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Kasseler sparen beim Ausgehen: Weniger Geselligkeit & schlechte Vorverkäufe

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Von: Isabell-Carolyn Schulz

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An drei ausgewählten Standorten haben wir nachgefragt, wie es derzeit so läuft – darunter Bierhimmel-Wirtin Saeima Kazemi.
An drei ausgewählten Standorten haben wir nachgefragt, wie es derzeit so läuft – darunter Bierhimmel-Wirtin Saeima Kazemi. © Schulz

Erreichen die Besucherzahlen in Kneipen, Clubs oder bei Live-Konzerten wieder das Vor-Corona-Niveau?

Kassel Schließungen zum „Lockdown“, einzuhaltende Hygieneregeln, Lockerungen sowie kontrollierter Zutritt für genesene, geimpfte und negativ getestete Gäste – seit Ausbruch der Corona-Pandemie waren die Zeiten wechselhaft, besonders für Gastronomen und den Kulturbereich. Während und mit Corona lebt es sich längst weiter, so auch im Nachtleben. Aber wie hat sich das Ausgehverhalten der Kasseler verändert? Erreichen die Besucherzahlen in Kneipen, Clubs oder bei Live-Konzerten wieder das Vor-Corona-Niveau?

Kneipenkultur im Bierhimmel

„Überhaupt nicht!“, sagt Saeima Kazemi, Betreiberin vom Bierhimmel am Entenanger. Der eröffnete im Dezember 2019 in den ehemaligen Räumlichkeiten der Kultkneipe Biermichel und musste im Frühjahr 2020 Corona-bedingt direkt wieder schließen.

Viele der Stammgäste und älteren Besucher würden seit Pandemiebeginn auch nicht mehr ausgehen, weswegen sich innerhalb der Bierhimmel-Kundschaft eine deutliche Verjüngung eingestellt habe. Saeima Kazemi merkt aber an: „Obwohl wir zwischendurch immer wieder Schließungen oder eingeschränkten Betrieb hatten, hatten wir auch in den stärkeren Pandemie-Phasen wesentlich mehr Gäste als dieses Jahr.“ Dass es im Bierhimmel 2022 bisher am schlechtesten läuft, begründet Saeima Kazemi durch verschiedene Faktoren wie die gestiegenen Energiepreise und ein daraus resultierendes, ausgeprägteres Spar-Verhalten ihrer Gäste. Am härtesten getroffen hat die Kneipenwirtin jedoch ein schlimmes Sommerloch während der documenta: „Es gab überall Veranstaltungen und Konzerte, kaum jemanden zog es da zum Entenanger. Ich hätte mir von der documenta gewünscht, mehr eingebracht zu werden, aber das wurde seitens ruangrupa eindeutig abgelehnt.“

Wie die kommenden Monate im Bierhimmel laufen, ist ungewiss. Viele Privatpersonen, Vereinigungen oder DJ-Kollektive unterstützen Saeima Kazemi mit besonderen Veranstaltungen, aber die 49-Jährige ist sich sicher: „Während man vor fünf Jahren noch sagte, die Kneipenszene ist gefährdet, kann man heute sagen, sie ist bereits am Aussterben.“

Technoparty im Graf Karl

Vor genau einem Jahr, mitten in einer Corona-intensiveren Phase, haben Tim Marth und Willy Bautzmann im alten Panoptikum den Techno-Club Graf Karl eröffnet. „Grundsätzlich ist bei uns das Gefühl wieder so wie damals vor der Pandemie, aber von den Besucherzahlen her sieht es durchwachsen aus“, erklärt Bautzmann. Demnach sei das ältere Publikum eher zögerlich, habe vor Ort und angesichts eines überfüllten Eingangsbereichs sogar schon wieder kehrtgemacht – trotz vorab gekaufter Tickets.

Tim Marth (li.) und Willy Bautzmann haben das Panoptikum umgebaut und den Club Graf Karl dort eröffnet.
Tim Marth (li.) und Willy Bautzmann haben das Panoptikum umgebaut und den Club Graf Karl dort eröffnet. © Privat

„Bei unserem jüngeren Publikum, so zwischen 18 und 25 Jahren, spielt das alles allerdings gar keine Rolle mehr und je nach Veranstaltungsformat haben wir sehr hohe Besucherzahlen.“ Das war aber nicht von Anfang an so. „Einen Monat nach Eröffnung durften wir im Dezember 21 direkt wieder schließen. Das hat wehgetan und bedeutete einen ersten herben Rückschlag, aber als wir im März dieses Jahres wieder loslegen konnten, herrschte massiver Andrang und wir hatten volles Haus.“ Im Sommer ebbten die Besucherzahlen auch im Graf Karl langsam wieder ab, „aufgrund von Förderprogrammen konnten wir aber sehr ansprechende Künstler zu uns holen, die die Leute wieder gut abgeholt haben“, so Willy Bautzmann weiter.

Live-Musik im Theaterstübchen

Die Förderprogramme des Bundes hat seit Pandemie-Beginn auch immer wieder Theaterstübchen-Chef Markus Knierim beantragt, um weiterhin Live-Veranstaltungen in seinem Keller-Club realisieren zu können. Das Publikum in seinem seit 26 Jahren etablierten Jazz-Blues-Club, in dem sich internationale Stars die Türklinke in die Hand geben, ist ein älteres – während der beliebten Blues-Woche lag das Durchschnittsalter beispielsweise bei 65.

Theaterstübchen-Chef Markus Knierim berichtet von schlecht laufenden Vorverkäufen.
Theaterstübchen-Chef Markus Knierim berichtet von schlecht laufenden Vorverkäufen. © Schulz

Auch Markus Knierim beschreibt, dass die Menschen ihr Ausgehverhalten generell verändert haben und viele angesichts steigender Infektionszahlen verunsichert sind. Dabei wurde im Theaterstübchen auch mittels der Corona-Hilfen nicht nur kräftig in die Verbesserung der Hygienemaßnahmen investiert: „Wir haben komplett renoviert, durch eine neue Lüftung top CO2-Werte und auch den Sound sowie die Technik noch mal verbessert, aber keiner hat damit gerechnet, dass das Interesse der Leute so massiv zurückgegangen ist.“ Knierim betont nämlich außerdem: „Das nächste Problem sind eklatant schlechte Vorverkäufe, die Leute warten momentan bis zum Schluss.“

Trotzdem finden im Theaterstübchen von Sonntag bis Freitag jeden Abend Konzerte statt, denn: „Wir wollen unserem Konzept weiter treu bleiben.“ Und da der Laden nahezu immer geöffnet ist, besteht das genauer gesagt darin, ein enorm breites Spektrum zu bieten, das auch viele Auftrittsmöglichkeiten für neue Künstler wie auch die Förderung des Jazz-Nachwuchses bedeutet. Bis Ende des Jahres sollen noch rund 30 Konzerte im Theaterstübchen stattfinden, Markus Knierim gibt daher gerade die letzten erhaltenen Fördermittel für Technik, Gagen, Unterbringung und Versorgung der Künstler, etc. aus und ist skeptisch: „Wenn die Förderprogramme im neuen Jahr nicht verlängert werden, sehe ich schwarz für die deutsche Kulturlandschaft.“

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