Kasseler Elektro-Clubs in der Krise

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Kein unbekanntes Gesicht in Kassels Feierszene: Zoka steht nicht nur als DJ hinter den Decks, auch zahlreiche Bookings und eigenständige Veranstaltungsreihen stehenunter seiner Obhut.

Kassels Elektro-Szene scheint nachzulassen, die Tanzflächen der Clubs bleiben an den Wochenenden auch mal leerer. Warum? Wir haben unter anderem mit DJ/Producer Zoran Matic gesprochen.

Von Marie-Louise Bartsch

Kassel. „Kassel ist mit viel Gutem gesegnet“, beginnt Zoran Matic, den meisten vermutlich besser bekannt als Zoka (DJ/Producer, Booker und Veranstalter einiger Partyreihen), als wir über Kassels Feiersituation nachdenken. Mit der Gründung des Aufschwung Ost 1994, später umbenannt in Stammheim, wurde Kassel zum Mekka für Fans elektronischer Musik. Kassel wurde zum Anziehungspunkt für die Anhänger der in den 90ern entstandenen neuen Feierbewegung. Grenzen wurden aufgehoben, Unterschiede verschwanden, die Musik verbindete, man war eins mit der Musik.

Techno wird Pop

Ende 1990 hat Techno die Massen erreicht, es ist die größte Jugendkultur seiner Zeit. Techno oder allgemein elektronische Musik erlangt populären Status. Alle wollen mitmischen und vor allem: alle können mitmischen. „Das Stammheim musste zwar 2002 schließen, aber das A.R.M. trat an seine Stelle. Gleichzeitig gab es auch hier in Kassel neue, junge aufstrebende Akteure, die wild, frisch und hungrig waren, in der Szene mitzumischen, sie voranzutreiben. Das hat bis heute nicht abgenommen, im Gegenteil“, erklärt der Kasseler DJ. Blickt man einige Jahre zurück, stellt man fest, dass auf die 90er Bewegung eine zweite Generation folgte. So wurden Veranstaltungsreihen wie die „Electribe“ und der „Circus of Love“ groß. Aus ihm ging später das „Erste Mal“, ein Club in der Innenstadt, hervor, das „Unten“ am Hauptbahnhof wurde gegründet, die Rockmusik im ehemaligen MT musste dem 130 BPM weichen und der „Club A.R.M.“ hat sich vergrößert, um den Feierwünschen der jungen Menschen gerecht zu werden. Parallel dazu entstanden zahlreiche Veranstaltungen einzelner Akteure, neue Konzepte wurden ausprobiert – ein Überangebot entstand.  An Stelle der anfänglichen Ekstase, die das Kasseler Publikum jedes Wochenende aufs Neue auf die Tanzflächen getrieben hat, tritt so langsam ein Gefühl der Übersättigung, aber auch eines der Unsicherheit. Die Tanzflächen werden zunehmend leerer.

Mithalten

Wo in den 90ern noch ein gemeinschaftlicher Spirit über den verschiedenen Clubs stand, steht heute eher Konkurrenzdenken. „In den großen Städten treffen sich die Clubbesitzer monatlich, tauschen sich aus, lassen neuen Raum für gemeinsame Projekte entstehen und sorgen so für eine tolle Dynamik unter den Clubs. Hier kocht jeder seine eigene Suppe, ein Überangebot entsteht und verwirrt das Publikum. Für sowas ist Kassel einfach zu klein!“, beklagt Zoka, „Es sind eigentlich nicht zu viele Clubs für Kassel. Es muss ja nicht jedes Wochenende jede Tanzfläche eines jeden Clubs rappel voll sein. Doch wenn man große Acts bucht, die deutlich ins Budget gehen, braucht man Absprachen, um es für sich selbst, aber auch für das Publikum leichter zu machen.“

Kräfte bündeln

Der finanzielle Druck auf die Betreiber ist in Zeiten der kommerzialisierten elektronischen Musik kaum zu leugnen. Teure Acts für ein gutes Booking sind mittlerweile unerlässlich, auch, wenn die Projekte alle als Herzensangelegenheit und ohne den Gedanken, viel Geld daraus zu machen, entstanden sind. Das Herzblut der unterschiedlichen Betreiber schlägt sich in ihren Konzepten deutlich nieder: „Da gibt es das A.R.M unter Ralph Raabe, der Millionen investierte, um eine Feieroase inmitten der Stadt zu schaffen, die im Umkreis von 200 Kilometern seinesgleichen sucht. Wir haben das Unten mit Andreas Störmer als Musiker mit Leib und Seele. Es ist ein starkes Projekt, für das viele gekämpft haben und immernoch kämpfen. Als Neuster unter ihnen: Der Kleine Onkel um Nico di Carlo und Magnus Ruchhöft, der aus einer spontanen Idee entstanden ist und großen Anklang gefunden hat. Das alles sind für sich vielversprechende Projekte. Daher gilt es in Zukunft die Kräfte zu bündeln um gemeinsam besser die lokale Szene zu stärken und damit ein aktives Publikum zu fördern“, ruft Zoka abschließend auf.

EXTRA INFO: Reaktionen und Perspektiven

„Das Interesse an elektronischer Musik wird nicht weniger, nur anders“, erzählt Frank Hempel. Das Standbein des Clubs in der Werner-Hilpert-Straße wird weiterhin elektronische Musik bleiben, das Angebot wird sich aber ausdifferenzieren und um neue Formate erweitern. Dabei wird besonderes Augenmerk auf Disco, Soul, Funk und auch Cumbia gelegt werden.

Nach der Schließung hatte das UNTEN besonders zu kämpfen. Andreas Störmer und Mathias Jakob, mit dem Kultur von Unten e.V., haben mühevoll viel Eigenarbeit investiert, um in der alten Tofufabrik eine authentische Feieratmosphäre zu schaffen. Dass es auf Kassels Tanzflächen leer bleibt, liegt nicht nur an einem Überangebot der Clubs, positioniert sich Störmer klar: „Das Publikum hat an Eigeninitiative verloren.“ Deshalb haben er und sein Team es sich zur Aufgabe gemacht, ein Haus für Musik und Kultur, einen Ort der Begegnung und des Austauschs für alle Musikinteressierten, zu schaffen. So gibt es neben den üblichen Veranstaltungen auch Abende, an denen eine Bühne für jedermann geboten wird. Jeder kann spielen, was er möchte „Damit soll das Bewusstsein für die Musik wieder in den Vordergrund gerückt werden, die Offenheit für Neues und vor allem aber auch das Miteinander wieder gestärkt werden.“

Aus einer spontanen Idee zur documenta entstanden, hat sich der kleine Onkel als Neuster unter den Kasseler Clubs doch langfristig behaupten können. Nico di Carlo und Magnus Ruchhöft, die zwei hinter der Idee, setzen auch weiterhin auf elektronische Musik, wollen mit ihrem Projekt aber eine eigenständige Atmosphäre und vor allem einen offenen Ort, an dem sich die junge Feierszene ausleben, aber auch überhaupt erstmal finden kann, schaffen.

Ein KOMMENTAR zum Thema

Kommerzialisierung ist, meiner Meinung nach, ein von zu vielen akzeptiertes Übel unserer Zeit. Nach und nach erfasst sie alles, was gerade noch eine Nische war, was irgendwie speziell und impulsiv, aber bloß nicht Mainstream war, und schlachtet es aus, nimmt ihm die Lebendigkeit. Genau das ist vor einiger Zeit Techno, und mit ihm auch den anderen großen Genres elektronischer Musik, passiert. Auf einmal werden aus DJs Stars, die hohe Gagen fordern. Mit den neuen Stars der Szene wird hierachisiert, es wird zwischen großen, bekannten Acts und Kleinen deutlich unterschieden. Die Technomassenkultur wird nur noch von den großen Acts in die Clubs gezogen. Die Folge sind dann hohe Eintrittspreise, die die Besucher nicht mehr bereit sind, zu zahlen. Die eigentlichen Werte der Szene gehen unter dem Druck der Kommerzialisierung verloren. Aus dem Miteinander wird ein Gegeneinander. Die hohen Eintrittspreise wären jedoch weniger problematisch, würden all diejenigen, die sich seit ein paar Jahren als Teil Kassels neuer „Feierszene“ begreifen, auch wissen, was hinter all dem steht. Wenn sie Leidenschaft dafür entwickelt hätten und nicht blind auf den Zug aufgesprungen wären, den der Mainstream für sie fährt. Denn das Publikum ist Teil im Gesamtprozess und ebenfalls verantwortlich, wenn die Partys wieder „funktionieren“ sollen, wenn der Spirit aus den 90ern wiederbelebt oder vielleicht sogar ein eigener erschaffen werden soll.

Wenn es damals eine Art von Anerkennung gab, dann in Form von Leidenschaft. Und mit ihr die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, Interesse zu entwickeln, mehr zu wollen, sich aktiv mit der Musik auseinanderzusetzen und auch zu sehen, welcher Aufwand hinter den Parties steht: Nur wenn das wieder gegeben ist, können die Projekte der Partymacher auch entsprechenden Anklang finden und eine neue, aufregende Dynamik entstehen lassen.

Von Marie-Louise Bartsch 

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