Kriseninterventionsdienst: Erste Hilfe für die Seele

Zuhören, reden, handeln: Karl Heinz Uthof (mi.) und Jens Thumser (re.) vom Kasseler Kriseninterventionsteam stehen Angehörigen – wie in dieser gestellten Szene – nach der Überbringung einer Todesnachricht bei. Zu ihren Klienten gehören auch Zeugen und Ersthelfer nach schwerem Verkehrsunfällen. Foto: Soremski
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Zuhören, reden, handeln: Karl Heinz Uthof (mi.) und Jens Thumser (re.) vom Kasseler Kriseninterventionsteam stehen Angehörigen – wie in dieser gestellten Szene – nach der Überbringung einer Todesnachricht bei. Zu ihren Klienten gehören auch Zeugen und Ersthelfer nach schwerem Verkehrsunfällen. Foto: Soremski

Ein Unfall erzeugt nicht nur körperliche Verletzungen und Sachschaden. Auch die psychische Belastung für Helfer, Beteiligte und Angehörige ist groß.

Kassel. Das Schicksal schlägt plötzlich zu. Unerbittlich. Hart. Eine noch Sekunden vorher fröhliche Reise mit dem Wohnmobil in den Urlaub endet schrecklich. In Trümmern, Blut und Tränen. So wie im Sommer dieses Jahres, als auf der Autobahn 7 zwischen Guxhagen (Schwalm-Eder) und Kassel-Süd eine 53 Jahre alte Frau, ihr gleichaltriger Mann und die elfjährige Tochter ums Leben kamen. Sie hatten  am Stauende gestanden, als ein Lastwagen in das Stauende raste.

Ein Einsatz, der an den Rettungskräften nicht spurlos vorbei geht. Und nach dem Wegräumen der Trümmer längst nicht beendet ist. Die zweite Tochter der Familie, eine 15-jährige, war bereits früher aus dem Urlaub zurückgekehrt und weilte zum Zeitpunkt des Unglücks bei ihrer Oma in Nordrhein-Westfalen. "Ein klassischer Fall für die Mitarbeiter eines Kriseninterventionsteams vor Ort",  sagt Jens Thumser. Der 45-Jährige Unternehmer arbeitet seit vier Jahren im Kriseninterventionsdienst (KID) unter dem Dach des Deutschen Roten Kreuzes und ist Leiter der Bereitschaft.Wichtig sei es, Angehörige möglichst schnell nach Bekanntwerden einer belastenden Nachricht aufzusuchen.  Daher werden die Mitglieder des zwölfköpfigen Kasseler Teams auch direkt von Rettungskräften oder Polizei alarmiert – die Einsatzzeiten können so auch mal mitten in der Nacht sein.  "Es ist durchaus möglich, dass wir schon beim Überbringen der Todesnachricht an der Seite der Polizei dabei sind", sagt Jens Thumser. Etwa zwei Stunden dauert ein regulärer Einsatz.

"Wir animieren die Menschen in der Zeit, ihre innere Stärke zu aktivieren", so Thumser über das Ziel der KID-Arbeit. Zudem helfe man mit alltäglichen Dingen, die emotionale Ausnahmesituation zu entspannen. "Etwas trinken, die nächsten Schritte erklärt bekommen – das kann schon helfen", weiß Karl Heinz Uthof (61). Der selbstständige Versicherungsfachmann aus Kassel nennt daher auch ein hohes Maß an Geduld und Einfühlungsvermögen als auch die Fähigkeit, sich schnell auf neue Situationen einstellen zu können, als  wichtige Eigenschaften für ein Teammitglied.

Warum  hat er sich dem KID-Team angeschlossen? "Die Betroffenen befinden sich nach einem Unglück in einer Krise. Die größte Herausforderung für mich in allen KID-Einsätzen besteht darin, mit der jeweiligen Person in Kontakt zu kommen um für diese wieder eine gewisse Stabilität aufzubauen. Da jeder Mensch unterschiedlich auf eine Krisensituation reagiert, ist das für mich die immer wieder neue Herausforderung."

Auch die eigene Belastbarkeit ist bei 60 bis 80 Einsätzen jährlich, immer im Zweier-Team, ein Thema.Jens Thumser: "Bei allem Fokus auf die Betroffenen dürfen wir bei unserer Arbeit auch den professionellen und achtsamen Blick auf uns und unser Team nicht vergessen, damit aus Einsätzen keine belastenden Ereignisse für die ehrenamtlichen Mitarbeiter werden."

Mitarbeit im KID-Team

Krisenintervention ist eine präventive Maßnahme, die einer posttraumatischen Belastungsstörung entgegenwirken soll.  Alle Mitarbeiter im Kriseninterventionsdienst kommen aus unterschiedlichen Berufen und sind ehrenamtlich im DRK tätig.Die grundlegende Ausbildung beinhaltet Wissen über Stressverarbeitung und Traumatisierung. Sie vermittelt Techniken der Gesprächsführung und Wahrnehmungskompetenzen aus medizinisch-psychiatrischer Sicht und klärt den ethischen Umgang mit Bestattungs– und Trauerritualen.Zur ständigen Qualitätssicherung der Arbeit erfährt das Team Weiterbildungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten durch Psychologen und Mentoren verwandter Fachdisziplinen.

Wer das Kriseninterventionsteam mit seinem aktiven Engagement unterstützen möchte, sollte mindestenss 25 Jahre alt sein und über soziale Kompetenz verfügen.  Einen Info-Abend für Interessierte aus dem Altkreis Kassel bietet der Kriseninterventionsdienst (KID) am 1. November um 19 Uhr im DRK-Haus im Königstor 24 an.Info und Anmeldung unter kid-info@drk-kassel.de

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