„Kassel hält zusammen“: Oberbürgermeister Christian Geselle im Exklusivinterview 

Trafen sich zum Stadtspaziergang durch die Innenstadt: (v.li.) Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle mit Petra Goßmann, Verlagsleiterin EXTRA TIP und Ulf Schaumlöffel (EXTRA TIP Redaktionsleiter).
+
Trafen sich zum Stadtspaziergang durch die Innenstadt: (v.li.) Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle mit Petra Goßmann, Geschäftsführerin EXTRA TIP und Ulf Schaumlöffel (EXTRA TIP Redaktionsleiter).

Kassel. Christian Geselle ist seit Sommer 2017 Kassels Oberbürgermeister. Und viele Bürger fragen sich? Tritt er für eine zweite Amtszeit in 2023 an? Bisher gab Geselle dazu noch keine Stellungnahme ab. Bezieht aber jetzt im EXTRA TIP-Interview eine klare Position dazu. Berichtet im persönlichen Rückblick aufs vergangene Jahr, was ihn bewegt hat, wo die Schwächen und Stärken der Stadt sind und wie er die Innenstadt wieder beleben möchte. Und was bringt sonst das neue Jahr? Diese und weitere Fragen beantwortet Kassels Oberbürgermeister im EXTRA TIP-Interview.

Wie ist ihr Resümee auf das Jahr 2021? Was werden Sie in ihrem Jahresrückblick über ihre Heimatstadt sagen können?

Das Jahr 2021 war leider auch für Kassel einmal mehr geprägt von der Corona-Pandemie. Die nach unseren vielfältigen Impf-Angeboten erhoffte Entspannung trat leider nicht so ein wie erhofft. Dennoch ist Kassel bislang relativ gut durch diese Herausforderungen gekommen. Wir haben große Kraftanstrengungen unternommen, um neben den niedergelassenen Ärzten kurzfristig weitere Angebote für alle impfwilligen Bürgerinnen und Bürger zu schaffen, nachdem wir unser leistungsfähiges Impfzentrum schließen mussten. Dabei wurden wir immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert, wie zuletzt die auf drei Monate verkürzte Frist zur Booster-Impfung. Für jeden einzelnen von uns ist die Pandemie eine große Belastung – sei es durch die Sorge wegen der Krankheit an sich oder aber den damit verbundenen Einschränkungen, die viele Menschen privat oder auch beruflich stark fordern. Deshalb hatten wir noch Ende 2020 das Unterstützungs- und Wiederankurbelungsprogramm „Kopf hoch Kassel!“ verlängert, mit dem die Stadt insbesondere kleinen Betrieben, Kulturschaffenden, Organisationen sowie Sozial-, Sport- und Kulturbereich unter die Arme griff. Auch durch den Stadtsommer auf dem Friedrichsplatz, die Hessenkulturbahn oder auch den Weihnachtsmarkt ist es gelungen, etwas „normale“ Lebensqualität zu bieten.

Derzeit hilft ja viel die Polizei bei der Kontrolle, ob die Coronaregeln eingehalten werden. Wie will die Stadt weiter sicherstellen, dass die Menschen sich an die Vorgaben halten?

Zunächst einmal hoffen wir auf die Einsicht der Bürgerinnen und Bürger, dass die Maßnahmen zu unser aller Schutz wichtig sind und beachtet werden. Von Seiten der Ordnungsbehörden wird uns gespiegelt, dass die Regeln überwiegend eingehalten werden und auch die Kontrolle durch die Verantwortlichen in Gastronomie, Handel und bei Veranstaltungen überwiegend gut funktioniert. Das betrifft sowohl die Maskenpflicht in den definierten Bereichen als auch die 2G-Regeln. Wir sind darüber hinaus gut aufgestellt, um seitens der Stadt die notwendigen Kontrollen durchführen zu können. Es braucht uns alle, jede Einzelne, jeden Einzelnen, um diese Pandemie zu bewältigen. Deshalb müssen wir weiterhin vorsichtig und umsichtig sein.

Welche Schlagzeilen sind in 2022 zu erwarten?

Schlagzeilen werden von den Medien gemacht. Unser Job ist, die richtigen Weichen für eine weiter erfolgreiche Entwicklung der Stadt zu stellen. Mit großer Vorfreude und Erwartung blicke ich auf das bevorstehende documenta-Jahr. Die documenta fifteen unter der Leitung des Künstlerkollektivs ruangrupa verspricht schon jetzt eine besondere Weltkunstausstellung, die die Kunst- und Kulturwelt in Staunen versetzen und Zeichen setzen wird.
Ich bin mir sicher, dass ihr Konzept für das Museum der 100 Tage und auch noch danach uns in Kassel viel Aufmerksamkeit – und eine nachhaltige Wirkung bescheren wird. Gerade auch im Angesicht der Herausforderungen der Gegenwart.

Gibt es einen Plan B für die documenta – falls Corona-Fallzahlen vor Ausstellungsbeginn noch einmal immens steigen sollten?

Wie jeder Veranstalter hat sich auch die documenta und Museum Fridericianum gGmbH sowie die beiden Gesellschafter Land Hessen und Stadt Kassel ihre Gedanken dazu gemacht. Und mit der richtigen Entscheidung, die documenta stattfinden zu lassen, ging auch die Überlegungen über eventuell nötige Anpassungen einher. Das ist also unser Plan B: Eine documenta unter Pandemiebedingungen. Dies wird auch in der künstlerischen Auseinandersetzung sehr spannend. Wir wissen: Es wird keine documenta der Besucher-Rekorde werden. Daher haben wir als Gesellschafter eine Verlustübernahme für die documenta 15 wegen prognostiziertem pandemiebedingten Mehraufwand in Höhe von 2,5 Millionen Euro im Haushalt 2022 vorgesehen. Das Land Hessen wird ebenfalls den selbigen Ausgleich leisten.

Stichwort Haushalt: Wie wird die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt weitergehen?

Seit neun Jahren haben wir Jahr für Jahr einen Überschuss erwirtschaftet. Darauf bin ich als für die Finanzen zuständiger Dezernent stolz und dafür bin ich dankbar. Im kommenden Jahr plane ich mit einem Überschuss von 3,6 Millionen Euro. Basis dafür ist die breit aufgestellte wirtschaftliche Struktur unserer Stadt. Das produzierende Gewerbe hat gegenüber dem beispielsweise stark durch die Pandemie betroffenen Dienstleistungssektor eine höhere Resilienz. Wir hoffen aber, dass auch diese Bereiche sich wieder erholen werden. Das Gewerbegebiet Kassel-Niederzwehren entwickelt sich prächtig und auch das im Rahmen von interkommunaler Zusammenarbeit geplante Projekt am Sandershäuser Berg bietet gute Chancen.

Thema Tourismus: Sind Sie der Meinung, dass Kassel für Touristen attraktiv genug ist, oder muss Kassel noch attraktiver werden?

Ich halte es da mit dem Industriellen und Politiker Philip Rosenthal: „Wer aufgehört hat besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein.“ Wir können stolz auf das Erreichte sein und haben uns in den vergangenen Jahren als Kultur-Reiseziel und Tagungsstandort gleichermaßen in der Mitte Deutschlands gut positioniert. Aber auch der Tourismus unterliegt gewissen Trends. Und so war es wichtig, dass wir den Campingplatz mit seiner Fertigstellung zu einem echten Schmuckstück für die wachsende Fangemeinde der Camper und Wohnmobilisten gemacht haben. Wenn bald weitere Hotelkapazitäten zwischen Kulturbahnhof und Treppenstraße entstehen, so ist auch das ein Indiz für die Attraktivität unserer Stadt.

Im Frühjahr 2023 endet ihre Amtszeit. Treten sie noch einmal für das Oberbürgermeisteramt an?

Ja. Ich möchte gerne weiterhin Erster Diener meiner Heimatstadt sein. Ich bin angetreten, Kassel zu gestalten. Und es stehen auch in den nächsten Jahren viele wichtige Zukunftsaufgaben an.

Ändert sich durch die Ausübung des Oberbürgermeisteramtes die Persönlichkeit?

Das kann ich nicht beurteilen. Das sollen andere tun. Mir ist es wichtig, authentisch zu sein und auch zu bleiben.

Welche Tätigkeit würden sie in ihrem Job am liebsten weglassen?

Da geht es mir wie den meisten Menschen weltweit: Auf Corona und seine weitreichenden Auswirkungen hätte ich gerne verzichtet.
Die Corona-Pandemie und der Online-Handel macht dem Einzelhandel das Leben schwer. Viele Geschäfte stehen leer. Da reicht es doch auch nicht, die freien Schaufenster mit Infos über die Stadt zuzukleben.

Wie wollen sie der Verödung der Innenstadt vorbeugen beziehungsweise welche Maßnahmen stehen an?

Unsere Innenstädte sind seit jeher Begegnungsorte. Wir müssen dafür sorgen, dass dies auch in Zeiten von wachsendem Online-Handel so bleibt. Der Erhalt und die Neuausrichtung der Kasseler Markthalle war ein wichtiger Schritt. Ein Meilenstein ist aber auch das bundesweit beachtete Pilotprojekt mit der neuen Galeria und unseres Kassel Service Points. Das muss unser Weg sein: Die Stadt in vielfältiger Weise erlebbar machen – nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Wohnen, Arbeiten und Begegnen. Ein weiterer Puzzlestein ist die Bündelung bislang im Stadtgebiet verstreuter Behörden unter dem Dach des technischen Rathauses in der dann ehemaligen Kasseler Sparkasse in der Wolfsschlucht. Und zu guter Letzt könnten wir mit dem Ankauf des ruruHauses nicht nur drohenden Leerstand beseitigen, sondern hätten auch die Möglichkeit, einen öffentlichen Raum für Kultur zu schaffen, der für zusätzliche Frequenz in der Innenstadt sorgt.

Wie sieht‘s jetzt nun mit dem Bau des documenta-Instituts aus?

Vor dem Bauen muss die Standortfrage geklärt sein. Dabei setzen wir auf eine breite Bürgerbeteiligung. Die Ergebnisse dieses Prozesses, der im kommenden Jahr durchgeführt wird, werden die Basis für die weiteren Planungen bilden.

Was macht Kassel für Sie lebenswert, wo sehen Sie die Schwächen und wo die Stärken der Stadt? Sind Sie mit der aktuellen Situation der Stadt zufrieden?

Kassel ist meine Heimatstadt, die sich in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht sehr gut entwickelt hat. Kassel bietet viel Natur, viel Lebensqualität, Kassel ist liebenswert, fortschrittlich und innovativ. Kassel ist Kunst- und Kulturstadt, bietet in den Stadtteilen auch ein vielfältiges Vereinsleben. Kassel ist eine Stadt, in der es sich gut leben und arbeiten lässt, weil der Wirtschaftsmix vielfältige Berufs- und Karrierechancen bietet. Bei allem Lob für die Stadt dürfen wir aber auch die Menschen nicht vergessen, deren Leben und Perspektiven nicht so rosig sind. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass wir auf Bildung setzen müssen, um gerade jungen Menschen Perspektiven und Chancen zu bieten. Deshalb investieren wir große Kraftanstrengungen und innovative Konzepte in den Ausbau und die Sanierung unserer Schulen.

Corona spaltet die Gesellschaft und immer mehr Politiker erhalten Morddrohungen. Sind Sie wegen ihrer Corona-Politik auch schon bedroht worden? Und bereitet es ihnen Sorge, dass immer mehr Menschen auf die Straße gehen und demonstrieren? Wie gehen Sie mit Hass um?

In der heutigen Zeit sind Anfeindungen auch gegen ehrenamtliche Politikerinnen und Politiker leider an der Tagesordnung. Und nicht zuletzt durch den Mord an Dr. Walter Lübcke haben wir erfahren, dass man Hass und Hetze sehr ernst nehmen muss. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut unserer Demokratie. Auf der anderen Seite dürfen wir als Gesellschaft nicht alles tolerieren. Demonstrieren ja – aber wo Hass-Botschaften verbreitet werden, egal ob im Netz oder auf der Straße, muss der Rechtsstaat die Verursacher die rechtlichen Konsequenzen ihres Tuns spüren lassen. Ich trete entschieden für die Wahrung unserer demokratischen Gesellschaft ein.

Was wollten sie den Kasselern immer schon mal sagen?

Danke. Für eine Stadt, die auch in schwierigen Zeiten zusammenhält. Für Menschen, die in ihren Bereichen Großartiges leisten. Ob Krankenpflegerin, Bäcker oder Erzieher, ob Seelsorgerin, Konzernlenker oder Startup-Denker, die Mütter und Väter, Söhne und Töchter: Sie alle sind die Gestalter einer lebenswerten Stadt und ihrer Zukunft, die noch viel zu bieten hat. Und in diesen Tagen nutze ich die Gelegenheit und appelliere noch einmal an alle Kasselerinnen und Kasseler: Bitte nutzen Sie die Impfangebote!

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

"Sie haben meinen Charly sterben lassen"
Kassel

"Sie haben meinen Charly sterben lassen"

Fuldabrück. Ohne Betäubungsspritze konnte Hanna Huber ihren Hund nicht zum Tierarzt bringen. Doch sieben Veterinäre lehnen Hausbesuche ab.
"Sie haben meinen Charly sterben lassen"
300.000 Euro Schaden: Geldautomat in Vellmar gesprengt - Täter flüchten mit schwarzem Audi
Kassel

300.000 Euro Schaden: Geldautomat in Vellmar gesprengt - Täter flüchten mit schwarzem Audi

Unbekannte haben am Donnerstagmorgen einen Geldautomaten in Vellmar gesprengt. Dabei entstand ein Schaden von rund 300.000 Euro, die Polizei sucht nach Zeugen. Ob die …
300.000 Euro Schaden: Geldautomat in Vellmar gesprengt - Täter flüchten mit schwarzem Audi
Geldbörse auf Fahrzeugdach vergessen und auf Autobahn verloren: Polizisten helfen 25-Jähriger
Kassel

Geldbörse auf Fahrzeugdach vergessen und auf Autobahn verloren: Polizisten helfen 25-Jähriger

Geldbörse auf Fahrzeugdach vergessen und auf Autobahn verloren: Polizisten helfen 25-Jähriger
Kasseler Brüder vertreiben medizinisches Cannabis
Kassel

Kasseler Brüder vertreiben medizinisches Cannabis

Seit dem 1. März 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland verschreibungsfähig. Zwei Brüder haben die Firma "Cansativa" gegründet, um als Großhändler in das …
Kasseler Brüder vertreiben medizinisches Cannabis

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.