In der Liebeshölle: Loverboys treiben Mädchen in die Prostitution

+
Bild aus dem ARD-Film „Ich gehöre ihm“: Tagsüber geht Caro zur Schule, nachmittags auf den Strich und abends ist sie pünktlich zum Abendessen zu Hause.

„Loverboys“ sind junge gutaussehende Männer, die Mädchen schöne Augen machen und sie dann zur Prostitution zwingen. Auch in Kassel gab es schon Fälle, die Dunkelziffer ist allerdings hoch und die Opfer meist eingeschüchtert.

Kassel. Er schmeichelt ihr, kauft ihr schöne Dinge und Klamotten, geht mit ihr schick essen und malt sich zusammen mit ihr eine tolle Zukunft aus. Die Masche der Loverboys ist gut durchdacht und viele junge Mädchen fallen auf die ihnen entgegengebrachte Liebe herein – anfangs. Doch einmal im Kreis der Loverboys gefangen, gibt es kein so schnelles Entkommen mehr. Denn aus dem anfänglich guten Benehmen, der meist ausländischen, ebenfalls sehr jungen, gutaussehenden Männer mit schnellen Sportwagen und teuren Uhren wird ein Mann mit Geldnöten – urplötzlich. Denn das gehört zur perfiden Masche der Loverboys.

Blind vor Liebe

Mit der rosaroten Brille vor den Augen wollen die Mädchen ihrer großen Liebe helfen. Schließlich möchten sie anerkannt und geliebt werden, von dem Mann, für den sie alles tun würden. Wirklich Alles. Prostitution eingeschlossen. Denn das ist es, womit die jungen Mädchen die angebliche Geldnot ihres Freundes begleichen müssen. Mit ihrer Würde, ihrem Mut und ihrer Lebensfreude. Gleichzeitig müssen sie ihr Leben außerhalb von Prostitution und Misshandlungen aufrecht erhalten: weiterhin gut in der Schule sein, Hausaufgaben machen und ihren Hobbies nachgehen – damit Angehörige bloß keinen Verdacht schöpfen, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmen könnte.

Die 15-jährige Caro verliebt sich in den charmanten 19-jährigen Cem. Was zunächst wie Caros großes Glück wirkt, entpuppt sich bald als Albtraum. Denn nachdem Cem ihr die große Liebe vorgaukelt, drängt er sie in die Prostitution. Der Film „Ich gehöre ihm“ und die dazugehörige Reportage sind in der ARD-Mediathek bis zum 30. November von 20 bis 6 Uhr verfügbar.

Erpressungen und Schläge

Doch sie werden auf den Strich geschickt, um Geld für ihren Freund, der jetzt ihr Zuhälter ist, zu verdienen. Mal prostituieren sie sich im Auto, mal in einem Hotelzimmer oder sie gehen mit dem „Kunden“ zu ihm nach Hause. Wenn sie sich dann von dem Loverboy loslösen wollen, weil sie merken, dass es nicht gut, nicht richtig ist, was sie hier tun, werden sie geschlagen und erpresst. Die Erpressung findet häufig mit Bildern und Aufnahmen statt, die heimlich von ihnen gemacht wurden. Nach dem Motto „Wenn du jetzt gehst, erfahren deine Familie und deine Freunde, wie du dich hier verkaufst“, werden die Mädchen unter Druck gesetzt. Aus Scham vor der eigenen Naivität und Dummheit trauen sich die betroffenen Mädchen nicht, zur Polizei zu gehen und eine Anzeige zu erstatten. Und damit ist der Teufelskreis geschlossen: Der Grund, weshalb die Dunkelziffer dieser Fälle so hoch ist und es immer mehr werden.

Angeklagter wurde freigesprochen

Gibt es diese sogenannten Loverboys auch in Kassel? Abwegig ist es leider nicht, immerhin ist Kassel eine Stadt wie jede andere. Auch hier wird vor Kriminalität nicht zurückgeschreckt. Der Verein Franka im Diakonischen Werk Region Kassel ist eine Fachberatungsstelle für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind. „Auch wir haben schon Betroffene betreut, die Masche hat es aber schon immer gegeben“, so Franka. Laut dem Verein gibt es keine seriösen Zahlen, vermutlich ist die Dunkelziffer aber sehr hoch.

„Den zuständigen Ermittlern des K12 der Kasseler Polizei ist ein älterer Fall aus den vergangenen Jahren bekannt. Der Angeklagte wurde jedoch später vor Gericht freigesprochen, sodass sich auch dieser Verdachtsfall letztlich nicht bestätigte“, erzählt Matthias Mänz, Pressesprecher und Polizeioberkommissar der Polizei Kassel. „Problematisch kann nach Einschätzungen der Ermittler sein, dass die Opfer von den Tätern meist emotional abhängig geworden sind und demnach eher nicht zu dem Schritt neigen, sich eigeninitiativ Hilfe zu holen oder Strafanzeige zu erstatten“, so Mänz weiter. „Angehörige können sich im Verdachtsfall an Hilfsorganisationen oder die Polizei wenden. In Kassel gibt es beispielsweise bei der Diakonie den Verein Franka für Opfer von Menschenhandel, die Kasseler Hilfe oder den Weißen Ring“, so Mänz abschließend.

 

Extra Info: Der Loverboy

Ein Loverboy ist ein Zuhälter, der meist ausländisch und noch sehr jung ist, reich wirkt und mit großzügigen Geschenken und viel Zuwendung versucht, Mädchen ab elf Jahren zur Prostitution zu zwingen, um so an viel Geld zu kommen. Weitere Infos: www.no-loverboys.de

(szr)

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Stadt plant keinen Ankauf vom Obelisken

Er galt lange als Favorit für einen Verbleib in Kassel über die documenta hinaus. Doch Kulturdezernentin Susanne Völker gab nun bekannt, dass es zur Zeit keine Pläne für …
Stadt plant keinen Ankauf vom Obelisken

Kassel: Falsche Polizeibeamte riefen mit "110" an: Alle vier Angerufenen durchschauten Betrüger

Um den Betrügern das Handwerk in Zukunft auch weiterhin so schwer wie möglich zu machen, bittet die Kasseler Polizei insbesondere die Angehörigen potentieller Opfer, mit …
Kassel: Falsche Polizeibeamte riefen mit "110" an: Alle vier Angerufenen durchschauten Betrüger

Briefwechsel: Endlich wieder Randale!

Sehr geehrte Wählerinnen und Wähler, na, da haben wir den Politkern aber mal so richtig was zu denken gegeben. Es war uns einfach zu ruhig in Deutschland. Da musste mal …
Briefwechsel: Endlich wieder Randale!

Handyklau auf Kasseler Kneipenmeile - Dieb hatte sieben Smartphones in der Tasche

Der 41-Jährige ist kein Unbekannter bei der Polizei, ist bereits mehrfach wegen Eigentumsdelikten aufgefallen.
Handyklau auf Kasseler Kneipenmeile - Dieb hatte sieben Smartphones in der Tasche

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.