Masernwelle: Auch Kassel kann Epidemie treffen

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In Berlin grassieren die Masern, 600 Menschen sind erkrankt. Wir sprachen mit der Leiterin des Gesundheitsamtes über die Gefahren für die Region.

Kassel. Eigentlich hatte sich Deutschland in Absprache mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Ziel gesetzt, die Masern bis 2015 auszurotten. Ein Ziel, das klar verfehlt wurde: Seit Oktober grassieren in Berlin die Masern; knapp 600 Menschen sind bislang erkrankt,ein anderthalbjähriger Junge ist an den Folgen der Krankheit gestorben. Wir sprachen mit Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel, über die Folgen für Nordhessen, Impfgegner und unterschätzte Risiken.

Frau Dr. Müller, kann eine solche Masern-Epidemie auch unsere Region treffen?Müller: Wir müssen jederzeit damit rechnen. Zwar ist die  Zahl der Masernfälle zurückgegangen, aber wir können uns noch nicht als masernfrei bezeichnen. Dafür müsste eine sogenannte Durchimpfungsrate von  mindestens 95 Prozent erreicht werden. Die haben wir nicht.

Wie hoch ist die Impfquote in der Region Kassel?Die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung 2014 zeigen, dass wir im Landkreis Kassel eine gute Quote von 95,4 Prozent erreichen, in der Stadt Kassel aber nur 91 Prozent. Dadurch ist ein ausreichender Schutz vor einer Epidemie nicht gegeben. Man darf nicht vergessen: Masern sind hochansteckend. 90 von 100 Personen können von einem Erkrankten angesteckt werden, wenn sie sich im selben Raum befinden.

Wer ist besonders gefährdet?Das sind einmal Kinder unter neun Monaten, die nicht geimpft werden können. Und alle nach 1970 Geborenen, die nur einmal oder gar nicht geimpft wurden. Besonders Frauen sollten die Impfung dringend nachholen. Denn werden diese Frauen schwanger und erkranken an Masern, erkrankt auch ihr Kind zu 90 Prozent.

Viele Menschen glauben, Masern seien eine harmlose Kinderkrankheit.Das ist falsch. Auch wenn die meisten Menschen die Masern problemlos überstehen: Die Ansteckung mit dem Virus schwächt oft wochen- und monatelang das Immunsystem und kann zu schweren Lungen- und Mittelohrentzündungen führen. In einigen Fällen greift die Erkrankung auf das Gehirn  über und kann zu schweren geistigen Schäden führen. Eines  von 1.000 erkrankten Kindern stirbt an einer Maserninfektion. Wieso sollte ich mein Kind dem Risiko aussetzen, wenn es einen Schutz gibt?

Dennoch gibt es viele Eltern, die sich bewusst gegen eine Impfung entscheiden. Besonders in den Stadtteilen Bad Wilhelmshöhe oder Brasselsberg ist die Impfquote deutlich niedriger als die gewünschten 95 Prozent. Woran liegt das?Vermutlich weil bildungsnahe Menschen eher glauben, das Thema hinterfragen zu müssen und meinen, besser informiert zu sein. Diese Personengruppe vom Gegenteil zu überzeugen, ist schwer.

In Berlin sind die Masern in Flüchtlingsunterkünften ausgebrochen. Wie gehen Sie in der Region mit dieser Problematik um?Das ist die nächste große Herausforderung. Diese Menschen sind meist nicht durchgeimpft. Schulpflichtige Kinder bekommen wir meist immer im Rahmen der Einschulungsuntersuchung zu Gesicht und lassen sie impfen. Aber der ein oder andere Erwachsene geht uns durch die Lappen.

Halten Sie eine Impfpflicht in Deutschland für richtig?Einerseits wurden dadurch die Pocken ausgerottet. Andererseits bin ich grundsätzlich eher dafür, die Menschen zu überzeugen, statt zu zwingen. Das Risiko, dass sich jemand aus Protest gegen eine staatlich verordnete Spritze nicht impfen lässt, ist hoch.

+++ "Lasst Eure Kinder impfen!" ZWISCHENRUF von Kristina Bräutigam ++++

Eigentlich gelten Nord-Holland und Rothenditmold als Kassels Problemstadtteile. Ginge es nach dem Gesundheitsamt, steht dieser Titel wohl eher den Stadtteilen zu, die als Vorzeige-Gegenden gelten. Denn viele Menschen im Vorderen Westen, in Kirchditmold oder Bad Wilhelmshöhe haben zwar Bildung, Geld und hübsche Häuschen, offenbar aber keine Lust, ihre Kinder impfen zu lassen. Bei schlappen 76 Prozent lag die Quote 2014 in Kirchditmold. In Wilhelmshöhe, der Südstadt und dem Vorderen Westen bei 78 Prozent.

Kassel bestätigt, was für ganz Deutschland gilt: Es sind vor allem Bildungsbürger aus der Mittelschicht und Akademiker, die Impfungen ablehnen, weil sie hinterfragen, belesen und vermeintlich besser informiert sind. Nahrung finden sie im Internet, das voll ist mit Seiten, die  Gefahren aufbauschen, wissenschaftliche Fakten verdrehen und so  Angst schüren. Der für seine Verschwörungstheorien bekannte Kopp-Verlag hat gleich zwei Bücher im Angebot, die sich mit der "Impf-Illusion” beschäftigen und unter anderem behaupten, dass Impfstoffe Autismus auslösen und  mit gefährlichen Substanzen kontaminiert sind. Man könnte die Vertreter solcher Thesen auslachen, wären Sie nicht ein Problem für jeden Einzelnen von uns. Denn Eltern, die ihren Kindern den Impfschutz bewusst verweigern, gefährden nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch andere. Babys, die noch zu jung für die Impfung sind. Oder Menschen, die eine Immunschwäche haben. Sich  nicht gegen Tetanus impfen zu lassen und das Risiko eines Wundstarrkrampfs einzugehen, ist eine individuelle Entscheidung. Aber bei ansteckenden Krankheiten wie Masern trägt der Einzelne eine Verantwortung gegenüber allen.

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