Kasseler Buchautorin zum Thema Pädophilie: „Die Strafen sind zu lasch”

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Kassel. Rebekka Knoll schreibt in ihrem zweiten Roman "Splittermädchen" über ein gesellschaftliches Tabuthema.

Kassel. Was würdest du tun, wenn du herausfinden müsstest, dass dein bester Freund einmal Kinder missbraucht hat? "Splittermädchen” ist  eine mutige Geschichte,  die  das  Tabuthema  Pädophilie aufgreif.  Opfer  leiden darunter, dass weggesehen wird – dieser Roman sieht genau hin. Poetisch und provokant!Die Story: Ela war  zehn, als  ein hilfsbereiter  Mann sie vor  dem Ertrinken  rettete und  ihr  bester  Freund  wurde.  Jahrelang  konnten  sie  über  alles  reden,  doch  dann  lernt  Ela  Betty  kennen.  Und  das  blasse Mädchen  mit  dem  geheimnisvollen  Blick  hat  eine  ganz  andere  Meinung  über  Elas  Freund:  Als kleines Mädchen war sie sein Opfer.

"Ich  wollte  die  Geschichte  einer  Person  schreiben,  die  Opfer und Täter liebt,  den Täter sogar schon  sehr lange,  und  die es trotzdem  schafft,  sich  eindeutig zu  positionieren.  Mir war  es  aber  auch  wichtig,  Pädophilie,  also  die  pure  Veranlagung, vom  Kindesmissbrauch  zu  differenzieren.  Viel  zu  oft  wird  beides  miteinander gleichgesetzt.  Für Pädophilie  kann  und  darf  niemand  bestraftwerden  –  für  den Missbrauch von Kindern allerdings schon”, sagt die Autorin Rebekka Knoll.

INTERVIEW

Ihr  Roman  heißt Splittermädchen.  Was  kann  man  sich  unter einem  Splittermädchen  vorstellen und warum haben Sie diesen Titel ausgewählt?Ela  ist  ein  Splittermädchen:  Sie  findet  heraus,  dass  ihr  bisheriges  Leben  nur  ein Trugbild  war,  und  beginnt es  zu  zerschlagen.  Aber  auch  ihre  Freundin  Betty  ist  eines:  In  ihrer  Kindheit wurde  sie  sexuell belästigt, was etwas  in  ihr  zerstört hat. Jetzt versucht sie die einzelnen Teile ihrer Person zusammenzuhalten. Splittermädchen  sind  für  mich  Mädchen,  die  kein  heiles  Leben  führen, die  spüren, wie zerrissen  sie sind, die eine große Wut haben, eine Zerstörungswut,  durch die  sie bestehende  Verhältnisse  auseinander  reißen  wollen,  um  sie  völlig  neu  zusammenzusetzen. Mädchen, die bereit sind, sich selbst völlig neu zusammenzusetzen.

Pädophilie  gilt  als  gesellschaftliches  Tabuthema.  Wie  entstand  die  Idee,  ein  Buch  über  eine solch brisante und schwierige Thematik zu schreiben?Wahrscheinlich  haben  die  meisten  Menschen  von  Missbrauch  Betroffene  in  ihrem Bekanntenkreis  und  können  schlimme  Geschichten  zu  diesem  Thema  erzählen. Immer  wieder  habe ich  zum  Beispiel  gehört, dass  Angehörige  und  Freunde  wegsehen  und  nicht  helfen.  Vielleicht  liegt  das  daran,  dass  diese  Menschen  Opfer  und Täter  gleich  gut  kennen  und  sich  einer  solchen  Wahrheit  deswegen  nicht  stellen können.

Sich  literarisch  an  den  Gegenstand  des  sexuellen  Missbrauchs  zu  wagen,  ist  mutig und  stellt eine  große  Herausforderung  dar.  In  welcher  Art  und  Weise  haben  Sie  zu  dieser Thematik  recherchiert?

Ich   recherchierte   gemeinsam   mit   einer   sehr   guten   Freundin,   die   Psychologie studiert und  sich  eingehend  mit den  Themen  Missbrauch  und  Pädophilie  beschäftigt  hat. Allerdings  war  es  auch  für  sie  schwierig  –  vor  allem  Pädophilie  ist  nicht so gründlich  erforscht,  wie  ich  gehofft  hatte.  Sogar  in  der  Forschungsliteratur  trauen sich  nicht  viele  an  dieses  Thema  heran.  Wir  haben  uns  dann  auf  die  Literatur  gestützt,  die  wir  finden  konnten,  und  uns  gemeinsam  in  Stefan  hineinversetzt  –  was oft  nicht leicht  für  uns  war. Ich war  wirklich froh,  das  nicht ganz allein  tun zu müssen.

Woher  rührt  Ihrer  Meinung  nach  das  fragwürdige  Verhalten  vieler  Angehöriger  von  Missbrauchsopfern, nämlich wegzusehen, anstatt einzugreifen und zu helfen?Es  fällt  nicht  leicht,  über  Missbrauch  nachzudenken,  er  geht  den  Menschen  sehr nahe.  Da  ist es  leichter,  ihn  wegzuschieben  oder  gar  nicht  erst  zu  glauben,  dass  so etwas  Furchtbares  passiert  sein  könnte.  Oft  sehen  Angehörige  vor  allem  dann  weg, wenn  der  Missbrauch  innerhalb  der  eigenen  Familie  oder  innerhalb  des  engen  Bekanntenkreises stattfindet. Damit konfrontiert  zu  werden, dass  der  eigene  Bruder,  die  eigene  Mutter  oder,  wie in  Elas  Fall,  der  beste Freund  einem  geliebten  Menschen  so  etwas  angetan  hat,  ist sicherlich  nicht  einfach.  Allerdings  ist gerade der  Rückhalt von  Familie  und  Freunden für Opfer natürlich essenziell.

An  mehreren  Stellen  in  Ihrem  Buch  schreiben  Sie,  dass selbst,  wenn  die  beiden  Frauen  zur Polizei gehen  würden,  die  Strafe  für Stefan  nur gering wäre. Finden  Sie,   dass Täter in Deutschland zu lasch bestraft werden?In  Bezug  auf  sexuellen  Missbrauch  finde  ich  die  Bestrafungen  in  Deutschland  tatsächlich  zu  lasch  –  vor  allem,  wenn  man  es  mit  hart  bestraften  Vergehen  wie  der  Videopiraterie vergleicht. Das  noch größere Problem sehe ich  allerdings  in der  Tabuisierung  des Problems. In der  Forschungsliteratur  sowie  im  Familien-  und  Bekanntenkreis  wird  nur  selten über  dieses Thema  gesprochen.  Dabei  brauchen  wir  einen  offeneren  Umgang  und eine ehrliche Diskussion, um Opfern – und auch Tätern – besser helfen zu können.

Inwieweit  wollen  Sie  mit  diesem  Buch  auch  aufklären?  Wen  stellen  Sie  sich  als  Leserschaft vor?Mein  Buch  richtet sich  an  alle, die sich  mit  diesem  Thema  beschäftigen  möchten  – oder  dazu  gezwungen  sind. An  Interessierte, an  Opfer,  Täter,  Angehörige.  Auch  für sie  ist  es  absolut  nicht  leicht,  sich  richtig  zu  verhalten.  Vielleicht  gibt  es  gar  kein "richtig”.  Aber  es  ist  wichtig,  sich  zu  verhalten,  darüber  nachzudenken.  Das  habe ich  mit Splittermädchen  versucht.  Sicher  macht  Ela  nicht  alles  richtig,  aber  zumindest reagiert  sie. Sie  schaft Raum  für  Diskussion  – und  für  mich  persönlich  war  es wichtig, mit ihr zu diskutieren.

Lesung in der Heimat

Rebekka   Knoll,  1988  in  Kassel  geboren,  studierte Germanistik  und   Theaterwissenschaft  in  Erlangen, Bern   und   Berlin.   2012   veröffentlichte   sie   ihren Debütroman "Das Kratzen bunter Kreide”.Am Donnerstag, 12. Juni, liest Rebekka Knoll um 19.30 Uhr in der Buchhandlung am Bebelplatz (Friedrich-Ebert-Str. 130) aus "Splittermädchen”. Der Eintritt beträgt sechs Euro.

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