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Künstlerfreiheit bleibt bestehen: Wirbel um Antisemitismus-Vorwurf an documenta-Kollektiv

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Von: Rainer Hahne

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Kämpfen für die Freiheit der Kunst: Oberbürgermeister Christian Geselle und Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta. Im Bild im Gespräch mit EXTRA TIP-Chefredakteur Rainer Hahne (re.).
Kämpfen für die Freiheit der Kunst: Oberbürgermeister Christian Geselle und Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta. Im Bild im Gespräch mit EXTRA TIP-Chefredakteur Rainer Hahne (re.). © Foto: Harry Soremski

Kulturstaatsministerin wollte externen Beirat – Vorhaben gekippt!

Kassel Offiziell beginnt die documenta fifteen erst im Juni. Inoffiziell geht es schon los. Erstes Thema: Antisemitismus. Den wirft das Kasseler „Bündnis gegen Antisemitismus“ (BGA) der Gruppe „Question of Founding“ vor.

Die palästinensische Gruppe habe zum Boykott Israels aufgerufen. Hessens Ministerin Angela Dorn und die Kulturstaatsministerin Claudia Roth hatten gefordert, der documenta-Aufsichtsrat müsse einen unabhängigen Expertenrat damit beauftragen, die Vorwürfe zu überprüfen. Für Oberbürgermeister Christian Geselle, für den die Verteidigung der künstlerischen Freiheit eine der wichtigsten Aufgaben ist, kommt das überhaupt nicht infrage: „Die Freiheit der Kunst ist die wichtigste Voraussetzung für die Existenz und weltweite Bedeutung der documenta. Ohne dies ist alles nichts und vor allem keine documenta in Kassel. Eine Überprüfung oder gar einen Eingriff in die künstlerische Freiheit darf es nicht geben.“

Mit einer eindringlichen Mahnung haben sich auch die ehemaligen Oberbürgermeister Wolfram Bremeier, Hans Eichel und Bertram Hilgen in die Diskussion eingebracht. Sie bringen immerhin zusammen die Erfahrung aus vierzig Jahren erfolgreiche Documenta-Geschichte mit. „Wir warnen eindringlich vor dem Versuch, die künstlerische Freiheit des Kuratorenteams anzutasten. Wir sehen mit Sorge Bestrebungen, den politisch besetzten Aufsichtsrat mit der Bewertung von Teilen des künstlerischen Konzepts der documenta-Macher zu beauftragen.“

Die Einzigartigkeit der documenta hänge fundamental von der unantastbaren künstlerischen Freiheit des Kurators ab. Die Politik müsse sich jeglicher Bewertung und Einflussnahme auf die Kunst enthalten. Die Grenze der künstle-

rischen Freiheit sei ausschließlich das Recht, nicht die Politik. Diese jahrzehntelange Praxis stehe jetzt offensichtlich auf dem Spiel. „Wenn das Land diesen Grundsatz infrage stellt, wird die Axt an die Wurzeln der documenta gelegt.“ Jede documenta lebe von der strittigen Auseinandersetzung. Die früheren Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzenden ermutigen Ruanrupa, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Es zeigt sich mal wieder, dass der Kasseler Oberbürgermeister als Aufsichtsratsvorsitzender der zentrale Garant der künstlerischen Freiheit der documenta-Macher war, ist und bleibt.“

Ruanrupa hat mittlerweile zu den Antisemitismus-Vorwürfen Stellung bezogen: „Die documenta fifteen macht sich mit keiner politischen Bewegung gemein, betont aber das Recht aller Menschen, sich für ihre Rechte und gegen Diskriminierung einzusetzen.

Grundlage der documenta fifteen ist die Meinungsfreiheit einerseits und die entschiedene Ablehnung von Antisemitismus, Extremismus, Rassismus, Islamophobie und jeder Form von gewaltbereitem Fundamentalismus andererseits. Das Recht aller Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben in Frieden, Würde und Sicherheit ist für das Team der documenta fifteen elementar.“

Gegen externe Eingriffe in den künstlerischen Freiraum verwehrt sich die documenta fifteen ausdrücklich, genauso wie ihre Vorgänger. Geplant ist ein internationales Expertenforum, um das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie zu diskutieren.

Interessant: Weder die jüdische Gemeinde in Kassel, noch der Antisemitismusbeauftragte des Landes sahen bisher antisemitische Tendenzen bei der documenta.

Die Partei die LINKE hat sich ausdrücklich von dem „Bündnis gegen Antisemitismus“ distanziert: „Die Art, Ruanrupa anzugreifen, ist inakzeptabel. Die Kritik des Bündnisses, das nur aus Einzelpersonen besteht, beruht lediglich auf ideologischen Überzeugungen. Wir begrüßen den Austausch zwischen israelischen und palästinensischen Gruppen.“

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