Lebenslang für falsche Ärztin

meike
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Das Foto entstand im Jahr 2012. Damals wollte Meike W. Bürgermeisterin von Bad Emstal werden, im Vorfeld der Wahl führten wir mit ihr ein Redaktionsgespräch.

Gericht spricht Meike S. schuldig: Für Mord in drei Fällen, versuchter Mord in zehn Fällen und Betrug

Kassel. Die falsche Ärztin von Fritzlar muss lebenslang hinter Gitter, das hat die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Kassel am Mittwoch entschieden.

Das Gericht verurteilte Meike S., die zur Tatzeit noch Meike W. hieß für Mord in drei Fällen, versuchten Mord in zehn Fällen sowie wegen Betrugs. Außerdem stellten die Richter die besondere Schwere der Schuld fest. Das heißt, dass die heute 51-Jährige nicht automatisch nach 15 Jahren aus dem Gefängnis freikommt.

Rückblick:

Im Oktober 2019 war die falsche Ärztin, die fast vier Jahre lang am Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar gearbeitet hatte, in Norddeutschland festgenommen worden. Dorthin war sie zwischenzeitlich verzogen, arbeitete an der Ostseeklinik Schönberg-Holm in Schleswig-Holstein. Die Liste der Vorwürfe, die man ihr nach ihrer Festnahme eröffnete, war lang: Unter anderem der Verdacht des Totschlags, der gefährlichen Körperverletzung, der Urkundenfälschung, des Betruges, des Missbrauchs von Titeln und des Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz.

Der Vorwurf, der am schwersten wog: Meike S. soll durch fehlerhafte Anästhesien in fünf Fällen den Tod von Patienten verursacht haben. In elf weiteren Fällen sollen Gesundheitsschäden eingetreten sein.

Rausgekommen war das Ganze weil der Landesärztekammer Schleswig-Holstein im Oktober 2018 aufgefallen war, dass Meike W. – wie sie damals noch hieß – bei ihrer Anmeldung als neues Kammermitglied eine gefälschte Arzt-Zulassung vorgelegt haben muss.

Zwischenzeitlich hatte Meike S. sogar zwei Doktortitel geführt: Den der Medizin, den sie nie erworben hatte, und den der Biochemie. Letzterer wurde ihr inzwischen aberkannt, weil sie abgeschrieben hatte.

Wollte Bürgermeisterin werden

2012 wollte Meike S. in Bad Emstal Bürgermeisterin werden – als Kandidatin der SPD. Allerdings erhielt sie nur 34,4 Prozent der Stimmen, Amtsinhaber Ralf Pfeiffer kam auf 59,5 Prozent und blieb Bürgermeister. Schon damals zeigte sie sich als schlechte Verliererin. Nach ihrer Niederlage sagte sie noch am Wahlabend: „Ich hatte gehofft, dass sich Bad Emstal für Intelligenz entscheidet. Mein Leben geht jetzt weiter, das von Bad Emstal nicht.“

Bei hunderten von Operationen dabei

Im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar war Meike S. mit gefälschter Zulassung bei hunderten Operationen dabei. Sie hat Betäubungsmittel falsch dosiert und Blutvergiftungen nicht behandelt. Mal hat sie zu langsam, mal gar nicht auf Komplikationen während der Narkose reagiert.

Die Richter haben jetzt gesagt, dass sie aus Angst, ihren Status als Ärztin zu verlieren den Tod von Menschen in Kauf genommen und nach Todesfällen sogar weitergemacht habe – und das alles aufgrund eines übersteigerten Geltungsbedürfnisses.

Zum heutigen Urteil der Schwurgerichtskammer des Kasseler Landgerichts erklärt Dirk Metz, Sprecher des Hospitals zum Heiligen Geist, Fritzlar: Die Vorgänge um die falsche Ärztin haben die Geschäftsführung und die Mitarbeiterschaft des
Hospitals zum Heiligen Geist tief betroffen gemacht und schwer erschüttert. Die Geschäftsführung hat mehrfach bekundet, wie sehr sie die Vorgänge bedauert und ihr Mitgefühl gegenüber Betroffenen ebenfalls öffentlich ausgesprochen.

Wir sind froh, dass das Verfahren, welches sowohl betroffene Patienten und deren Angehörige als auch die Geschäftsführung und Mitarbeiterschaft natürlich stark belastet hat, nunmehr mit der Verurteilung der Angeklagten zum Abschluss gekommen ist. Wir hoffen und wünschen insbesondere den Angehörigen der Opfer und jenen, die durch das Tun der falschen Ärztin geschädigt worden sind, dass sie das traurige Kapitel durch das heutige harte Urteil persönlich besser verarbeiten können.

Mit dem Urteil werden Taten bestraft, deren Ursache auf hohe kriminelle Energie der Angeklagten zurückzuführen ist. Die Verurteilte hat nicht nur die Klinik und ihre Kolleginnen und Kollegen und auch die Landesärztekammer getäuscht, sondern vor allem hat sie Patientinnen und Patienten in Lebensgefahr und nach Feststellung des Gerichts sogar zu Tode gebracht. An rund 50 Verhandlungstagen hat sie hierzu geschwiegen. Sie hat weder ihre Schuld eingestanden, noch Reue gezeigt und so die Chance vergeben, Patienten und deren Angehörige um Entschuldigung zu bitten. In dem komplexen, fairen und sehr langen Verfahren ist die Kammer zu einem Urteil gekommen, das allerdings kein Leid der Betroffenen gut machen kann.

Als Klinik haben wir die Forderung der Deutschen Stiftung Patientenschutz nach einem Zentralregister für Approbationen bei der Bundesärztekammer vehement unterstützt. Wir halten dies für zwingend geboten und fordern die Gesundheitsministerien von Bund und Ländern auf, diese Maßnahme endlich entschlossen umzusetzen, damit Kliniken über ein solches Zentralregister Täuschungsversuche sofort erkennen können.

Für ebenso wichtig und richtig halten wir den Appell der Landesärztekammer Hessen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Dokumente wie die ärztlichen Zulassungsurkunden fälschungssicher sein müssen. Eine Maßnahme, die in der Zuständigkeit der Approbationsbehörden der Länder liegt, aber bundeseinheitlich geregelt sein sollte.

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