Kein Ausweg aus der Gewaltspirale: Interview über steigende Zahlen der häuslichen Gewalt

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Eine Situation eskaliert, ein Wort gibt das nächste und ein Ausweg aus der Gewaltspirale scheint nicht mehr möglich… Beratungsstellen können bei häuslicher Gewalt helfen.

Wir sprachen mit Sandy Hoffmann, der Fachgebietsleitung der Psychologischen Beratungsstelle des Diakonischen Werks Region Kassel, über die dortige Männerberatungsstelle.

Kassel. Die Frauenhäuser in der Region haben kaum Plätze für Schutzsuchende, die oftmals vor ihren schlagenden Partner flüchten. Häusliche Gewalt ist ein Thema, stieg die Zahl der Anzeigen bei der Polizei in den vergangenen Jahren kontinuierlich an (siehe EXTRA INFO unten). Wir sprachen mit Sandy Hoffmann, der Fachgebietsleitung der Psychologischen Beratungsstelle des Diakonischen Werks Region Kassel, über die dortige Männerberatungsstelle. Hier können sich gewalttätige Männer Hilfe holen.

Wie lange gibt es die Männerberatungsstelle schon? Und ist sie kostenlos? 

Sandy Hoffmann: Beratung bei häuslicher Gewalt hat im Diakonischen Werk eine lange Tradition. Schon die Sozialpädagogischen Familienberatungsstelle hat vor mehr als 20 Jahren begonnen, das Beratungsfeld konzeptionell zu entwickeln und sich mit den Akteuren in der Stadt zu vernetzen. Als integrierte Beratungsstelle führen wir das fort und beraten Einzelne und Paare. Die Beratung ist kostenfrei.

Welche Männer kommen zu Ihnen? An uns wenden sich Männer aus allen Schichten unserer Gesellschaft, jeden Alters und Nationalität. Sie haben unterschiedliche Berufe, sind Arbeiter, Akademiker, arbeitssuchend oder Beamte.

Werden Sie von jemanden geschickt (zum Beispiel als Auflage oder von der Partnerin) oder kommen diese von sich aus? Die Zugangswege sind verschieden. Wir kooperieren zum Beispiel mit der Gerichtshilfe Kassel, dann ist Beratung eine Auflage. Das Jugendamt schickt Täter zu uns, wenn Kinder in der Familie leben. Manchmal sagt die Partnerin: Jetzt machst du etwas, oder ich gehe! Einige Männer kommen freiwillig. Das ist eine großartige Sache, denn es ist nicht immer einfach, sich Hilfe zu holen. Ist eine Straftat passiert, also gab es eine Anzeige bei der Polizei oder gar ein Einsatz vor Ort, meldet sich direkt ein Mitarbeiter aus dem KAIP Büro bei den Männer und informiert über Hilfen in der Stadt Kassel, wie zum Beispiel über Beratungsangebote oder die Tätergruppe bei häuslicher Gewalt.

Was sind die häufigsten Gründe, warum Männer mit Gewalt reagieren? Die Gründe sind vielfältig. Viele Männer kennen Gewalt aus ihrer eigenen Herkunftsfamilie. Gewalttätiges Handeln kann sich über Familiengenerationen wiederholen. Andere wiederum haben nicht gelernt, ihre Bedürfnisse angemessen zu äußern. Kommen Paare in die Beratung, haben wir es oft mit situativer Paargewalt zu tun. Eine Situation eskaliert, ein Wort gibt das nächste und ein Ausweg aus der Gewaltspirale scheint nicht mehr möglich… Kernproblem der Betroffenen ist ein Mangel an kommunikativen Fähigkeiten, den die Beteiligten mit verbaler Aggression zu kompensieren versuchen, die wiederum in Gewalt umschlägt. Ein lösungsfokussierter Ansatz kann hier hilfreich sein. Gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien können erlernt werden.

Welche Therapieansätze werden verfolgt? Täterarbeit ist keine Psychotherapie. Die Ausübung von häuslicher Gewalt ist Ausdruck erlernter Denk- und Verhaltensweisen und in der Regel nicht auf eine psychische Erkrankung zurück zu führen. Beratung ist ein Prozess und besteht aus bestimmten Schritten. Wesentlich für eine Veränderung ist die Bereitschaft, für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Empathie für die Partnerin, die Kinder und sich selbst zu entwickeln sowie Lösungsstrategien zu finden.

Wie hoch ist die Rückfallquote? Rückfälle lassen sich nicht immer vermeiden und sind kein Grund eine Beratung zu beenden. Vorausgesetzt es besteht die Bereitschaft, sich mit dem Rückfall auseinander zu setzen. Sind Kinder von häuslicher Gewalt betroffen, leiden sie besonders, wenn sich Eltern streiten oder gar verletzen. In der Regel ist hier Kindeswohl gefährdet und es muss entsprechend gehandelt werden. Zu unserer Aufgabe gehört es, Eltern darüber zu informieren, wie sich ihre Kinder fühlen. In der Regel ist es Eltern nicht egal und sie kooperieren.

EXTRA INFO: Aktuelle Fallzahlen

Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Nordhessen gab es in den letzten Jahren die folgenden Fallzahlen „Häuslicher Gewalt“:

2018: 1.297

2017: 1.175

2016: 1.163

2015: 931

2014: 916

Entsprechend ist ein kontinuierlicher Anstieg in diesem Deliktsbereich feststellbar. Für 2019 liegt noch keine valide statistische Auswertung vor.

Was ist häusliche Gewalt?

Die häusliche Gewalt umfasst nach der polizeilichen Definition alle Fälle von - physischer und / oder - psychischer Gewalt innerhalb von - ehelichen oder - nichtehelichen Lebensgemeinschaften, unabhängig von der Tatörtlichkeit, auch wenn sie sich nach einer Trennung ereignen und noch im direkten Bezug zur früheren Lebensgemeinschaft stehen.

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