Kein Film in der Bombennacht und doch ein Happy End

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Eleonore Kühn ging am Morgen nach der Bombennacht zu Fuß von Vellmar nach Kassel – und sah Dinge, die sie bis heute nicht vergessen kann.

Über einen verpassten Kinoabend kann man sich ärgern. Nicht jedoch am 22. Oktober 1943. Denn weil Eleonore Rüger vergeblich auf ihre Mutter wartete, fiel der Kinobesuch ins Wasser. Und rettete das Leben.

Kassel. Eleonore Rüger freute sich nach der Arbeit auf einen Kinobesuch mit ihrer Mutter. Die beiden hatten sich am 22. Oktober am Hauptbahnhof verabredet. Mutter Elisabeth wollte um 19 Uhr mit dem Zug aus Obervellmar kommen – und dann hätte der Kinoabend beginnen können.

Eleonore (Jahrgang 1926), die heute Kühn heißt, arbeitete bei der Standortgebührenstelle im Akazienweg, bearbeitete die Sold- und Gehaltsansprüche der Berufssoldaten. Um 17 Uhr war Dienstschluss. Die zwei Stunden bis zur Ankunft der Mutter verbrachte sie damit, ihre Kollegin Else Bähr, die Nachtdienst hatte, zu besuchen. Die hatte sie getroffen, als diese sich gerade aus einer Bäckerei etwas zu essen geholt hatte. Eleonore war pünktlich um 19 Uhr am Bahnhof – aber sie wusste auch, dass ihre Mutter, die bei der Kartoffelernte half, möglicherweise länger hatte arbeiten müssen. Dann würde sie den Zug verpassen – und dann würde der Kinoabend ins Wasser fallen. Denn allein, das hatte die Mutter unmissverständlich gesagt, dürfe das junge Mädchen nicht ins Kino gehen. Die junge Frau wartete vergeblich auf die Mutter und befolgte deren Anweisungen. Stieg in den Zug nach Obervellmar und ging zur Adolf-Hitler-Straße, wo die Familie wohnte. Dann kam der Alarm. Die Familie suchte mit anderen Mietern Schutz im Keller des Hauses, in dem alle wohnten. Mehrere Stunden, so ihre Erinnerung, harrten die vier dort aus – neben Mutter und Tochter noch Vater Wilhelm, der bis zum Kriegsende bei der Post arbeitete, und Bruder Norbert. „Wir hörten die Motoren der Flieger und ängstigten uns sehr.“ Obervellmar kam in dieser Nacht davon. Irgendwann wurde in dem Dorf Entwarnung gegeben und die Familie traute sich aus dem Keller. Draußen roch es nach Rauch, „die Atmosphäre empfinde ich noch heute.“ Der Horizont war „im unteren Teil ganz dunkel, aber oben im Zenit war er rot bis dunkelrot.“ Welches Ausmaß die Brände hatten, ahnte die junge Frau an dem Abend nicht. Sie ging zu Bett, wollte am nächsten Morgen ganz normal zur Arbeit, musste früh aufstehen, denn um 7.28 Uhr fuhr der Zug nach Kassel. Auf dem Weg zum Bahnhof kamen ihr diejenigen aus Obervellmar entgegen, die den früheren Zug hatten nehmen wollen. Es fährt kein Zug, riefen sie ihr zu, Kassel ist von feindlichen Bombern total zerstört worden. Ungläubig geht sie mit anderen Mädchen, die ebenfalls nach Kassel wollen, Richtung Stadt. Dann kommen ihnen die ersten Menschen entgegen, verstaubte, zerrissene Kleidung, verschmierte Gesichter, gerötete Augen vom Rauch in der Stadt. Sie sehen die Menschen ungläubig an, gehen noch ein Stück weiter. Eleonore trifft eine Bekannte, die Schwiegermutter ihres Zahnarztes, die sie sofort in den Arm nimmt und sich bei ihr ausweint. Die letzten Zweifel über das Ausmaß der Katastrophe sind beseitigt.

Am nächsten Tag nimmt sie der Fahrer eines Lkw, der Nahrung in dem Dorf für die Ausgebombten in der Stadt holt, mit. Bis zum Marienkrankenhaus. Dann gehen sie durch die Stadt, den Blick immer wieder nach oben gerichtet, um nicht von den Resten der Ruinen erschlagen zu werden. Sie sehen die Toten, in Höhe des Kaufhof aufgereiht die zusammengeschrumpften Leichen der Verbrannten. Das Kino, in dem Eleonore und ihre Mutter normalerweise beim Alarm gesessen hätten, ist zerstört. Kein Ärger mehr über die Mutter, die so lange bei der Kartoffelernte hat helfen müssen. Sie erkennt schnell: Dass Elisabeth Rüger nicht am Hauptbahnhof erschienen war, hat den beiden das Leben gerettet. Die Kollegin Else Bähr hat die Nacht in einem Bunker nahe der Dienststelle im Akazienweg ebenfalls überlebt. Zwei Tage später geht Eleonore wieder zur Arbeit, von der es reichlich gibt: Die Urlaubsscheine der Soldaten, denen die Bombennacht Familienangehörige genommen oder die Wohnungen zerfetzt hatte, müssen verlängert werden. Alles ist klar geregelt: Wer auf Fronturlaub war, hatte einen längeren Urlaubsanspruch als die Soldaten, die in Kasernen stationiert waren. Später kommt sie mit anderen Mädchen nach Oberaula, wo sie Lochkarten nach dem Hollerith-Verfahren stanzen mussten. Zum Kriegsende marschieren die Mädchen zurück in die Heimat. Die Freundin Ernestine muss nach Volkmarsen. Begleitet von der Angst vor Tieffliegern. Irgendwann nimmt sie ein Lkw-Fahrer mit, der zufälligerweise auf dem Weg nach Warburg durch Obervellmar muss. Als sie aussteigt, sieht sie ihr Vater, der seine Tochter lange entbehren musste. Will dem Fahrer als Dank noch eine Zigarre schenken – aber der ist schon weiter gefahren.

Eleonore und Ernestine haben den Kontakt bis heute gehalten, auch nachdem die Freundin in den fünfziger Jahren geheiratet hat und in die USA ausgewandert ist. Und die Adolf-Hitler-Straße wurde nach dem Krieg in August-Bebel-Straße umbenannt.

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