1. lokalo24
  2. Lokales
  3. Kassel

 „Lieber offene Gespräche statt offene Briefe“: Interview mit Oberbürgermeisterkandidatin Dr. Isabel Carqueville (SPD)

Erstellt:

Von: Ulf Schaumlöffel

Kommentare

Die Gewerkschafterin Dr. Isabel Carqueville will als Oberbürgermeisterkandidatin für die SPD Kassel ins Rennen gehen.
Die Gewerkschafterin Dr. Isabel Carqueville will als Oberbürgermeisterkandidatin für die SPD Kassel ins Rennen gehen. © Foto: Schulz

Wir wollten mehr über die Kasselerin wissen, die bereits schon mal Stadtverordnete war. Und trafen uns am Donnerstag Morgen mit ihr am Bahnhof auf dem Weg zur Arbeit.

Kassel Die Gewerkschafterin Dr. Isabel Carqueville will als Oberbürgermeisterkandidatin für die SPD Kassel ins Rennen gehen. Das gab die 38-Jährige am Mittwochabend während einer Sitzung des SPD-Unterbezirksausschusses bekannt. Wir wollten mehr über die Kasselerin wissen, die bereits schon mal Stadtverordnete war. Und trafen uns am Donnerstag Morgen mit ihr am Bahnhof auf dem Weg zur Arbeit. 

Frau Carqueville, nachdem der Oberbürgermeister sich von der SPD losgesagt hat, haben Sie sofort ihren Hut in den Ring geworfen. Was qualifiziert Sie für den Posten der Oberbürgermeisterin?

Ich will die Menschen in Kassel mit Inhalten und natürlich auch mit meiner Person überzeugen. Als Gewerkschafterin kämpfe ich in meinem Beruf jeden Tag für eine bessere Gesellschaft und arbeite dabei mit einer Vielzahl von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Aktiven zusammen. Deshalb stehe ich für eine Politik der ausgestreckten Hand. Ich bin es gewohnt, unterschiedliche Positionen zusammen zu bringen, und genau diese Erfahrung biete ich nun als Kassels zukünftige Oberbürgermeisterin an.

Es ist wirklich ein bisschen verrückt, was gerade passiert, nicht wahr? Als der Vorsitzende der Partei mich das erste Mal anrief, habe ich tatsächlich erst einmal gelacht und abgelehnt. Doch dann kam ich ins Grübeln. Ich fordere doch selbst als Gewerkschafterin, dass mehr fähige Frauen und Mütter in verantwortliche Positionen kommen. Es braucht also jemand, die den ersten Schritt macht. Die nach vorne geht und sagt, ja, ich kandidiere. Und deshalb habe ich den Vorsitzenden dann selbst angerufen und meine Kandidatur angekündigt für den Fall, dass Christian Geselle mit der SPD Schluss macht.

Ihr Mann ist als Pressesprecher der SPD Kassel aktiv. Es gibt Menschen, die sagen, das hat ein gewisses Geschmäckle.

Ich bin total stolz auf das Engagement meines Mannes. Im Frühjahr, als der Krieg in der Ukraine begann, hat man bei den Friedensdemos und der großen Spendensammlung auf dem Friedrichsplatz ja gesehen, dass es manchmal eben doch auf eine einzige Person ankommt, die es einfach mal anpackt und macht. Die nicht auf eine Einladung wartet. Und diese grundsätzliche Einstellung teile ich mit meinem Mann. Ich werde mich bestimmt nicht für das Engagement meines Mannes entschuldigen. Aber eins muss klar sein: Ich bewerbe mich um das Amt der Oberbürgermeisterin, nicht mein Mann.

Dennoch ist der Streit in ihrer Partei auch in der Öffentlichkeit ausgetragen worden. Welchen Einfluss hat das auf ihre Kandidatur?

Ich glaube wir müssen in diesem Streit zwischen dem Oberbürgermeister und seiner eigenen Partei mal einen Schritt zurücktreten. Es geht doch gar nicht darum, ob man für oder gegen eine Koalition ist. Wenn überhaupt, dann hat das mal wieder gezeigt, dass sich unsere Gesellschaft und auch unsere Partei verändert hat. Du kannst heutzutage nicht mehr einfach deinen Unterstützern bei jeder Entscheidung die Pistole auf die Brust setzen, um sie umzustimmen. Und du kannst nicht jahrelang damit argumentieren, dass mal wieder Krise herrscht. Du musst die Menschen versuchen zu überzeugen, dafür stehe ich als Oberbürgermeisterkandidatin.

Welche Position haben Sie in dem Streit in ihrer Partei?

Ich habe die Position, demokratische Entscheidungen zu respektieren. An dem Debatten-Klein-Klein hinterher war ich nicht beteiligt und werde ich auch nicht sein. Es geht doch letztlich um die Frage, soll die SPD mit einer eigenen Kandidatin antreten oder nicht? Und ich kann mir eben nicht vorstellen, dass eine Programmpartei wie die SPD bei der Oberbürgermeisterwahl ohne eigene Kandidatur ins Rennen geht.

Aber Christian Geselle hat doch gesagt, er ist als unabhängiger Kandidat weiterhin Sozialdemokrat.

Und er hat gesagt, er tritt nicht für die SPD an. Und er hat auch mehrmals gesagt, dass er mit der SPD nicht mehr weiter zusammenarbeiten kann. Ich glaube im Politikstil könnten Christian Geselle und ich nicht weiter voneinander entfernt sein. Ich stehe für offene Gespräche statt offener Briefe.

Und wofür stehen Sie inhaltlich? Was wollen sie als Oberbürgermeisterin erreichen?

Meine Schwerpunkte sind natürlich Arbeit und Bildung. Ich vertrete das Programm der SPD, dass uns auch in die Kommunalwahl geführt hat. Und darin geht es zuallererst darum, gegensätzliche Positionen miteinander zu vereinen. Zum Beispiel beim Thema Verkehr. Du kannst angesichts der Herausforderungen der Klimawende heutzutage nicht mehr eine einzige Verkehrsart bevorzugen und alle anderen ablehnen. Der Begriff Individualverkehr sagt ja schon, dass wir mehr als eine Seite beachten müssen. Deshalb will ich in den ersten 100 Tagen als Kassels Oberbürgermeisterin alle Parteien zurück an einen Tisch holen und einen Kasseler Verkehrsfrieden aushandeln, der deutlich länger als ein Jahr bestand hat, den auch eine Mehrheit der Menschen in Kassel unterstützen kann.

Sie sind zweifache Mutter, Gewerkschafterin, pendeln zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Kassel. Haben Sie auch mal Zeit für etwas anderes?

Ich glaube mir geht es da wie allen Müttern. Es gibt eine Phase, da machst du nichts anderes mehr als Job und Kind, selbst wenn du es dir gut aufteilen kannst in der Familie. Aber auch diese Zeit vergeht. Wenn ich heute dazu komme, sitze ich am liebsten an meinem Spinnrad oder stricke Mützen, Schals und ab und zu ein Kuscheltier.

Das klingt sehr entspannend.

Ist es auch. Und so ist das Pendeln auch nur noch halb so anstrengend. Vielleicht kann ich mit meiner Partei im Wahlkampf ja ein Gruppenstricken zusammen mit mir als Oberbürgermeisterkandidatin anbieten.

Vielen Dank für das Interview!

Auch interessant

Kommentare