Leben mit HIV: Diskriminierung noch immer an der Tagesordnung

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Kassel. Europas größte HIV-Selbsthilfekonferenz findet ab Donnerstag in Kassel statt. Wir sprachen mit einem Bertroffenen Vorurteile und Ängste.

Kassel. Unter dem Motto "Wir machen uns stark! Und du?” findet vom 21. bis 24. August Europas größte HIV-Selbsthilfekonferenz im Kulturbahnhof Kassel statt. Der EXTRA TIP sprach im Vorfeld mit Andrea Görmer, Geschäftsstellenleiterin der Aids-Hilfe Kassel, und Olaf Rothe, der selbst HIV-positiv ist, über das Leben mit der Krankheit und Diskriminierung im Alltag.

Herr Rothe, Sie bekamen 1991 die Diagnose HIV. Hat sich der gesellschaftliche Umgang mit der Krankheit seitdem geändert? Rothe: Ja, allerdings nicht unbedingt zum Besseren. Die Diskriminierung ist heute meist unterschwellig. "Wer zahlt denn überhaupt Deine Medikamente, damit es Dir so gut geht?” ist eine der harmloseren Fragen, die ich mir anhören muss.

Laut einer Umfrage unter HIV-Positiven aus dem Jahr 2012 gaben 77 Prozent an, schon einmal Diskriminierung erlebt zu haben, unter anderem beim Arzt. Haben auch Sie negative Erfahrungen gemacht? Rothe: Ich habe erlebt, dass auf meiner Krankenakte ein dicker, roter Stempel mit "HIV” prangte. Und es ist noch immer so, dass viele unserer Klienten beim Zahnarzt den letzten Termin des Tages bekommen, damit danach auch ordentlich desinfiziert werden kann. Da frage ich mich, ob man das bei anderen Patienten nicht macht. Ich habe ja auch den Anspruch, mir kein Hepatitis C zu holen.Görmer: Eine unserer Klientinnen, die positiv ist, war kürzlich in einem Pflegeheim zur Kurzeitpflege. Das Personal hatte einen roten Punkt an ihre Tür geklebt. Vergleichbar mit dem Judenstern im Dritten Reich. Unfassbar.

Gerade im Gesundheitswesen fehlt es also an Aufklärung? Görmer: Leider ja. Wir haben 2013 eine Umfrage im Bereich Pflege und Gesundheit gemacht. Mit dem Ergebnis, dass es noch große Wissenslücken gibt. Durch Schulungen versuchen wir, die Aufklärung voranzutreiben. Da die HIV-Kranken dank des medizinischen Fortschritts immer älter werden, müssen auch die Mitarbeiter von Seniorenheimen und Pflegediensten Bescheid wissen. Das Thema HIV und Alter wird immer wichtiger.

Warum müssen HIV-Positive, anders etwa als Krebskranke, mit so vielen Vorurteilen kämpfen? Rothe: Bei HIV schwingt immer die Schuldfrage mit. Es gibt die Unschuldigen, die sich durch eine Blutspende infiziert haben. Und es gibt die, die ungeschützten Sex hatten oder Drogen genommen haben und selbst Schuld sind.Görner: In den Köpfen ist bis heute: Einen Hirntumor bekommt man, HIV holt man sich.

Erleben Sie Diskriminierung eher von älteren Menschen? Rothe: Nein. Diskriminierung ist kein Generationen- sondern ein Bildungsproblem. Wer weiß, der hat keine Angst.

Sie setzen sich auch für Aufklärung und Prävention an Schulen ein. Wie gut sind die Jugendlichen heute über HIV informiert? Rothe: Oft habe ich das Gefühl, es hat sich nix getan. Nicht nur, weil Aids  noch immer Tod bedeutet, eine Schwulenseuche ist. Viele Teenies sind überrascht, dass man sich nicht durch Küssen oder auf der Toilette mit dem HI-Virus anstecken kann. Das macht mich immer noch fassungslos.

Keine Angst im Umgang mit HIV- oder Aids-Kranken, aber gleichzeitig keine Verharmlosung in Sachen Ansteckungsrisiko: Wie gelingt das? Görmer: Wir wollen nichts verharmlosen. Auch wenn es dank der Medikamente möglich ist, ein relativ normales Leben zu leben: Das HI-Virus ist noch immer eine chronische Krankheit.Rothe: Ich wünsche mir, dass  sich die Angst vor Aids zu einem respektvollen Umgang mit HIV wandelt.

+++ EXTRA INFO: HIV-Selbsthilfekonferenz ab Donnerstag +++

Die Positiven Begegnungen (PoBe), Europas größte HIV-Selbsthilfekonferenz, finden vom 21. bis 24. August im Kasseler Kulturbahnhof statt. Neben einer Podiumsdiskussion gibt es Workshops und  leicht verständliche Informationsveranstaltungen zu medizinischen Themen. Die Positiven Begegnungen finden alle zwei Jahre statt und werden von der Deutschen AIDS-Hilfe in Kooperation mit einer Vorbereitungsgruppe aus der Selbsthilfe organisiert.Das komplette Programm ist abrufbar unter www.positivebegegnungen.de

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