Der letzte Schrei: Hebammen bangen um ihre Existenz

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Kassel. Freiberuflichen Geburtshelferinnen droht das Aus, weil niemand sie versichern will. Die Folgen sind auch für schwangere Frauen dramatisch.

Kassel. "Bitte leise sein, hier findet eine Geburt statt", steht auf dem Schild, das am Montagmorgen an der Eingangstür des Geburtshauses Kassel hängt. Ob hier im nächsten Jahr noch Babys das Licht der Welt erblicken werden, ist fraglich. Ab Juli 2015 gibt es   keine Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen mehr, dem Berufsstand droht das Aus. "Ohne Versicherung können wir nicht einmal mehr Wochenbettbetreuung anbieten, geschweige denn Geburtshilfe.  Das kommt einem Berufsverbot gleich", sagt Birgit Möller.

Rund um die Uhr im Einsatz für 8,50 Euro brutto die Stunde

Die 53-Jährige ist eine von acht freiberuflich tätigen Hebammen, die im Geburtshaus Kassel arbeiten. Rund um die Uhr sind sie für die Schwangeren erreichbar, geben Tipps, wenn die Beine geschwollen oder der Nabel des Babys nicht verheilt, helfen beim Baden oder beruhigen, wenn es mit dem Stillen nicht klappen will. Wissen, an dem es besonders jungen Müttern mangelt, weiß Hebamme Heidi Heimbs. "Heute leben Mutter und Oma oft weit weg, stattdessen wird gegoogelt. Unsere Erfahrung wird von den Familien dringend benötigt", so die 42-Jährige.

Nicht jede Frau will im Krankenhaus entbinden

100 Kindern haben sie und ihre Kolleginnen aus dem Geburtshaus im vergangenen Jahr auf die Welt geholfen, großen Kliniken kommen auf durchschnittlich 1.500 Geburten pro Jahr. "Die Frauen, die zu uns kommen, wollen ihr Kind nicht in der sterilen Atmosphäre eines Krankenhauses bekommen. Sie  wollen keine Nummer sein sondern individuell betreut werden", weiß Heidi Heimbs.

Ob die Schwangeren den Geburtsort in Zukunft noch frei wählen können, ist fraglich: Schon jetzt gibt es im Landkreis Kassel nur noch rund 130 freiberufliche Hebammen; einige haben bereits aufgehört, weil sie sich die Versicherungsbeiträge nicht mehr leisten konnten. "Zu uns kommen Frauen aus Rothenburg, Melsungen, Bebra oder Witzenhausen, weil sie im Umkreis einfach keine Hebamme finden", erzählt Birgit Möller. Miete, Benzinkosten und 5000 Euro Versicherungsbeitrag pro Jahr: Bei einem Stundenlohn von durchschnittlich 8,50 Euro brutto pro Stunde rechne sich das für viele Kolleginnen nicht mehr. "Da braucht man schon viel Idealismus", sagt Birgit Möller.  Hebamme sei ein toller Beruf, sagt die 53-Jährige. "Aber die Bedingungen sind leider hundsmiserabel."

Ob das Geburtshaus auch im nächsten Sommer seine Türen öffnen wird, wissen die Hebammen nicht. Heidi Heimbs hofft, dass die Politik die gesamtgesellschaftliche Relevanz der Diskussion erkennt. "Es geht hier nicht um einen Berufsstand, sondern um die Frage, wie Familien in Zukunft unterstützt werden sollen".  Auch Birgit Möller kann sich nicht vorstellen, in einem anderen Job zu arbeiten. "Jetzt muss sich jeder fragen, ob er uns Hebammen noch braucht. Oder ob es auch eine App tut".

 +++ Problem Haftpflicht +++

Die Kosten für die Haftpflichtversicherung freiberuflicher Hebammen sind in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbandes hat eine freiberuflich Hebamme im Jahr 2000 im Schnitt 400  Euro jährlich für die Haftpflicht gezahlt, 2004 waren es bereits 1.300 Euro, im Jahr 2014 sind es 5.000 Euro. Laut Hebammenverband  sind rund 3500 freie Hebammen betroffen; es gibt aber auch angestellte  Geburtshelferinnen, die eine eigene Haftpflichtversicherung benötigen, weil der Schutz ihres Arbeitgebers nicht reicht.

Mitte 2015 steigt die Nürnberger Versicherung aus, damit bleibt nur noch ein Versicherer übrig. Die Branche begründet ihren Rückzug mit den gestiegenen medizinischen Haftungssummen, falls ein Kind bei der Geburt zu Schaden kommt.

Ein Interview mit der Vorsitzenden des Hebammenlandesverbandes Hessen lesen Sie hier.

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