi-Arbeit im Fach Deutsch. Und er sitzt da nicht passiv. Nein, er sitzt da zitternd und zagend und ja, betend: „Oh Gott, lass es nicht Kafka werden.“ Ich muss Ihnen jetzt ja sicher nicht sagen, was gekommen ist. Natürlich Kafka! Und noch schlimmer: Der Kübelreiter! Bis heute geistert gelegentlich der Satzfetzen „mit vor Kälte hohlgebrannter Stimme...“ durch mein Hirn und sorgt für eine äußerst unangenehme Gänsehaut. Als Schüler und Heranwachsender konnte ich mit diesem Herrn und Schriftsteller überhaupt nichts anfangen. Noch mehr: Wenn er mich gefragt hätte, hätte ich ihm dringend zu einem Besuch bei einem Psychiater geraten. Gelinde ausgedrückt erschien er mir ein wenig depressiv.

Und jetzt kommen Sie, Herr Hinkel, mit Ihrer Pressekonferenz und erzählen mir, dass das Kafka-Stück „Der Prozess“ witzig und sexy sei. Kafka witzig und sexy? Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Das Witzige machten Sie an den Auftritten der beiden Gerichtsdiener fest, die anfangs einen offensichtlich Unschuldigen verhaften, sich bräsig, dümmlich zu ihm an den Frühstückstisch setzen und erst mal ordentlich zulangen. Der Verhaftete findet das da noch witzig, auch, dass sie seinen Kleiderschrank ausräumen wollen: „Im Gefängnis brauchen Sie ja sowieso nichts mehr.“ Etwas weniger witzig findet er das später sicherlich, als diese Herren ihn zur Hinrichtung führen.

Für das sexy-erotische sorgen seine Frau, die mit allen Gerichtsmitarbeitern anbändelt. Und natürlich Ingrid Steeger, die als Mitarbeiterin in einer Bar mit dem Verhafteten anbandelt... Was mache ich jetzt, Herr Hinkel? Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mir das Stück anzuschauen und mich davon zu überzeugen, wer von uns beiden Kafka jetzt richtig einschätzt. Na bravo!

 Mit theatralischen Grüßen

 Rainer Hahne

Chefredakteur

P.s. Was tut man nicht alles, um Ingrid Steeger mal wieder zu sehen? Markus Majowski ist sicher witzig als Gerichtsdiener. Aber irgendwie erinnert das an die SA-Schergen, die auch erst keiner für voll genommen hat. Und nachher......Mord!

P.P.s. Hoffentlch fällt Ingrid Steeger nicht aus. Aus München hört man nichts Gutes. Angeblich soll sie mit Ihrem Vermieter Stress haben wegen völliger Vermüllung ihrer Wohnung.

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