„Knochen haben es mir angetan“: Professor Dr. Marcel Verhoff über die Rechtsmedizin im TV und in der Realität

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Professor Dr. Marcel Verhoff gab im Polizeipräsidium Einblicke in seine Arbeit als Rechtsmediziner und räumte mit Falschdarstellungen im TV auf.

Im Fernsehen sind die Forensiker immer ein bisschen verschroben oder haben ihr Mittagessen direkt neben der geöffneten Leichestehen. Alles Blödsinn berichtet Professor Dr. Marcel Verhoff.

Von MARCEL EHRIG und NADJA FELDLE

Kassel. Professor Dr. Dr, Karl Friedrich Boerne ist wohl der bekannteste Rechtsmediziner Deutschlands – zumindest im deutschen Fernsehen. Schauspieler Jan Josef Liefers spielt dann im Tatort den arroganten und besserwisserischen Rechtsmediziner, der mit seinem Münsteraner Partner Frank Thiel Fälle aufklärt. In der Realität gehört dagegen Professor Dr. Marcel Verhoff zu den renommiertesten Rechtsmedizinern („Knochen haben es mir schon ein bisschen angetan“). Arrogant oder besserwisserisch trat Verhoff jedoch nicht auf, als er auf Einladung des Vereins Bürger und Polizei im Polizeipräsidium Nordhessen über seinen Job als Rechtsmediziner berichtete. Während seines Vortrags ging es oftmals um den Unterschied, wie sein Berufsstand im Krimi dargestellt wird und wie er in der Realität tatsächlich ist. Der Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts der Uni Frankfurt berät daher nicht nur Krimiautoren, sondern setzt sich auch für ein authentisches Bild auf der Mattscheibe ein. In den Räumen, in denen Verhoff sonst Leichen seziert, werden regelmäßig Szenen des Frankfurter Tatorts gedreht.

So realistisch ist es im TV 

Im Fernsehen ermittelt der Rechtsmediziner gerne mal mit dem Kommissar, kniet lässig neben der Leiche oder isst während der Arbeit ein Mettbrötchen. „Das ist natürlich Quatsch“, sagt Prof. Marcel Verhoff. „Wir ermitteln nicht auf eigene Faust und es gibt auch keine Teams aus Ermittler und Rechtsmediziner. Im Film knien die Schauspieler neben der Leiche, damit beide gleichzeitig im Bild sind. Ein ‚echter‘ Rechtsmediziner würde das nicht auch – und außerdem wäre er von oben bis unten verhüllt. Dieser Schutzanzug mit Maske kommt aber im TV auch nicht vor, da man die Schauspieler dann nicht erkennen würde. Welches Klischee schon nachgelassen hat, aber ab und an doch noch zu sehen ist, ist ein essender Forensiker. Aber: Während der Arbeit wird nicht gegessen. Obwohl man nach getaner Arbeit vom Fußboden essen könnte, so viel Desinfektionsmittel wie hier verbraucht werden.“

Die Leichen im TV

Leiche ‚spielen‘ klingt verlockend, doch als TV-Leiche kommt nicht jeder in Frage. „So ein Aluminiumtisch ist sehr kalt, weswegen es schwer fällt, länger dort eine Leiche zu mimen“, sagt Verhoff. Der Trick: Man legt eine auf die Person zugeschnittene Isomatte auf den Tisch – so wird es nicht ganz so kalt. Allerdings muss man sehr flach atmen und still liegen. Bei manchen Menschen sieht man am Hals aber die Pulsschlagader: „Diese Personen sind als Leiche völlig ungeeignet – als Filmleiche meine ich natürlich!“

Die Rechtsmedizin im TV

Lange arbeiteten die Rechtsmediziner im Hintergrund, kaum jemand wusste, was sie so machen und wie wichtig ihre Aufgabe ist. Um die Jahrtausendwende wurden dann mehrere Rechtsinstitute geschlossen. Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin wurde ihr eigener PR-Berater und beschloss, mehr an die Öffentlichkeit zu gehen und über ihren Beruf aufzuklären. „Die Rechtsmedizin macht ihre Arbeit im Verborgenen. Erst nach den Schließungen jedes dritten Instituts reagierte man und zeigte mehr Einblicke in die Arbeit.“ Seither boomt die Nachfrage und kaum ein Film-Tatort kommt mehr ohne die Rechtsmedizin aus – auch wenn in Wahrheit nicht alles so läuft, wie es auf der Mattscheibe den Anschein hat.

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