Kasseler Oskar Honig erzählt, wie er mit seinen Eltern der Bombennacht entging

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Oskar Honig entging mit seinen Eltern der todbringenden Bombennacht in Kassel – weil sie auf der Heimreise von Paris im Oktober 1943 einen Autounfall hatten.

Ein Autounfall auf der Heimfahrt von Paris nach Kassel rettete das Leben von Oskar Honig und seinen Eltern Lilly und Waldemar. Im Rahmen unserer Serie zur Kasseler Bombennacht erinnert sich der Kasseler an das Glück im Unglück - und die Heimkehr ins zerstörte Kassel.

Kassel. Lilly Honig wird in ihrem Leben nie wieder geklagt haben wegen des Autounfalls im Jahr 1943. Im Oktober dieses Jahres hatte sie mit ihrem Mann Waldemar und dem 1935 geborenen Sohn Oskar im Dienstwagen einen Ausflug nach Paris unternommen. Waldemar Honig war Elektroingenieur und hatte die Bauleitung bei der Demontage der Maginotlinie inne gehabt, ein aus einer Linie von Bunkern bestehendes altes Verteidigungssystem der Franzosen. Seit der Versetzung nach Kassel wohnten die drei in der 3. Etage in der Moltkestraße 5, einer kleinen Verbindungsstraße zwischen Unterer Königsstraße und Mauerstraße.

Für Oktober war die Heimkehr nach Kassel geplant. Den Verwandten und Bekannten hatte man signalisiert, am 20., 21. oder spätestens am 22. Oktober zurück zu sein. Doch dann, bei einer Fahrt im Dienstwagen des Mannes, der Unfall. Was genau passiert ist, daran erinnert sich Oskar Honig nicht mehr. Nur daran, dass die Mutter mit einer Kopfwunde ins Krankenhaus musste und kurze Zeit bleiben musste. Benachrichtigen konnte man niemanden, denn irgendwie klappte es mit Telefonverbindungen in diesen Kriegstagen nicht. Das Auto war demoliert, also ging es dann, wahrscheinlich am 23., mit dem Zug in die Heimat.

„Die Waggons waren so voll, mein Vater hat mich durchs Fenster in den Zug geschoben und das Gepäck hinterher,“ erinnert sich Oskar Honig. Mutter und Sohn saßen beieinander, der Vater musste in einen anderen Waggon. Und so ging es zurück. In Kassel aber waren Angehörige und Verwandte verzweifelt. Nach der Bombennacht standen vom Haus Moltkestraße 5, das einem Möbelhändler gehört, nur noch die Außenmauern. Die Bewohner wurde tot aus den Kellern geborgen, erstickt im Abgas der brennenden Kohle, die in den Kellern lagerte und die von Phosphorbomben entzündet worden war. Die Leichen lagen aufgebahrt auf der Straße – und die Verwandten suchten Familie Honig. Vergeblich. Für Oskar Honig war die Rückkehr in das von den Feuern noch qualmende Kassel eine Art Trauma. „Ich weiß noch, dieser Qualm, der Rauch, das war überall.“

 Angekommen in der Moltkestraße stellten die drei fest, dass alles Hab und Gut verloren war – aber der Autounfall und der Krankenhausaufenthalt der Mutter hatten ihnen das Leben gerettet. „Die Verwandten haben nicht schlecht gestaunt, als sie uns gesehen haben,“ erzählt Oskar Honig. Die Familie kommt bei Freunden in Wachenhausen (Ortsteil von Katlenburg-Lindau, Kreis Northeim) unter. Und Oskars Vater spielt ein riskantes Spiel: Er hat sich nicht bei seiner Dienststelle in Kassel gemeldet, schwänzt also quasi den Dienst für die Wehrmacht. Doch es geht gut, mit dem Einmarsch der Amerikaner ist die Gefahr für ihn vorbei.

Oskar Honigs Lebensweg nach diesem Überleben durch den unglücklichen Zufall ist bunt: Mit seiner Frau Ingeborg (Jahrgang 1939, sie kommt aus Witzenhausen) führt er eine eigene Firma, einen Servicebetrieb für Aufzüge. Irgendwann verkaufen die beiden den Betrieb an den Fahrstuhlbauer Otis, investieren das Geld in eine Eigentumswohnung am Buga-Gelände („Da gab es insgesamt drei Wohnungen“) und gehen vier Jahre lang mit ihrem Segelschiff auf Tour. Bereisen den Nord- und den Südatlantik, durchqueren mit dem Bus Brasilien. Bis Ingeborg Heimweh hat und das Geld knapp wird. In Kassel finden beide wieder Arbeit, heute arbeiten sie ehrenamtlich im Stadtteilzentrum in der Quellhofstraße. Er betreut die Werkstatt, sie unterstützt das Küchenteam. Von der Zeit vor dem Bombenangriff ist nichts mehr geblieben, keine Foto, kein Erinnerungsstück. Alles zerstört in der Moltkestraße. Geblieben ist nur die Erinnerung an das Glück des Autounfalls.

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