Mit dem Mauerfall fing es an: Fahrradliebhaber aus Ost und West fanden in Kassel zusammen

Als vor 30 Jahren die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet wurde machten sich viele Bürger auf, um die jeweils andere Seite zu entdecken. So auch Familie Straube aus Erfurt mit ihrem sechsjährigen Sohn Maik.

Kassel. „Es hieß damals im Radio, dass viele Menschen eine Unterkunft suchen werden und so meldeten wir uns bei der zentralen Meldestelle. Wir wollten gerne eine Familie mit Kind beherbergen“, erzählen Helmut und Petra Mauer aus Kassel, die sich noch gut daran erinnern können, dass die Stadt voller Menschen und Autos war. „Die ganze Leipziger Straße war eine einzige Trabi-Kolonne. Überall war blauer Dunst von den Zweitaktern“, erinnern sich die beiden. Kaum ein Durchkommen gab es, doch schließlich stand Maik Straube mit seinen Eltern vor ihrer Haustür in Bettenhausen. „Wir wurden herzlich in Kassel aufgenommen und aus dieser Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute währt“, erzählt der mittlerweile 36-jährige Maik. Sofort gab es damals ein Thema, welches alle miteinander verband: das Fahrrad.

„Unsere ersten Fahrräder wurde in Kassel bei Helmut gekauft, damit gingen wir regelmäßig auf Touren. Als Kind bin ich mit meinen Eltern um den Bodensee oder von Kassel an die Nordsee gefahren – alles auf zwei Rädern“, erzählt Straube. „Wir haben uns regelmäßig ausgetauscht, telefoniert und waren auch öfter zu Besuch in Erfurt. Da wurden Obst und Gemüse gegen Thüringer Rostbratwürstchen und Baumkuchen getauscht“, erzählt Petra Mauer. „Man war ja auch neugierig, wie es auf der anderen Seite der Mauer gewesen ist.“

Ein Blick zurück ins Fotoalbum zeigt, dass Maik Straube schon als Kind leidenschaftlicher Radfahrer war. Das erste gabs von Mauers Baikschopp.

Durch den regelmäßigen Austausch bekamen die Kasseler auch mit wie Maik Straube älter wurde, seine Leidenschaft zum Radfahren, dem BMX oder Trial fahren wuchs und er schließlich seine Lehre zum Verkäufer abschloss. „Wir suchten damals im Laden jemanden und Maik war perfekt. Wir haben gleich erkannt, dass er der Richtige für uns ist.“ Und so zog Straube 2004 von Erfurt nach Kassel, fing bei Mauers Baikschopp an und machte noch innerhalb eines Jahres seinen Einzelhandelskaufmann.

„So konnte ich mein Hobby zum Beruf machen und hatte direkt so etwas wie Familienanschluss. Helmut und Petra halfen mir dabei, eine Wohnung zu finden, einzurichten und die damals besorgte Waschmaschine läuft noch heute“, erzählt er und Petra Mauer ergänzt: „Ich war ein bisschen wie die Ersatzmutter, schließlich hatte mir Maiks Mutter damals aufgetragen, auf ihren Sohn aufzupassen.“

Viele Jahre standen die drei gemeinsam im Fahrrad-Laden und so verband Mauers und Straubes nicht nur 15 Jahre lang ein professionelles Arbeitsverhältnis – Helmut und Petra Mauer übergaben zum 1. Oktober Mauers Baikschopp an einen Nachfolger – sondern sie verbindet auch nach wie vor eine Freundschaft, die vor 30 Jahren nach dem Mauerfall ihren Anfang nahm – aus Zufall.

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