Kassel: Hausbesetzer beschlagnahmen "Villa Rühl" in der Mönchebergstraße

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Seit Samstag haben die Hausbesetzer die Villa Rühl in der Mönchebergstraße in Beschlag genommen.

Die Villa Rühl in der Mönchebergstraße hat neue Bewohner: Hausbesetzer haben sich am Wochenende Zutritt zu der leerstehenden Villa verschafft.  

Kassel. Seit dem 3. Juni setzen sich die Menschen dort für ein soziales Zentrum in Kassel ein, wie es auf der Facebook-Seite der Hausbesetzer heißt. Die Besetzer wollen mit der Aktion gegen den Schwund von Räumen für selbstorganisierte Gruppen in Kassel protestieren. Als Beispiel dienen die Schließungen des autonomen Zentrums, das Karoshi, die Kulturfabrik Salzmann und das HAUS. Die Villa Rühl gehört dem Land Hessen, stellt die Villa aber der Uni Kassel zur Verfügung.

"Es ist ein Skandal, dass unzählige Häuser und Flächen in einer Stadt leer stehen, obwohl dringend Räume für unkommerzielle und selbstorganisierte Projekte gebraucht werden. Wir sollten uns die Räume nehmen, die wir brauchen, denn für uns sind sie da! Von der voranschreitenden Modernisierung der Stadt profitieren nur sehr wenige Menschen, weil nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung im Vordergrund stehen, sondern Gewinninteressen und Konkurrenzlogik", heißt es in einer Erklärung der Besetzer im Internet.

Dabei wollen die Besetzer in den kommenden Tage festlegen, für was die Villa demnächst genutzt werden soll. Zwar ist die Aktion nicht legal, da sich die Besetzer aber friedlich verhalten und noch keine Anzeige erstattet wurde, hatte die Polizei bisher keinen Anlass einzugreifen.

Offener Brief

In einem offenen Brief an das Präsidium der Universität Kassel schreiben die Besetzer:

"Sehr geehrter Prof. Dr. Reiner Finkeldey, sehr geehrter Dr. Oliver Fromm, sehr geehrter Robert Hesse, sehr geehrte Beate Hentschel, wir, die Besetzer*innen aus der Mönchebergstraße 42, möchten unseren ausdrücklichen Wunsch nach einer Verhandlung über eine langfristige Nutzung des Geländes und des darauf befindlichen Fabrikgebäudes als soziales Zentrum kundtun. Ein solches Zentrum in Kassel ist sinnvoll und notwendig, weil es an nicht-kommerziellen kulturellen und politischen Freiräumen fehlt. Ihre Sorge um die Unversehrtheit der Wohnvilla Rühl, die sich auch auf dem besetzten Gelände befindet, hat uns erreicht. Das Plenum am Sonntagabend hat den Schutz der Wohnvilla befürwortet und wir haben daraufhin Maßnahmen eingeleitet, damit dieses Gebäude und dessen Einrichtung unangetastet bleiben. Gerne können Sie am Dienstagvormittag das Gebäude sichtern und sichern. Ihren bautechnischen Sicherheitsbedenken in Bezug auf das Fabrikgebäude stimmen wir nur teilweise zu. Der Zustand des Gebäudes ist verbesserungswürdig, deshalb haben wir bereits erste Maßnahmen in Angriff genommen, um die Räume nutzbar zu machen und ihren weiteren Verfall zu verhindern. Ihr Argument, dass sich aufgrund der Gebäudesicherheit keine Menschen dort aufhalten dürfen, hat uns nicht überzeugt. Sie selbst gewähren Ihren Mitarbeiter*innen für die Bodenentlüftungsmaßnahmen sowie den An- und Abtransport des Universitätsmobiliars Zugang. Nach Ihrem Besuch möchten wir noch einmal betonen, dass wir die Universität als Teil der Gesellschaft und als politische Akteurin in der Stadt sehen. Fernab Ihres demokratischen Anspruchs sind Sie mitverantwortlich für die von uns kritisierten Entwicklungen wie Aufwertung und die damit einhergehende Verdrängung. Der Konflikt um den Lucius-Burckhardt-Platz steht beispielhaft für das destruktive Eingreifen in selbstorganisierte Projekte. Dies steht in krassem Widerspruch zur Geschichte der Universität Kassel als Reformhochschule mit bürger*innennahem und basisdemokratischem Charakter. Wir laden Sie weiterhin zu gemeinsamen Verhandlungen ein und finden Ihre Entscheidung, am Dienstag ohne unsere Beteiligung eine Entscheidung über die Zukunft des Projekts zu fällen, nicht legitim. In dieser Form getroffene Entscheidungen, die das soziale Zentrum gefährden, werden wir nicht akzeptieren. In beidseitigem Interesse wünschen wir uns, dass Sie auf eine gewaltsame Räumung des Projekts “Unsere Villa” verzichten. Stattdessen wünschen wir uns, dass Sie sich mit uns an einen Tisch setzen, um über den weiteren Verlauf gemeinsam zu verhandeln. Aufgrund unserer hierarchiefreien Struktur benötigen wir einen Vorlauf, um uns in Plena abzustimmen und gemeinsame Positionen für eine Verhandlung zu erreichen. Deshalb weisen wir Sie abermals auf unser dauerhaft erreichbares Verhandlungstelefon hin, um terminliche und weitere Absprachen zu treffen. Auf zukünftig konstruktive Kommunikation und Verhandlungen freuen wir uns, und verbleiben mit freundlichen Grüßen."

Die Antwort der Universität ließ nicht lange auf sich warten:

"Am Pfingstwochenende wurde die Villa Rühl, ein stark sanierungsbedürftiger Gebäudekomplex in der Mönchebergstraße 42, besetzt. Es handelt sich um eine Liegenschaft des Landes Hessen in der Verwaltung der Universität Kassel. Im Sinne einer Deeskalation hat die Universität heute Nachmittag (6. Juni) ein Gespräch mit einer Delegation aus dem Besetzerkreis initiiert und zeitnah geführt. Bereits am Vortag hatte sich die Universitätsleitung vor Ort ein Bild von der Situation gemacht. Sie forderte die Besetzer auf, die Aktion schnellstmöglich zu beenden und Gelände und Gebäude friedlich zu räumen.

Die Besetzer der Villa Rühl begründen ihre Aktion mit Protest gegen die Verteuerung von Wohnraum in Kassel und gegen den Verlust kultureller Zentren in der Stadt. Die Universität ist dafür nicht der richtige Adressat. „Die Universität unterstützt das Anliegen, das Thema in der Stadtgesellschaft zu platzieren. Jedwede Vermittlungstätigkeit setzt allerdings voraus, dass der illegale Zustand schnellstmöglich beendet wird“, sagt Universitätspräsident Prof. Dr. Reiner Finkeldey.

Die Universität weist darauf hin, dass ein Teil des Geländes aus der Vergangenheit durch chemische Substanzen kontaminiert ist, die Universität führt dort derzeit eine Bodensanierung durch. Sanitäre Einrichtungen sind nicht vorhanden, auch ungesicherte elektrische Leitungen und andere bauliche Mängel sind Gefahrenquellen, die möglicherweise gravierend sind.

Der Universität ist es grundsätzlich ein Anliegen, den Studierenden auch Räume zur Verfügung zu stellen, die diese selbst gestalten und nutzen können. Mit viel Aufwand und Mitteln von Land und Bund von rund 4,5 Mio. Euro baut die Universität daher derzeit ein Studierendenhaus für studentische Selbstverwaltung, Initiativen und Kulturangebote, das sicher auch Ausstrahlung über die Studierendenschaft hinaus haben wird. Dieses Projekt wird bereits jetzt bundesweit beachtet und anerkannt. Es soll Ende kommenden Jahres fertig werden."

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