Laien-Reanimation: Feuerwehr rettet per Telefon Menschenleben

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Die glückliche Familie und der Retter: (v. li.) Benjamin Frede, Marion und Karl K. und ihre drei Kinder Fiona, Micha und Piet.

Es war ein Sonntagmorgen, als sich das Leben einer fünfköpfigen Familie schlagartig verändert hat. Denn Marion K. rettete ihrem Mann Karl das Leben.

Kassel. Nichts ahnend lag Marion K. am Muttertag neben ihrem Mann im Bett. Dass sie heute ihrem Mann das Leben retten würde, damit hatte sie natürlich nicht gerettet. „Es hörte sich bedrohlich an, so wie er atmete, da habe ich versucht, ihn wachzurütteln – vergeblich”, beschreibt sie die Situation. „Sein Gesicht war ins Kissen gedrückt und er röchelte hinein. Sein Körper war verkrampft und seine Augen waren geschlossen. Es schien, als wäre er völlig weggetreten”, erinnert sich Marion K. zurück.

Sie rief den Notruf. Währenddessen hatte die Atmung ihres Mannes komplett ausgesetzt. An der anderen Seite der Leitung meldete sich Benjamin Frede, er ist seit viereinhalb Jahren Einsatzsachbearbeiter der Leitstelle in Kassel. Seine Diagnose: Kreislaufstillstand. Er begann umgehend per Telefon mit der sogenannten angeleiteten Laien-Reanimation. Er forderte Marion K. zunächst auf, ihren Mann auf den Boden zu legen. Die zehnjährige Fiona half ihrer Mutter dabei. „Allerdings war es aufgrund der Körperstarre beziehungsweise der Verkrampfung sehr schwer”, meint die dreifache Mutter. Um herauszufinden, ob ihr Mann noch eine Chance hat, musste die 45-Jährige seinen Kopf überstrecken. Dabei wird die eine Hand an das Kinn und die andere an die Stirn gelegt. Danach wird der Kopf soweit es geht überstreckt. Funktioniert das nicht mehr, ist die Person bereits tot. Da dies bei Karl K. allerdings gelang, gab es noch Hoffnung. Also erklärte Frede Marion K., wie eine Herzdruckmassage geht und wies sie danach an, damit zu beginnen.

„Mir wurde bewusst, dass es noch nicht vorbei war und es immer noch um Leben und Tod ging, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass er wieder atmete.” Benjamin Frede erkannte jedoch, dass es sich dabei um eine Schnappatmung handelte, auf die oft ein Atemstillstand folgt. Bis zur Ankunft des Rettungswagen blieb der Einsatzsachbearbeiter der Leitstelle am Telefon und damit an der Seite von Marion K. „Etwa zehn Minuten lang reanimierte ich meinen Mann mit der Herzdruckmassage, ehe der Rettungsdienst kam. Das kostet sehr viel Kraft”, so Marion K. „Es war wie in einem Film. Ich habe nur noch die Anweisungen am Telefon befolgt. Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht”, sagt sie heute.

Nachdem der Rettungswagen kam, übergab Marion K. die Reanimation ihres Mannes an die Rettungskräfte. Die Mutter und Ehefrau war nur noch Beobachterin. Die Stabilisierung ihres Mannes dauerte schließlich 15 Minuten. Im Krankenhaus wurde er in ein künstliches Koma versetzt. Sechs Tage lebte die Familie in Ungewissheit. „Die schlimmste Zeit für uns war die Zeit des Wartens“, sagt Marion K., „wird er wieder wach? Wird er bleibende Schäden davon tragen?” Doch dank der Hilfe von Benjamin Frede und der Bewahrung eines kühlen Kopfes bei Marion K. hat ihr Mann den Kreislaufstillstand gut überstanden. „Ich fühle mich wieder sehr gut. Ich bin zwar noch nicht wieder bei 100 Prozent, aber es wird immer besser”, meint der 47-Jährige, sichtlich glücklich darüber, dass er eine zweite Chance bekommen hat.

Marion K. will die Menschen ermutigen, in einer Notsituation die 112 zu wählen und die Anweisungen des Einsatzsachbearbeiters zu befolgen. „Es sind nur wenige Schritte, einem Menschen das Leben zu retten. Man braucht keine Angst davor zu haben!”

Laien-Reanimation: Leben retten kann jeder

Reanimation: Sanitäter versorgen einen Notfallpatienten.

Der letzte Erste Hilfe Kurs liegt schon Jahre zurück und für eine Auffrischung findet sich keine Zeit? Viele wüssten in einer Notsituation nicht, was zu tun ist. Deswegen hat die Feuerwehr Kassel die angeleitete Laien-Reanimation, eine telefonische Anleitung der Leitstellendisponenten, in der Stadt und im Landkreis initiiert. Leitstellendisponenten werden dafür extra geschult. „Grundidee der Laien-Reanimation ist es, die Wiederbelebungsergebnisse in der Region zu verbessern”, sagt Torsten Müller, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Kassel. Hilft man in den ersten wichtigen Minuten, kann das einem Menschen das Leben retten. Darauf zielt die angeleitete Laien-Reanimation ab. Der Disponent kann demjenigen, der den Notruf gewählt hat, am Telefon erklären, was zu tun ist. „Als Einsatzsachbearbeiter muss man versuchen, sich in den Ort hineinzuversetzen, um so gut es geht helfen zu können”, sagt Benjamin Frede. Als Leitstellendisponent hat Frede schon einige Jahre an Erfahrung vorzuweisen. Zuerst muss festgestellt werden, um welche Art von Notfall es sich handelt. Anschließend erklärt der Disponent, was zu tun ist und verständigt den Notarzt. Bei einer Herzdruckmassage muss beispielsweise 100 Mal pro Minute auf die Mitte der Brust, etwa fünf bis sechs Zentimeter tief gedrückt werden. „Wenn es knackt oder etwas bricht, ist das nicht schlimm. Das ist normal”, beruhigt Torsten Müller diejenigen, die sich darum sorgen. Niemals sollte eine Reanimation beendet werden, wenn man den Rettungswagen sieht oder hört. Erst wenn die Rettungskräfte direkt übernehmen, kann man aufhören. Wenn der Kreislaufstillstand einer Person beobachtet wird, hat diese eine gute Chance zu überleben. „Wichtig ist auf jeden Fall, die 112 in Notfällen zu wählen. Da findet man schnelle und kompetente Hilfe”, sagt Frede abschließend.

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