Kommentar einer freien Hebamme

Kommentar einer freien Hebamme zum Thema "Gewalt in der Geburtshilfe"

"Ich bin seit 20 Jahren freiberufliche Hebamme und betreue inzwischen nur noch ausserklinische Geburten. Sowohl während meiner Ausbildung, als auch in den ersten Berufsjahren habe ich jedoch in verschiedenen Kliniken gearbeitet, davon ca. 10 Jahre als Beleghebamme in 1:1 Betreuung. Ich habe nur sehr selten reguläre Dienste übernommen.

Gesehen habe ich dort in den unterschiedlichsten Kreißsälen Vieles, zu viel, was mir und meiner Seele nicht gut tat, wodurch es mir inzwischen nicht mehr möglich ist, in einem solchen zu arbeiten.

Ich halte es nicht mehr aus, wenn Frauen vaginal untersucht werden, ohne dass sie vorher um Erlaubnis gefragt werden. Dass ihnen die Untersuchung weh tut, weil jemand diese unsensibel, hektisch und in Eile ausführt. (Das Tasten nach dem Muttermund ist in unreifem Zustand in der Regel unangenehm und meistens auch ohne Konsequenz - warum dann diese Übergriffigkeit? Wenn ich in der Klinik nach einer Untersuchung angab, nichts tasten zu können, hieß es manchmal:  Du musst Dich mehr durchsetzen bei der Frau!).

Manchmal kommt fremdes Personal in den Geburtsraum und untersucht die Frau vaginal, ohne sich überhaupt vorzustellen. Auch das ist höchst übergriffig und würdelos für die Frau. Jede Stunde oder alle 2 Stunden routinemäßig vaginal zu untersuchen, ohne Indikation, nur weil es Standard ist, ist übergriffig. Es gibt andere Mittel, um einen Geburtsfortschritt zu erkennen.

Häufig ist ein Geburtsfortschritt (bei Geburten ohne Medikamenteneinfluss) erkennbar durch die Mitteilung der Frau über Art und Lokalisation des Schmerzes, über das Beobachten der Purpurnen Linie, der Gesichtsfarbe (weißes Nasen-Mund-Dreieck), die empfundene Körpertemperatur der Gebärenden (erst frieren, dann schwitzen), Stimmungsschwankungen, Zittern vor Anstrengung, Zeichnungsblutung. Als freiberufliche Hebamme sind die meisten dieser Anzeichen leichter zu beobachten und zu deuten, weil ich die Frauen kenne.

Geburtseinleitungen nach Standard sind häufig extrem schmerzhaft. Die Scheide der Frau fühlt sich nach dem Legen einer Tablette in den Gebärmutterhals sehr oft wund an. Zu diesem Zeitpunkt wieder und wieder vaginal untersucht zu werden, ist für manche Frau eine Folter. Kommt dann für die Frau der Schichtdienstwechsel hinzu, wird sie immer wieder von völlig fremden Menschen untersucht. Häufig erleben Frauen mit unreifem Befund eine Einleitung nach der anderen. Nach 2 Tagen unnützer Wehentätigkeit geben viele auf, wollen einen Kaiserschnitt, glauben nicht mehr an ihre Fähigkeit, zu gebären. Dabei hätten wir sie nur im Warten auf die eigene Wehentätigkeit unterstützen und aufklären müssen. Allerdings gibt es inzwischen Einleitungen über 7 Tage... Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dieses Kind kann noch nicht kommen.

Frauen erst weh zu tun, um ihnen dann zu sagen, sie hätten es ganz toll gemacht und draußen vor dem Kreißsaal mit den Augen zu rollen, weil das Verhalten der Frau in den Augen des Klinikpersonals nicht kooperativ war - und dies auch in den Akten so zu vermerken, ist schizophren. Wir müssen mit den hilfsbedürftigen Gebärenden kooperieren. Menschen in Abhängigkeit zu manipulieren, stellt für mich Machtmissbrauch dar.

Frauen haben allzu oft sexuelle Gewalt in ihrem Leben erfahren. Ein Nichtwahren der Intimsphäre, unsensible Untersuchungen, gewaltsames Auseinanderhalten der Beine, Entmündigen und nicht Ernstnehmen der werdenden Mütter unter der Geburt ist gelebte Gewalt, Retraumatisierung und eine Form der Unterdrückung von Frauen.

Wenn ein NEIN einer Frau nicht beachtet wird, sich einfach darüber hinweggesetzt wird, trotzdem vaginal untersucht wird, dann ist das sexuelle Gewalt. Oft werden Frauen unter Druck gesetzt, wenn sie sich gegen eine derartige Behandlung wehren wollen: Sie wollen doch nicht, dass Ihr Kind stirbt?

Eine Retraumatisierung unter der Geburt gestaltet nachhaltig die Beziehung zum Baby, welches wiederum in einer Abhängigkeitssituation von der Mutter ist. Wochenbettdepressionen und Kindesmisshandlung können dann  eine Folge dieser traumatischen Geburt sein.

Grundsätzlich bin ich froh, dass wir Kliniken haben. Ich möchte nicht alle Frauen in einer häuslichen Umgebung betreuen müssen. Schwangere mit Grunderkrankungen benötigen wahrscheinlich medizinische Hilfe unter der Geburt. Eine Schwangere ohne Grunderkrankung sollte in einer vertrauten Umgebung gebären können.

Hebammen werden allerdings in Deutschland fast ausschließlich in Kliniken ausgebildet. Häufig fehlen ihnen Wissen und Fertigkeiten für eine andere Geburtsbegleitung."

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