Kasseler Brüder vertreiben medizinisches Cannabis

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Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ am 1. März 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland verschreibungsfähig. Hier ein Patient mit seiner Dosis, wie sie über Apotheken verkauft wird.

Seit dem 1. März 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland verschreibungsfähig. Zwei Brüder haben die Firma "Cansativa" gegründet, um als Großhändler in das Geschäft einzusteigen.

Kassel/Frankfurt.  Beide zockten viele Jahre auf dem Eis im Trikot der Eishockeyjugend Kassel, machten ihr Abitur am Kasseler Wilhelmsgymnasium. Und während Jakob Sons, der gerne auf der Fulda ruderte, nach Jura-Studium als Rechtsanwalt in Frankfurt tätig ist, arbeitet der passionierte Golfspieler („am liebsten in Wilhelmshöhe“) Benedikt Sons nach Wirtschaftsingenieur-Studium als Unternehmensberater. Gemeinsam haben die beiden Kasseler in Frankfurt das Unternehmen „Cansativa“ gegründet, das als unabhängiger Großhändler medizinisches Cannabis als Arzneimittel vertreibt. Kopf des Familienunternehmens ist Dr. med. Hermann Sons, Vater der beiden und als Mediziner in Kassel wohlbekannt. Er war Chefarzt der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Klinikum Kassel, hatte seit 1994 die Herzchirurgie mit aufgebaut.

Wir sprachen mit Benedikt Sons, verantwortlich für die betriebswirtschaftlichen Belange des Unternehmens, über Idee, Schwierigkeiten und Perspektive des Cannabis-Handels.

Wie kommt man dazu, mit medizinischen Cannabis zu handeln? 

Medizinisches Cannabis kommt in der Regel in der Schmerztherapie, bspw. bei Krebsbehandlung sowie bei Muskelspasmen wie MS und Parkinson zum Einsatz. Uns ist dabei das Wohl und eine optimale Patientenbehandlung besonders wichtig. Den eigentlichen Anstoß für die Gründung der Cansativa GmbH und den Einstieg in das medizinische Cannabis-Geschäft hat mein Bruder Jakob Sons gegeben. Er hatte an einem Rechtsgutachten gearbeitet, das untersucht, ob ein Unternehmen ins Handelsregister eingetragen werden darf, wenn das Wort „Cannabis“ im Unternehmensnamen vorkommt.

Vertreiben Sie nur Rohware oder auch Cannabis in Form von Sprays, Tabletten oder ählichem?

 Cansativa vertreibt fertig verarbeitetes medizinisches Cannabis in Blütenform. Diese sind zuvor bereinigt, teils bestrahlt und getrocknet worden. Sprays oder Tabletten sind gegenwärtig nicht im Produktportfolio und auch kurzfristig nicht geplant.

Woher stammen diese Produkte? 

Wir vertreiben zunächst nur Produkte aus den Niederlanden. Unsere Arzneimittel entsprechen dabei den gesetzlichen Qualitätsstandards und stammen von etablierten pharmazeutischen Herstellern. In einem weiteren Schritt, nach Erteilung der arzneimittelrechtlichen Erlaubnis zur Einfuhr von Waren aus nicht-EU-Staaten, möchten wir unser Produktportfolio ausweiten.

In Deutschland wird noch nicht produziert? Warum? 

Das wird sich ändern: Der deutsche Staat vergibt Anbaulizenzen zum Anbau von medizinischem Cannabis. Der Anbau erfolgt dabei zukünftig nicht im BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) oder durch das BfArM selbst, sondern durch Unternehmen, die in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren ausgewählt und von der Cannabisagentur beauftragt werden.

Welche Hürden gibt es zu nehmen, um die ersten Produkte auszuliefern? 

Die regulatorischen Hürden, die es zu nehmen galt, waren groß. Entsprechende Genehmigungen, die dem Arzneimittelgesetz (AMG) unterliegen sind ebenso notwendig wie Genehmigungen, die unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) fallen.

 Ist Cansativa nur eine Geschäftsidee – oder geschieht der Handel aus Überzeugung? 

Cansativa fußt auf einem positiven Business Case, d.h. einer profitablen Geschäftsidee. Cansativa handelt aber gleichermaßen aus Überzeugung: Aus Überzeugung schwer kranken Menschen zu helfen. Wir halten es dabei aber auch für notwendig, dass die Politik, Ärzteschaft und Apotheker über den richtigen Gebrauch von medizinisches Cannabis informiert, berät und über Risiken aufklärt.

 Wie läuft der Handel in der Praxis ab: Bekommen Sie ein Päckchen Gras aus Holland und sitzen dann mit der Feinwaage und kleinen Tütchen in der Firma und packen die Ware ab? 

Vorerst vertreiben wir die bereits im Markt verfügbaren Varietäten Bedrocan*, Bedrobinol und Bediol. Als Gebindegrößen kommen zunächst die üblichen Fünf- Gramm-Dosen bei uns an. Mit unserem Logistikpartner sorgen wir dafür, dass dringend benötigte Arzneimittel dann über Nacht bei den Apotheken verfügbar werden. Cansativa muss bei der Lagerung besondere Sicherheitsauflagen erfüllen: Medizinisches Cannabis muss durch einen Safe oder eine Alarmanlage, die direkt mit der Polizeidienststelle verbunden ist, gesichert werden.

Wieviele Apotheken werden von Ihnen bereits beliefert – und was sind mittel- und langfristige Ziele?

Unser Ziel es, in 2018 60 Kilogramm von medizinischem Cannabis an Apotheken zu verkaufen. Unsere erste Charge von 5 Kilogramm erhalten wir spätestens am 1. Mai. Kurzfristig fokussiert sich unser Unternehmen auf den lokalen Frankfurter Raum, wird aber schnellstmöglich das Geschäft hochskalieren und eine deutschlandweite Belieferung von Apotheken sicherstellen. Über unser Warenwirtschaftssystem sind wir bereit, nahezu mit jeder Apotheke in Deutschland in Kontakt zu treten.

Was zahlt der Patient für 1 Gramm medizinisches Cannabis (im Vergleich zum Straßenverkauf) und ist die Qualität besser? 

Patienten beziehungsweise Krankenkassen müssen etwa 100 Euro pro fünf Gramm bezahlen (ca. 20 Euro pro Gramm). Der illegale Straßenverkaufspreis liegt nach unterschiedlichen Quellen in Deutschland zwischen 8 und 12 Euro pro Gramm. Cansativa kann eine gleichbleibende Qualität des medizinischen Cannabis garantieren. Zur Qualität von illegal erworbenen Cannabis im Straßenverkauf können wir keine Aussage treffen.

 Ihre Prognose: Wie lange wird es in Deutschland dauern, bis der erste Cannabis-Konsument seinen Stoff ohne Attest in der Apotheke beziehen kann? 

Eine solche Prognose traut sich Cansativa nicht zu. Es hängt zu viel von politischen Faktoren und der Interessenslagen der im Bund regierenden Parteien ab. Kurz- bis mittelfristig rechnen wir jedoch nicht mit einer völligen Legalisierung (ohne Attest oder medizinischer Indikation).

* Das niederländische Unternehmen Bedrocan BV stellt fünf Sorten Cannabis für die medizinische Verwendung her und versorgt damit auch Patienten in Deutschland. Darunter auch die von der Cansativa vertreibenen Produkte. Aktuell produziert Bedrocan pro Jahr etwa 430 kg medizinische Cannabisblüten für Patienten. 300 kg der Ernte werden in den Niederlanden an Patienten verkauft und 130 kg werden von anderen EU Länder wie Deutschland bestellt. Die Gesamternte belief sich 2013 auf 450 kg Cannabis Flos.

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