Mit Kreide gegen sexuelle Belästigung: Catcallsofkassel macht Fehlverhalten erhalten öffentlich

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Der Instagram-Account catcallsofkassel macht seit Mitte August auf erlebte Geschichten in Kassel aufmerksam und kreidet – im wahrsten Sinne des Wortes – das Fehlverhalten an.

Kassel. „Beweg deinen heißen Knackarsch für mich“ – hinterher gerufene Kommentare in der Öffentlichkeit, so genannte Catcalls, erleben viele Frauen im Alltag. Von Pfiffen, geraunten Bemerkungen, anzüglichen Blicken bis hin zu übergriffigen Verhalten ist die Bandbreite unanständigen Verhaltens sehr breit.

Der Instagram-Account catcallsofkassel macht seit Mitte August auf erlebte Geschichten in Kassel aufmerksam und kreidet – im wahrsten Sinne des Wortes – das Fehlverhalten an. Anonym kann man seine erlebten Vorkommnisse einschicken, der Account schreitet dann dort zur Tat, wo die sexuelle Belästigung stattgefunden hat. So finden sich schon Bilder aus der Innenstadt, aber auch aus dem ruhigen Bergpark Wilhelmshöhe. Was es damit auf sich hat erklärt die Initiatorin.

„Ich habe mit meinen Schwestern festgestellt, dass wir zu sehr eigenständigen und selbstbewussten Frauen erzogen wurden und wir uns so gut wie nie unsicher in der Stadt fühlen. Das ist super und sollte eigentlich normal sein. Leider ist es das nicht, viele – und das sind häufig Frauen – werden (sexuell) belästigt und haben Angst, nachts alleine oder in bestimmter Kleidung auf die Straße zu gehen“, berichtet die 25-jährige Laura Winter, die hinter dem Account steckt.

„Leider kann man auf Catcalls nicht wirklich reagieren, da sie einen Menschen zum Objekt degradieren: entweder man konfrontiert den Catcaller oder ignoriert es. Ersteres ist meist gefährlich (Altersunterschied, Kräfteverhältnis, Anzahl der Beteiligten), letzteres unterstützt diesen Alltagssexismus. Um sich dennoch zu wehren, gibt es die Möglichkeit, sich an Catcallsofkassel zu wenden. Ich kreide dann die Sprüche dort an, wo es passiert. Das macht einmal das respektlose Verhalten im öffentlichen Raum sichtbar, verdeutlicht den Opfern, dass sie nicht alleine sind und sensibilisiert im Allgemeinen für das Thema Alltagssexismus“, so die engagierte Kasselerin.

Der Account ist inspiriert von der Catcall-Bewegung aus New York und mittlerweile gibt es zahlreiche Profile, die die Notwendigkeit, auf den Alltagssexismus aufmerksam zu machen, verdeutlichen.

KOMMENTAR von Nadja Feldle: Fehlverhalten "ankreiden"

Vor fast zwei Jahren ist die „MeToo“-Bewegung ins Leben gerufen worden, seither kämpfen Frauen vereint gegen Sexismus, Übergriffe und für mehr Respekt. Der Weg ist noch weit – das zeigen auch die zahlreichen Catcall-Seiten in den sozialen Netzwerken. Auch die Kasseler Ausgabe ist erst seit vier Wochen aktiv, kann aber schon einige Geschichten von sexueller Belästigung erzählen. Das sind die vermeintlich „harmlosen“ Pfiffe oder Kommentare zum Rock, reichen aber bis zum Angebot, das Essen zu bezahlen, wenn die Frau ihm einen bläst... Lustig ist das nicht. Achtet man einen Tag bewusst darauf wie man behandelt wird, realisiert man die vielen kleinen bis großen Fehlverhalten – jeden Tag. Anzügliche Blicke ignoriert man in der Regel, auch primitive Pfiffe oder dumme Sprüche könnte man noch ignorieren – sollte aber schon hier eine Grenze ziehen. Wenn aber morgens der Transporterfahrer parallel zu meinem Fahrrad langsamer fährt, mir „Komplimente“ zubrüllt, grinst und dann so tut, als würde er sich einen runterholen, kann und will ich das nicht hinnehmen. Dann muss er mit einer Reaktion meinerseits rechnen und sollte sich nicht anschließend darüber beschweren. „Das war doch nur Spaß“ gilt als Ausrede nicht mehr, denn mittlerweile sollte auch der primitivste Neandertaler mitbekommen haben, dass Frauen sich nicht mehr alles gefallen lassen – und männliches Fehlverhalten zukünftig „angekreidet“ wird.

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