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Klimaneutral: Jetzt liegt es an der Politik - Klimaschutzrat übergibt Strategie mit Handlungsempfehlungen

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Von: Ulf Schaumlöffel

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Der Verkehr ist einer der Hauptverursacher für das klimaschädliche Kohlendioxid: Er macht über 20 Prozent des städtischen CO2-Ausstoßes aus.
Der Verkehr ist einer der Hauptverursacher für das klimaschädliche Kohlendioxid: Er macht über 20 Prozent des städtischen CO2-Ausstoßes aus. © Foto: Fischers Fritz

Das Gesamtwerk zeigt Wege und Chancen auf, wie die Stadt bis zum Jahr 2030 etwa 98 Prozent ihrer Emissionen senken könne und die Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas weitgehend beendet

Kassel Wie kann Kassel klimaneutral werden? Der Klimaschutzrat hat dazu jetzt eine erarbeitete Strategie mit Handlungsempfehlungen vorgelegt und an Umweltdezernent Christof Nolda übergeben. Das Gesamtwerk zeigt Wege und Chancen auf, wie die Stadt bis zum Jahr 2030 etwa 98 Prozent ihrer Emissionen senken könne und die Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas weitgehend beendet.

Der Leiter des Klimaschutzrats, Professor Dr. Martin Hein, erklärte: „Die Klimaschutzstrategie ist der erste Fahrplan überhaupt in Richtung klimaneutraler und damit lebenswerter Zukunft in der Stadt Kassel. Mein außerordentlicher Dank gilt den ehrenamtlichen Mitgliedern des Klimaschutzrats und der Themenwerkstätten sowie der Geschäftsstelle des Klimaschutzrats. Ihr großartiger Einsatz, ihre fachkundige Arbeit und das Ringen um Lösungsansätze, die gesamtgesellschaftlich funktionieren können, sprechen aus jeder Zeile der Strategie. Der Ball liegt nun bei Politik und Verwaltung, die Strategie zu diskutieren und weitere Schritte möglichst zügig umzusetzen. Als Klimaschutzrat werden wir diesen weiteren Weg so konstruktiv wie kritisch begleiten!“

Prof. Dr. Martin Hein (im Bild rechts) übergibt die vom Klimaschutzrat erarbeitete Klimaschutzstrategie an Jörg Gerhold (Stellvertretender Leiter des Umwelt- und Gartenamtes), der Umweltdezernent Christof Nolda bei der Sitzung vertreten hat.
Prof. Dr. Martin Hein (im Bild rechts) übergibt die vom Klimaschutzrat erarbeitete Klimaschutzstrategie an Jörg Gerhold (Stellvertretender Leiter des Umwelt- und Gartenamtes), der Umweltdezernent Christof Nolda bei der Sitzung vertreten hat.  © Foto: Schoelzschen/Stadt Kassel

Umweltdezernent Christof Nolda schloss sich diesen Worten an: „Ich danke Professor Hein stellvertretend für alle Mitwirkenden, die sich dieser größten Herausforderung unserer Generation angenommen haben. Mit dem Klimaschutzrat ist es gelungen, wie nie zuvor die Expertise der Stadtgesellschaft in einem Prozess zu bündeln. Diese Strategie sollte Politik und Verwaltung Verpflichtung sein, unser Handeln zu beschleunigen und teilweise neu auszurichten. Es liegt viel Arbeit vor uns – im Leitbild zeigt sich aber bereits, wie sehr sich der Einsatz lohnen kann!“

Inhalte der erarbeiteten Strategie

Die knapp 100-seitige Strategie zeichnet ein Bild einer möglichen nahen Zukunft: Kassel könnte zu einer noch lebenswerteren Stadt werden. Quartiere sind durchmischter und lebendiger, Stadtteilzentren wiederbelebt. Menschen flanieren, Kinder spielen wieder sicherer in verkehrsberuhigten Quartieren. Es gibt mehr Platz für Grünflächen, Cafés und Restaurants, für Begegnung und Erholung. Menschen können alle wichtigen Orte des Alltags zu Fuß oder mit dem Fahrrad in 15 Minuten erreichen. Straßen, Plätze und Parks sind aufgeräumter und sauberer: das Abfallaufkommen und das achtlose Entsorgen von Abfällen im öffentlichen Raum konnte deutlich reduziert werden. Pfand- und Mehrwegsysteme haben die alte Wegwerfmentalität abgelöst.

Im Weiteren definiert der Klimaschutzrat u.a. Klimaneutralität und Methoden zur Erfassung. Insgesamt sollen innerhalb von Kassel bis Ende 2030 nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden als im Stadtgebiet gebunden werden können. Dafür müsse insbesondere die Energieversorgung von fossilen Energieträgern befreit werden. Sie solle auf 100 Prozent erneuerbare, möglichst regionale Energie umgestellt werden. Gleichzeitig solle der Energieverbrauch insgesamt stark gesenkt werden. In Kassel werde am meisten Energie für Wärme genutzt, gefolgt von Strom und Verkehr.

Solar- und Windenergie sollen massiv ausgebaut werden, neue Gebäude grundsätzlich mit Photovoltaik ausgestattet sein. 60 Prozent des Kasseler Heizwärmebedarfs solle 2030 über klimaneutrale Fernwärme erfolgen. Gleichzeitig solle der Energieverbrauch der Gebäude um 40 Prozent sinken. Angesichts der steigenden fossilen Energiepreise betont Umweltdezernent Nolda hier auch die sozialpolitische Bedeutung für entschlossenes Handeln. Der Strategie zufolge dürften Restemissionen 2030 vor allem noch durch den fossil betriebenen Autoverkehr verbleiben. Dieser Anteil solle aber minimiert werden, in dem Kassel eine Stadt der noch kürzeren Wege wird und ÖPNV, Radverkehr und Fußverkehr Vorrang bekomme.

Weitere Kapitel der Strategie widmen sich Maßnahmen in den Bereichen Industrie und Gewerbe, Artenvielfalt, Landwirtschaft und Ernährung sowie Konsum und Abfall. Der Klimaschutzrat empfiehlt zudem die zielgerichtete Kommunikation und Einbeziehung der Stadtbevölkerung in den Prozess – Veränderung könne nur im Zusammenspiel mit der Bevölkerung funktionieren.

Die Berechnung der möglichen Emissionseinsparung bis 2030 setze dabei eine Umsetzung aller Maßnahmen, entsprechende Steuerung und Finanzierung voraus. Dafür müsse die Geschwindigkeit der Umsetzung stark beschleunigt werden, so der Klimaschutzrat.

In die Strategie flossen Expertisen und Empfehlungen aus über zwei Jahren Arbeit von rund 140 Ehrenamtlichen aus Klimaschutzrat und Themenwerkstatt ein. Die Strategie wird nun dem Magistrat zur Kenntnisnahme vorgelegt. Einige Maßnahmen befinden sich bereits in Umsetzung, für andere sind weitere politische Beschlüsse nötig.

Hintergrund

Die Stadt Kassel hat sich 2019 per Stadtverordnetenbeschluss zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Der Klimaschutzrat der Stadt Kassel wurde im März 2020 gegründet, um Magistrat und Stadtverwaltung auf dem Weg zur Klimaneutralität 2030 zu beraten. Er hat bis dato über 40 Empfehlungen verabschiedet. Dem Gremium gehören 35 Mitglieder an aus Wissenschaft und Forschung, Umwelt-, Klima- und Naturschutz, Bauen und Wohnen, Wirtschaft, Gewerkschaften sowie Betriebsräten, Kultur und Bildung, Jugend, Wohlfahrt und Soziales sowie Religion.

Das sagen Mitglieder vom Kimaschutzrat

Jenny Huschke, DGB Region Nordhessen:

„Das Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden, ist politisch klar bekannt. Einen ambitionierten, aber möglichen Weg dahin zeigt die Strategie auf. Wir fordern die Protagonistinnen und Protagonisten der Stadt in Politik und Verwaltung auf, sich dieser anzunehmen.“

Arvid Jasper, Klimagerechtigkeit Kassel:

„Wer will nicht die Klimakatastrophe mit immer tödlicheren Dürren, Überschwemmungen und Stürmen vermeiden. Doch wir stehen im Klimaschutz vor riesigen Herausforderungen. Im letzten Jahrzehnt haben die bisherigen Bemühungen die Kasseler Treibhausgas-Emissionen in Höhe von zuletzt jährlich 1,5 Millionen Tonnen kaum sinken lassen. Für die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze bleibt uns in Kassel aber ein Budget von insgesamt nur noch 10,7 Millionen Tonnen CO2. Mit dieser Klimaschutzstrategie können wir nun anfangen umzusteuern. Daher sieht sie auch weitreichende Maßnahmen wie den Gasausstieg und 100% Erneuerbare Energien in der Fernwärme 2030, die energetische Sanierung vieler Quartiere, fünf neue Tramlinien und weniger tierische Lebensmittel vor. Insgesamt rund 40 Maßnahmenbündel liegen der Stadt nun zur Umsetzung vor.

Kerstin Lopau, Bündnis kassel kohlefrei:

„Mithilfe der nun vom Klimaschutzrat beschlossenen Klimaschutzstrategie wurde der Kasseler Kohleausstieg bis 2025 nach dem StaVo-Beschluss nun auch als Teil einer großen Energiewendestrategie für die Stadt festgeschrieben.

Den 7.500 Unterzeichner des Bürgerbegehrens von kassel kohlefrei wird damit ihr Anliegen bestätigt. Besonders freut uns, dass darüber hinaus auch ein Gas-Ausstieg bis 2030 beschlossen wurde, sodass die Chancen auf ein klimaneutrales Kassel in 2030 deutlich steigen.“

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