Kasseler Mosaik "Gläserne Stadt" schlummert in den Tiefen der stillgelegten Unterführung

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Die "Gläserne Stadt" von Künstler Dieter von Adrian war, nachdem die Unterführung 2005 geschlossen wurde, zuletzt bei der documenta 14 zu sehen.

Das 1968 von Künstler Dieter von Adrian erschaffene Mosaik ziert die Wände der längst verschlossenen Unterführung am Kasseler Kulturbahnhof. Zur documenta wurde sie für 100 Tage begehbar und das Kunstwerk wieder sichtbar gemacht. Sichtbar für alle soll das Kunstwerk auch in Zukunft wieder sein.

Kassel. Am 17. September verschwand der Schatz wieder in der dunklen Tiefe unterm Vorplatz des Kasseler Kulturbahnhofs. Für 100 Tage während der documenta war das 1968 vom Künstler Dieter von Adrian erschaffene Glasmosaik aus seinem langen Dornröschenschlaf erweckt worden. Nun hofft man, dass dieser nicht für immer sein möge.

Knapp 20.000 Mark für Entwurf und Herstellung

Dieter von Adrian war Ende der 1950 Jahre Assistent des documenta-Gründers Arnold Bode. „Für den Entwurf sowie die künstlerische Überwachung zahlte die Stadt nach damaliger Währung 5.200 Deutsche Mark. Für die Herstellung des Metallrahmens und Montierung der Betonglaswand durch eine Kasseler Firma entstanden Kosten in Höhe von rund 14.000 Mark“, recherchierte die Kasseler Kultur-Pressesprecherin Petra Bohnenkamp nach einer EXTRA TIP-Anfrage. Millionen von Menschen spazierten auf ihrem Weg zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt an dem 14 Meter langen Werk vorbei, bis die Unterführung im Jahr 2005 geschlossen wurde.

Die letzten Jahre waren weniger glanzvoll: Dealer hatten einzelne Steine herausgebrochen, um in den Löchern ihre Drogen zu verstecken, Sprayer keinen Respekt vor der künstlerischen Arbeit gezeigt. Das Werk verschwand Ende der 90er Jahre hinter einer Spanplatte. Im Januar 2012 erging ein Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, wonach der Magistrat aufgefordert wurde, zur Sicherung des Glasmosaiks erforderliche Schritte einzuleiten, um es möglichst bald und dauerhaft an einem öffentlichen Ort wieder zu zeigen. „In der Folge gab es die Überlegung und Aktivitäten, die Arbeit in das damals im Umbau befindliche Stadtmuseum Kassel zu integrieren. Vorgesehen war die Freifläche im Innenhof des Hauses. Dazu wurde auch der Kontakt mit den Erben von Adrian aufgenommen, um die Fragen des Urheberrechts bei einer Verlagerung abzuklären“, berichtet Petra Bohnenkamp. Auch die Wohnungsbaugesellschaft GWH meldete Interesse an. Doch der Schatz wurde nicht geborgen.

„Für das Stadtmuseum wurde mit einem von jungen Kasseler Künstlern gestalteten Graffiti eine andere Variante für den Innenhof gewählt; die damaligen Pläne der GWH wurden ebenfalls nicht realisiert“, erinnert sich Petra Bohnenkamp. Als nun die documenta – und der ungewöhnliche Ausstellungsort – bevorstand, wurden kleine Reparaturen am Glasmosaik ausgeführt. „Das Werk ist in einem zwar stellenweise reparaturbedürftigen, doch insgesamt guten Zustand“, berichtet die Kultur-Pressesprecherin. Und sie macht Hoffnung: „Zielsetzung der Stadt Kassel ist es, das seit rund 50 Jahren mit der Stadt verbundene Glasrelief wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Zuletzt hatte die CDU-Fraktion mit einer Anfrage im Kulturausschuss genau das gefordert.

Ein Interessent ist vorhanden

Die Chance, das Kunstwerk bald wieder im Stadtraum bewundern zu können, ist zum Greifen nah: „Es existieren aktuelle neue Überlegungen eines Interessenten in Kassel, über die es auch einen Austausch gibt“, verrät Petra Bohnenkamp dem EXTRA TIP.

ZWISCHENRUF von Victor Deutsch: Eigentum verpflichtet

Die Symbolik übertrifft den damaligen Kaufpreis bei weitem: Ein Stadtplan aus Glasstücken, ein Verweis auf die im zweiten Weltkrieg geradezu in tausende Scherben zerbrochene Stadt-Schönheit Kassel. Und der Ort: In der Unterführung, durch die die Stadtplaner bei ihrem Wunsch nach einer modernen, autogerechten Stadt damals Bahnen schickten. Und heute? Wieder dunkel, verschüttet. Das Licht, das die documenta auf das Glas-Mosaik des Bode-Assistenten Dieter von Adrian warf, brachte einmal mehr den Wunsch hervor: Dieses Werk muss gerettet, muss gezeigt werden. Denn, so heißt es ja, Eigentum verpflichtet! Da ist es längst nicht mit dem Kauf getan – für die Pflege und den Erhalt der Kunstwerke muss die Stadt Kassel jedes Jahr beträchtliche Summen aufbringen. Ob Spohr-Denkmal oder Himmelsstürmer – beschmiert oder bekritzelt werden sie alle. Die wachsende Respektlosigkeit vor Kassels Kunstschätzen muss Jahr für Jahr teuer bezahlt werden. Und nicht jeder Standort erweist sich als glücklich. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, lautet eine andere Lebensweisheit. Im Fall der Königsplatztreppe wurde das schmerzhaft deutlich. Die eher verhaltene Begeisterung für einen Ankauf des Obelisken mitten auf dem Königsplatz unterstreicht – hier spielen noch andere Überlegungen als der schnöde Ankaufswert eine Rolle. Denn was man hat, das muss man pflegen. Und da sind wir wieder in Kassels ehemaliger Unterführung. Eine Rettung der „Gläsernen Stadt“ sollte für Kassel Ehrensache sein. Möglicherweise bringt eine Firma mehr Initiative auf, als die Entscheider im Rathaus in den vergangenen Jahren. Uns würde da das Fraunhofer Institut einfallen. Da wäre zum einen die räumliche Nähe zwischen dem hochmodernen Neubau und der ehemaligen Unterführung. Da steht zum anderen die Herkules-Symbolik (www.herkulesprojekt.de), die Institutsleiter Prof. Dr. Clemens Hoffmann gerne für die Energiewende bemüht – und der Sagenheld sich ja auch im Glasmosaik wiederfindet. Und zu guter Letzt wäre es eine respektvolle Verneigung vor der Stadt, in der man die Zukunft gestalten möchte.

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