Köstliches Villenviertel: Erste 'EssKulTour' startete am Mulang

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Dr. Bettina M. Becker (li.) auf historischer Spurensuche: Ende des 19. Jahrhunderts hat diese erhaltene Neorenaissance-Villa Gustav Henkel bewohnt. Er gründete die Herkulesbahn und eröffnete 1896 mit dem Palmenbad Kassels erstes Hallenbad.

Aufgrund der Corona-Lockerungen durften nicht nur zahlreiche Restaurants öffnen, mit den 'EssKulTouren' können sich Kulturinteressierte auch wieder auf kulinarische Stadtteilspaziergänge begeben.

Kassel. Zucker und Zimt rieseln auf hessischen Schmandkuchen. Neben Apfelstreuselschnitten bereitet er einer zehnköpfigen Besuchergruppe im Hotel Palmenbad die erste von vielen Gaumenfreuden an diesem Tag. Nach den Corona-Beschränkungen darf das geschichtsträchtige Hotel im Stadtteil Bad Wilhelmshöhe nicht nur wieder seine Restauranttüren öffnen, es kann unter strengen Hygieneauflagen endlich auch wieder Tourpartner der ‚EssKulTour‘ sein – Kassels beliebtem kulinarischen Stadtteilspaziergang. Nichts darf allerdings auf den weit voneinander entfernten, desinfizierten Restauranttischen stehen, auch keine Dekoration.

„Dadurch herrscht keine schöne Atmosphäre. Trotz allem sind wir morgen aber ausgebucht, weil viele Gäste große Sehnsucht haben“, erzählt Palmenbad-Betreiber Daniel Pahl. Sehnsucht hatte vor allem auch Kulturwissenschaftlerin, Dozentin und Autorin Dr. Bettina M. Becker. Seit fünf Jahren lässt sie bei ihren ‚EssKulTouren‘ längst verschwundene Gebäude und vergangene Zeiten aufleben und besucht mit den Teilnehmenden Cafés, Bistros und Traditionslokale eines jeweiligen Stadtteils. So auch das Boutiquehotel Palmenbad während ihrer Tour durch Bad Wilhelmshöhe und die Villenkolonie Mulang.

Da Gastronomen öffnen dürfen, führt Dr. Bettina M. Becker endlich wieder ihre ‚EssKulTour‘-Gäste ins Hotel Palmenbad von Betreiber Daniel Pahl (re.)

„Es ist ein großes Glück, dass unsere Touren nach der langen Pause wieder stattfinden dürfen und, dass heute auch dieses kleine, sehr alte Hotel öffnen darf“, sagt die selbstständige Tourführerin erleichtert. Um jeden Preis hätte sie versucht, ihre kulinarischen Spaziergänge weiterhin anzubieten, „Ohne die Corona-Soforthilfe hätte ich das sicherlich nicht geschafft“, betont Dr. Bettina M. Becker. Im Gegensatz zu privaten Spaziergängen, die in größerer Personenanzahl weiterhin untersagt sind, gelten die ‚EssKulTouren‘ als Veranstaltung und sind vom Ordnungsamt genehmigt worden. „Abstand können wir in der schönen Villenkolonie am Mulang genug halten, die Hygieneauflagen sind auch problemlos einzuhalten und Veranstaltungen bis 100 Gäste dürfen stattfinden“, sagt Dr. Bettina M. Becker.

Sonst reicht die Kulturwissenschaftlerin Originalpostkarten und Schwarz-Weiß-Fotografien herum, aktuell präsentiert sie die eindrucksvollen Zeitdokumente jedem einzeln und mit zwei Armlängen Abstand. Neu sind auch das kleine Mikrofon und der Lautsprecher an ihrem Gürtel, damit die Tourführerin durch den Mundschutz gut zu verstehen ist. Die selten stattfindende ‚EssKulTour‘ am Mulang hat Dr. Bettina M. Becker auf Basis von Erzählungen einer besonderen Dame konzipiert – der Tochter des Obergärtners des alten Palmenbads. „Zu Beginn der 1930er Jahre hat sie selbst noch die Reste von Kassels erstem Hallenbad gesehen“, erklärt Dr. Bettina M. Becker fasziniert.

Dutzende Pensionen, Hotels und Cafés lockten noch vor 100 Jahren am Rande des Weltkulturerbes Bergpark Adlige, Industrielle und Erfinder ins Viertel. Und so wandeln die Geschichtsfans heutzutage auf den Spuren des ehemaligen Kurhauses, erfahren wo Joachim Ringelnatz und Marlene Dietrich gefeiert haben und genießen Pizza beim Italiener A Qua oder Ahle Wurscht im Garten der Villa Schmidtmann, deren Erbauer die Villenkolonie 1880 gegründet hat.

Genießen Ahle Wurscht und ein kühles Bier im Garten der Villa Schmidtmann: Helga und Helmut Krug aus Baunatal.

Restlos begeistert sind Helga und Helmut Krug aus Baunatal. Angst vor einer möglichen Infektion während des Spaziergangs hat das Ehepaar nicht: „Ich habe schon um die Tour gebangt und bin froh, dass sie stattfindet. Draußen ist das doch alles kein Problem und Abstand halten ist das wichtigste“, sagt Helga Krug, die ihrem Ehemann den Kulturgenuss im Herbst zum Geburtstag geschenkt hatte.

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