Kasseler Tafel versorgt immer häufiger auch Rentner

Tafel Kassel, Christian Aue (rechts) und Dieter Blum
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Tafel Kassel, Christian Aue (rechts) und Dieter Blum

Die Kasseler Tafel versorgt immer mehr Bedürftige. Darunter befinden sich schon jetzt viele Rentner - Tendenz steigend.

Kassel. Die Schlange an der Essensausgabe ist lang. Mit großen Taschen warten die Menschen darauf, dass sie an der Reihe sind. Ehrenamtliche Helfer geben die gespendeten Lebensmittel aus. An manchen Tagen gibt es mehr, an manchen Tagen weniger zu verteilen. Heute gibt es weniger als üblich, dabei müssen die Lebensmittel für die Bedürftigen zwei Wochen reichen.

Rund 130 Menschen nehmen täglich das Hilfsangebot der Kasseler Tafel in Anspruch und erhalten kostenlose Lebensmittel. "1.260 Menschen aus Kassel und Umgebung haben wir in unserer Kartei", erzählt Hellmut Weiß, 2. Vorsitzender der Kasseler Tafel. "Damit sind wir leider an unsere Belastungsgrenze gestoßen". Denn auf jeden registrierten Kunden in der Kartei, kommen zumeist noch Familienmitglieder, wodurch die Zahl derer, die Hilfe in Anspruch nehmen, auf über 3.000 steigt. Über 300 Menschen warten zudem darauf, neu in die Kartei der Tafel aufgenommen zu werden – was bis zu sechs Monate dauern kann.

"Erschreckend ist außerdem, dass auch immer öfter ältere Menschen hierher kommen", so Hellmut Weiß, "dabei haben die meisten ihr ganzes Leben gearbeitet." Viele würden sich schämen, das Angebot der Tafel in Anspruch zu nehmen, weswegen einige Rentner wahrscheinlich nicht kommen, obwohl sie das Recht dazu hätten, nimmt Weiß an. Laut Verband Deutscher Tafel, wird die Zahl der bedürftigen Senioren in den nächsten Jahren weiter steigen. Seit 2005 hat sich die Zahl der Rentner, die unterhalb der Armutsschwelle leben um 46 Prozent erhöht. Von den rund 1.260 registrierten Kunden der Kasseler Tafel, sind 544 Rentner oder Menschen, die Grundsicherung beziehen.

Während die ersten ihre Lebensmittel verstauen, warten vor der Tür schon wieder neue Kunden. Auf der Karte, die ihre Bedürftigkeit bestätigt, sind Datum und Uhrzeit notiert, zu der sie die Tafel besuchen können. "Ansonsten wäre das hier ein heilloses Durcheinander", erzählt Hellmut Weiß.An der Essensausgabe steht Elke Kiesel, die seit neun Monaten bei der Tafel arbeitet. Es mache ihr Spaß, die Kunden seien überwiegend freundlich und offen. "Man redet allerdings nur über Alltägliches, weniger über persönliche Dinge, dazu bleibt zumeist auch gar keine Zeit", berichtet sie.

Peter W. (Name von der Redaktion geändert) besucht heute zum vierten Mal die Tafel. Drei Taschen hat er dabei, um seine Lebensmittel zu verstauen. "Bisher hat es immer gereicht" sagt er, "zum Glück habe ich eine Kühltruhe, da kann man vieles frisch halten". Früher arbeitete er bei Daimler in der Produktion und als Betriebsschlosser. Durch einen Arbeitsunfall konnte er seiner Tätigkeit nicht weiter nachgehen – wurde arbeitslos. Vor kurzem verließ ihn seine Frau, zusammen seien sie mit dem Geld noch ausgekommen, berichtet er. Jetzt bleiben ihm von seinem Hartz 4 Satz noch 50 Euro im Monat für Verpflegung übrig. "So schnell kann es gehen", sagt er. Natürlich sei es ihm peinlich zur Tafel zu gehen, selbst innerhalb der Familie würde er dafür schief angeguckt, "aber was bleibt mir denn anderes übrig?"

Im Hintergrund laufen bereits die Vorbereitungen für den morgigen Tag – die gespendeten Lebensmittel werden entsprechend sortiert und gelagert. Die Zahl der Lebensmittel steigt zwar tendenziell, aber nicht mit der Geschwindigkeit, in der die Nachfrage steigt, "deshalb freuen wir uns natürlich über jede Geld-oder Sachspende", sagt Hellmut Weiß.

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